Heidelberg, Stadt der Romantik, das müsste eigentlich ein guter Ort sein, um eine müde gewordene Ehe wiederzubeleben. Doch die einwöchige Reise von Isolde und Bertram steht von Anfang an unter wenig vitalen Vorzeichen. Der 80. Geburtstag von Erika, Isoldes Mutter, soll im kleinen Kreis gefeiert werden. Allerdings muss die alte Dame ins Krankenhaus.
Bertram ist still erleichtert und möchte sofort wieder zurück nach Oldenburg. Er träumt schon von den Fleischbergen in seinem Lieblingssteakhaus. Doch die Woche muss unerbittlich abgesessen werden. In einem teuren Boutiquehotel für 500 Euro die Nacht.
Eine Frau, die sich im Recht fühlt
Weltuntergangsstimmung, zumindest in Bertrams Seele. Isolde versucht, sich mit Frohsinn zu wehren. Die Trübnis ihres Mannes geht ihr ohnehin auf den Geist. Und weil sie schon dabei ist, macht sie ihm im Hotelbett klar, dass sie keinen Sex mehr will. Sie sei mit dem Thema durch. Bertram, der den Walkürenkörper seiner Frau immer noch begehrt, ist fassungslos:
"Hältst du es denn wirklich für ausgeschlossen, dass sich das wieder ändert?" Er war verletzt durch ihre Schroffheit, außerdem wurde ihm gerade bange, was seine sexuelle Zukunft betraf. "Wie wäre es, wenn du mal zum Arzt gehst? Vielleicht ist es ja was Körperliches." "Was Körperliches? Natürlich ist es was Körperliches, was denn sonst?"
Aus Heinz Strunk: „Memories of Heidelberg“
Klar, es ist komisch, wenn Isolde ihren Bertram auflaufen lässt. Ihre Konter kommen schnell und mit der Treffsicherheit einer Frau, die sich grundsätzlich im Recht fühlt. Doch die Erzählstimme der erlebten Rede, also jenseits der Dialoge, ist näher an ihm als an ihr. Sie zieht die Leserin in die peinigende Demütigung eines Mannes hinein, der seinen Körper nicht mehr erträgt und heimlich Schokoriegel in sich hineinstopft. Dass er sich falsch ernährt, bekommt er täglich von seiner Frau zu hören. Manchmal schießt sie schnell mal ein Foto. Damit er sieht, wie schlimm es um ihn steht. Etwa, als er mit hochrotem Kopf den berühmten Philosophenweg hochkeucht.
Man behandelt sie wie räudige Hunde
Heinz Strunk passt die Geschichte der beiden Liebesmüden in ein Setting ein, dessen grausamer Realismus immer wieder ins Surreale kippt. Jeden Abend geht es aufs gleiche Gastroschiff gegenüber vom Hotel, ein ehemaliges Fahrgastschiff namens „Karolina“.
Dubios schon die Tatsache, dass sie am ersten Abend den Hotelzimmerschlüssel dort abholen müssen, die exakten Anweisungen bekommen sie per E-Mail. Aber immerhin werden sie da noch zuvorkommend bedient, mit italienischem Charme, mit Ciabatta und Oliven und einem Schnaps aufs Haus.
Doch jeden Abend wird der Service schlechter. Der vermeintliche Logenplatz entpuppt sich als Raucherecke, in die sie auch bei eisiger Kälte verbannt werden. Am Ende verhöhnt und verspottet man sie und behandelt sie wie räudige Hunde.
Isolde versucht, alles wegzulächeln. Dabei ist sie es, die es jeden Abend an den Ort der Schmach zieht. Die Musik in Endlosschleife bohrt sich in Bertrams Hirn, vor allem „Memories of Heidelberg“, der Schlager von Peggy March aus dem Jahr 1967.
Die Art, wie Heinz Strunk Schlager, Volkslieder, Heidelberg-Mythen und Theaterelemente mischt – etwa ein Frauentrio, das auf dem Schiff seinen unbedingten Amüsierwillen auslebt oder zwei Versicherungsvertreter, die sich rauchend in ihrem öden Kauderwelsch verheddern – zeigt den Unterhaltungsvirtuosen.
Langweilig wird es bei Strunk nie
Langweilig wird es bei Strunk nie. Doch es ist wie bei guten Rockbands. Die Quintessenz liegt in den langsamen Titeln. So lebt dieser Roman nicht von den lauten Effekten, sondern von der leisen Vergeblichkeit, mit der Bertram, Verwaltungsangestellter und noch nicht einmal sechzig, fast unmerklich aus dem Leben gleitet:
Er hat ein geordnetes Leben in Europa, der Insel des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands, in der Komfortzone zwischen Weltkrieg und Klimawandel verbracht. Sein ganzes Leben lang ist er verschont geblieben. Rezessionen, Sonntagsfahrverbot, Steuererhöhungen waren das welthistorisch Schlimmste, was ihm widerfahren ist. Vierzig Jahre hat er hinter einer geordneten Kette von Tagen gelebt wie hinter einer Mauer, und jetzt ist die Mauer weg.
Aus Heinz Strunk: „Memories of Heidelberg“
Heidelberg als Ort sprachlicher Ekstase hat wohl niemand so leidenschaftlich beschworen wie Brigitte Kronauer in ihrem Roman „Teufelsbrück“. Der bleiche Nebel des Kafkaesken, der bei Heinz Strunk in den Maitagen der Eisheiligen vom Schloss über den Neckar weht, umhüllt dagegen nicht nur das Porträt eines Paares, das in einer „Art Totenstarre“ zusammenbleibt, wie es einmal heißt. Es ist auch ein Epochenporträt: Deutschland in der Dauerschleife seiner Endzeitstimmung.