250 Jahre USA
Auf einem Floß in die Freiheit: Huckleberry Finn (Eddie Hodges) und der entflohene Sklave Jim (Archie Moore) treiben auf dem Mississippi in der Verfilmung "The Adventures Of Huckleberry" (1960) von Michael Curtiz. © picture alliance / Mary Evans / AF Archive
Der amerikanische Traum in zehn Great American Novels

Die Geschichte der USA spiegelt sich auch in der amerikanischen Literatur: Die sogenannten Great American Novels zeichnen ein widersprüchliches Bild des amerikanischen Traums. Manchen Figuren gerät er eher zum Albtraum.
Seit dem späten 19. Jahrhundert spricht man von den „Great American Novels“ – rund 20 Büchern, die das US-amerikanische Leben besonders treffend darstellen. Der Begriff geht auf den Schriftsteller John William De Forest zurück, der 1868 einen solchen Romantyp forderte.
Doch jeder Kanon spiegelt auch die Werte seiner Zeit. Postkoloniale oder queerfeministische Perspektiven würden heute andere Werke hervorheben.
Anlässlich des 250. Jahrestags der Unabhängigkeit der USA am 4. Juli 2026 richtet die Literaturredaktion von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur den Blick neu aus und erzählt die Geschichte des amerikanischen Traums in zehn Romanen.
Überblick
James F. Cooper: „Der Wildtöter“ (1823)
Herman Melville: „Moby Dick“ (1851)
Mark Twain: “Huckleberry Finns Abenteuer“ (1884/85)
F. Scott Fitzgerald: "Der große Gatsby" (1925)
Margaret Mitchell: "Vom Winde verweht" (1936)
N. Scott Momaday: "Haus aus Morgendämmerung" (1968)
Toni Morrison: „Beloved“ (1987)
Philip Roth: "Amerikanisches Idyll" (1997)
Jonathan Franzen: „Die Korrekturen“ (2001)
Elizabeth Strout: „Mit Blick aufs Meer“(2007/2008)
Herman Melville: „Moby Dick“ (1851)
Mark Twain: “Huckleberry Finns Abenteuer“ (1884/85)
F. Scott Fitzgerald: "Der große Gatsby" (1925)
Margaret Mitchell: "Vom Winde verweht" (1936)
N. Scott Momaday: "Haus aus Morgendämmerung" (1968)
Toni Morrison: „Beloved“ (1987)
Philip Roth: "Amerikanisches Idyll" (1997)
Jonathan Franzen: „Die Korrekturen“ (2001)
Elizabeth Strout: „Mit Blick aufs Meer“(2007/2008)
James F. Cooper: „Der Wildtöter“ (1823)
Richtige Männer, tückische „Indianer“ und edle Wilde
Muss man heute noch James Fenimore Coopers „Der Wildtöter“ oder gleich alle fünf „Lederstrumpf“-Romane lesen? Nicht unbedingt. Es sei denn, man will erfahren, wie die USA wurden, was sie sind. Der Roman “Der Wildtöter” ist vor allem vom amerikanischen Traum geprägt, sich das Glück rechtmäßig erobern und dabei die Natur unterwerfen zu dürfen – koste es so viele Menschenleben es wolle.
Herman Melville: "Moby Dick" (1851)
Ein Walfänger als Abbild der amerikanischen Gesellschaft
Herman Melvilles "Moby Dick" aus dem Jahr 1851 gilt als erste Great American Novel. Dabei ist die Geschichte von Kapitän Ahab und seiner Besessenheit, den großen, weißen Wal Moby Dick zu töten, weit mehr als eine Abenteuer- und Rachegeschichte. Sie ist auch eine Allegorie auf die politische Situation der USA kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs.
Die Besatzung auf der "Pequod" zeigt ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft mit all ihrer Ungleichheit. Die “Pequod” selbst steht für einen totalitären Staat, dem es, neben der Eroberung des amerikanischen Westens, um die Ausbeutung der Natur geht.
Mark Twain: “Huckleberry Finns Abenteuer“ (1884/85)
Die USA aus Sicht der Ausgegrenzten
Mark Twain landete 1884 mit "Huckleberry Finns Abenteuer" einen Riesenerfolg. Die Mischung aus Schelmenroman, Bildungsroman, Gesellschaftssatire und Abrechnung mit dem amerikanischen Traum erzählt von der Reise eines ungleichen Paares, die für beide in die Freiheit führen soll. Der 14-jährige bekennende Nichtsnutz Huck flieht vor seinem gewalttätigen Vater zusammen mit dem Sklaven Jim mit einem Floß auf dem Mississippi.
Das Neue an diesem Roman: Hier ergreift ein Randständiger, eben Huck, das Wort und spricht genauso, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Für Hemingway ist dies der Beginn der modernen amerikanischen Literatur.
Der ausgebüxte Außenseiter legt die viel größere Menschlichkeit an den Tag als die vermeintlich zivilisierten Bürger. Huck erkennt, dass auch Jim ein Anrecht auf ein selbstbestimmtes Leben hat, es ihm aber wegen seiner Hautfarbe verweigert wird.
Aus nur scheinbar naiver Kinderperspektive nimmt dieser Roman die Sklaverei und den Rassismus in den Blick. Er wird so zur literarischen Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Traum. Umstritten ist der Roman heute wegen Twains durchgängiger Verwendung des N-Worts.
F. Scott Fitzgerald: "Der große Gatsby" (1925)
Demontage des amerikanischen Aufstiegsversprechens
Schnelle Autos, Alkohol, Jazz, luxuriöse Partys: "Der große Gatsby" spielt in der Welt der Wohlhabenden in den wilden Zwanzigern an der US-Ostküste. Im Zentrum steht der mysteriöse Jay Gatsby, um dessen Herkunft sich Legenden ranken, der aber mit all seinem Reichtum eigentlich nur seine alte Liebe Daisy zurückgewinnen will.
Doch Fitzgerald erzählt mehr als eine tragisch endende Liebesgeschichte: Er schildert den Mythos der USA als Land der Selbsterfindung. Herkunft soll überwindbar sein, Erfolg jedem offenstehen, Zukunft wichtiger sein als Vergangenheit.
“Der große Gatsby” zeigt, wie begrenzt dieses Versprechen ist, damals wie heute. Denn die sozialen Schranken bleiben bestehen. Gatsby kann sich teure Hemden kaufen, eine Villa besitzen und Gäste bewirten: Er bleibt ein Eindringling in der Welt des alten Geldes.
Margaret Mitchell: "Vom Winde verweht" (1936)
Rassismus der Südstaaten
Weltweit 30 Millionen verkaufte Exemplare, zehn Oscars für die Verfilmung: "Gone with the Wind" aus dem Jahr 1936 ist ein Klassiker der US-Literatur. Die Zeit vor, während und nach dem US-Bürgerkrieg wird hier anhand der Geschichte von Scarlett O'Hara erzählt, Tochter eines wohlhabenden Baumwollplantagenbesitzers aus Georgia. Der Bürgerkrieg und seine Folgen kosten sie zwei Ehemänner.
Die Ereignisse werden aus Sicht der weißen Oberklasse der Südstaaten geschildert, die vor dem Krieg vom Sklavensystem profitiert hat. Scarlett denkt nie über ihre eigene Rolle bei der Aufrechterhaltung dieses Unrechtregimes nach. Zum Beispiel findet sie auch nach dem Krieg nicht, dass Schwarze das Wahlrecht haben sollten.
Insofern kann man den Roman auch als nostalgische Verklärung des alten Südens sehen. Es geht um rassistische Traditionslinien, die zur wachsenden Spaltung der amerikanischen Gesellschaft beigetragen haben und deren Nachwirkungen sich bis heute in Debatten über Rassismus, Erinnerungskultur und White-Supremacy-Bewegungen zeigen.
N. Scott Momaday: "Haus aus Morgendämmerung" (1968)
Kenne deine Wurzeln
"Haus aus Morgendämmerung" ist der erste Roman eines indigenen Autors in den USA, der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Hauptfigur Abel ist einer von 40.000 Native Americans, die im Zweiten Weltkrieg in der US- Armee gedient haben. Er kehrt traumatisiert zurück, verfällt zunehmend dem Alkohol und hat Schwierigkeiten, sich wieder in die Welt seines Stammes einzuordnen.
Er findet Arbeit außerhalb des Reservats, tötet jedoch einen Albino, der ihn zuvor gedemütigt hatte. Nach seiner Haft kommt er in Los Angeles bei anderen ehemaligen Reservatbewohnern unter. Aber er fühlt sich nicht heimisch, wird fast zu Tode geprügelt und geht am Ende wieder in die Berge New Mexikos, zurück zu seinen Wurzeln. Und er beteiligt sich wieder an den Ritualen der Navajo und Kiowa.
"Haus aus Morgendämmerung" zeigt die kulturelle Entwurzelung vieler Indigener im 20. Jahrhundert. Der Roman erzählt ihre Zerrissenheit zwischen den Traditionen ihrer Herkunft und den Anforderungen der weißen Mehrheitsgesellschaft.
Toni Morrison: „Beloved“ (1987)
Die verdrängte Geschichte der Sklaverei in den USA
Toni Morrisons „Beloved“ aus dem Jahr 1987 gilt als Meisterwerk der US-amerikanischen Literatur. Der Roman sorgte schon damals für Aufsehen, weil die Schwarze Autorin die Geschichte aus der Sicht ehemals versklavter Menschen erzählt.
Mit diesem Roman hinterfragt sie den amerikanischen Traum von Freiheit und Selbstbestimmung. Ihre Widmung “Sixty Million and More” richtet sich an die Menschen, die durch die Folgen der Sklaverei umgekommen sind und soll an sie erinnern.
Der Roman spielt zwar im 19. Jahrhundert. Doch Toni Morrison macht deutlich, wie die traumatischen Folgen der Sklaverei sowohl die ehemals Versklavten als auch die amerikanische Gesellschaft insgesamt prägen.
Philip Roth: "Amerikanisches Idyll" (1997)
Die Scheinheiligkeit des amerikanischen Traums
Das "amerikanische Idyll", das Philip Roth beschreibt, erweist sich als trügerisch. Roth zeigt die Anziehungskraft des amerikanischen Traums für jüdische Einwandererfamilien: das Versprechen, dass harte Arbeit, sozialer Aufstieg und vor allem Anpassung zu Anerkennung und persönlichem Glück führen.
Doch diese Erfolgsgeschichte beginnt bei Roth zu bröckeln: Die Tochter des Helden wendet sich gegen die scheinbar perfekte Welt ihrer Eltern und radikalisiert sich im Protest gegen den Vietnamkrieg.
Bei Roth entpuppt sich die glänzende Oberfläche des amerikanischen Versprechens als Scheinheiligkeit. Und Roth zeigt deutlich, dass politische Konflikte eben nicht nur in der Ferne der Politik ausgetragen werden, sondern Familien, Biografien, ja Körper durchdringen.
Jonathan Franzen: „Die Korrekturen“ (2001)
Die amerikanischen Buddenbrooks
Jonathan Franzen hat selbst einmal bekannt, wie sehr ihn Thomas Manns "Buddenbrooks" beeinflusst haben. Und so schreibt auch er vom "Verfall einer Familie", diesmal aber im Mittleren Westen der USA. Die Lamberts kommen zu einem letzten gemeinsamen Weihnachtsfest zusammen. Franzen entrollt dabei die gescheiterten Lebensentwürfe der drei erwachsenen Kinder: Chip, Gary und Denise.
Die multiple Krise der Lamberts, die Franzen in „Die Korrekturen“ schildert, hat inzwischen jede Schicht der USA erfasst. Den wirklichen „American Dream“ leben allenfalls Multimilliardäre, die von Marsmissionen träumen.
Elizabeth Strout: „Mit Blick aufs Meer“(2007/2008)
Der amerikanische Traum ersetzt keine Liebe
Elizabeth Strouts "Mit Blick aufs Meer" heißt im Original schlicht wie ihre Hauptfigur: Olive Kitteridge. Die pensionierte Mathematiklehrerin lebt in einer Kleinstadt in Maine und tritt den Härten des Lebens streng und chronisch schlecht gelaunt entgegen. Doch bei aller Biestigkeit ist Olive im Grunde eine Seele von Mensch und voller Herzensgüte, wenn es etwa darum geht, einer ehemaligen Schülerin zu helfen.
Präzise und warmherzig zugleich erfasst Elizabeth Strout die tiefen Wunden und die existentielle Verunsicherung ihrer Figuren. Viele von ihnen stammen aus einfachen Verhältnissen und obwohl ihnen ein sozialer Aufstieg gelingt, führt er zur Entfremdung von der Familie.
Anders als das amerikanische Erfolgsversprechen suggeriert, prägen Herkunft, Familie und soziale Zugehörigkeit ein Leben lang. Strout zeigt damit auch, dass – anders als es der amerikanische Traum verspricht – Erfolg und Ansehen nicht zwangsläufig zu Glück führen. Und dass sich Erfüllung weniger in Wohlstand und Karriere finden lässt, sondern in menschlicher Nähe, Verbundenheit und dem Gefühl, verstanden zu werden.
Text: Oliver Jungen / Online-Text: Andreas Buron





































