Drogensucht
Crack macht innerhalb kurzer Zeit abhängig – und die Konsumenten müssen die Dosis schnell erhöhen, um die erwünschte Wirkung zu erzielen © picture alliance / dpa / Stefan Jaitner
Crack erobert Deutschland

Immer mehr Kokain – und somit Crack – gelangt nach Deutschland. Die Zahl der Drogentoten ist in den vergangenen Jahren gestiegen, dann auf hohem Niveau stagniert. In Großstädten liegen suchtkranke Menschen auf der Straße. Was lässt sich dagegen tun?
Zwischen 2000 und 2012 sank die Zahl der Drogentoten von 2.030 auf 944 Fälle. Doch dann hat sich der Trend wieder umgekehrt. Ende 2023 wurden bereits mehr als 2.200 Drogentote verzeichnet.
Gleichzeitig überflutet Kokain Europa. In Deutschland hat sich die beschlagnahmte Menge von 2015 bis 2024 verachtfacht – auf inzwischen 24 Tonnen. Vor allem Crack – ein Gemisch aus Kokain und Natron – macht Drogenhilfeeinrichtungen zu schaffen.
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Wie verbreitet ist Crack-Konsum?
Wie viele Menschen Crack konsumieren, dazu gibt es keine belastbaren Daten. In der Kriminalstatistik wird Crack unter „Sonstiges“ geführt oder ist in den Zahlen für Kokain enthalten. Daher sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, schreibt das Bundeskriminalamt.
Das Institut für Therapieforschung in München schätzte 2024, dass in Deutschland rund eine halbe Million Menschen innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens einmal Crack oder Kokain konsumiert haben. Deutlicher zeigt sich der Trend in den Zahlen der Berliner Drogenkonsumräume. 2024 wurden 75 Prozent mehr Crack-Konsumvorgänge registriert als im Jahr zuvor.
Auch Langzeitbefragungen des Instituts für Therapieforschung zeigen, dass immer mehr Menschen illegale Substanzen zu sich nehmen. Gaben 1995 nur 0,8 Prozent der Befragten den Gebrauch von Kokain oder Crack an, waren es 2021 bereits doppelt so viele.

Bedenkliche Trendwende: Die Zahl der Drogentoten in Deutschland stieg in den vergangenen Jahren tendenziell wieder© Statista / bundesdrogenbeauftragter.de
Darauf muss das Hilfesystem erst noch eine Antwort finden. Denn ob im Frankfurter Bahnhofsviertel, in Hamburg-St. Georg oder in Berlin rund um den Görlitzer Park und am Leopoldplatz – überall dort, wo in deutschen Großstädten offene Drogenszenen existieren, liegen suchtkranke Menschen oft buchstäblich in der Gosse.
Für Anwohner sind dies oft unangenehme, wenn nicht sogar bedrohliche Zustände. „Es fühlt sich ziemlich unsicher an. Man weiß nicht, ob die nicht die Haustüren aufbrechen. Das passiert in dieser Gegend durchaus“, sagt ein Anwohner des Görlitzer Parks in Berlin-Kreuzberg.
Warum ist Crack so suchtgefährdend?
Crack macht innerhalb kurzer Zeit abhängig – und die Konsumenten müssen die Dosis schnell erhöhen, um die erwünschte Wirkung zu erzielen.
Obwohl Crack denselben Wirkstoff wie Kokain enthält, wirkt es sehr viel intensiver. Der Grund: Kokain wird meist über die Nasenschleimhäute und damit über eine verhältnismäßig kleine Aufnahmefläche aufgenommen. Crack wird hingegen meist geraucht.
„Bei Crack-Konsum über die Lunge und über die Lungenbläschen ist die Aufnahmefläche um ein Vielfaches, Millionenfaches größer. Und damit verbunden ist auch die Wirkstärke in der Aufnahmesituation um ein Vielfaches größer“, sagt Alexander Stoll, Chefarzt der Entwöhnungstherapie im Auguste-Viktoria-Krankenhaus der städtischen Berliner Vivantes-Kliniken.
Ab fünf Euro in Frankfurt und zehn Euro in Hannover ist Crack in einer Menge erhältlich, die für ein bis drei Konsumvorgänge reicht. Ein Konsumvorgang dauert nur wenige Minuten. Zehn oder mehr Konsumvorgänge pro Tag sind bei Menschen mit Cracksucht keine Seltenheit.
Crack werde häufig in sogenannten Binges konsumiert, erklärt der Sozialarbeiter Moritz Eckholt. „Ich konsumiere vielleicht mehrere Tage, durchgehend, bin also drei, vier, fünf Tage wach und dann irgendwann ist mein Geld aus, ich möchte vielleicht nicht konsumieren und dann muss ich vielleicht auch mal ein, zwei Tage schlafen, der Körper muss sich wieder beruhigen und dann geht es wieder von vorne los.“
Wie stellt sich die Drogen- und Suchthilfe auf Crack ein?
Die akzeptanzorientierte Drogenhilfe – die sich seit den späten 80er-Jahren etabliert hat – zielt darauf ab, Menschen trotz Drogenkonsums Hilfe zu bieten, damit diese möglichst gesund und ohne Infektionen leben können. Dazu gehört eine geschützte Umgebung zum Drogenkonsum, mit Hygieneprodukten und sauberen Konsumutensilien.
Doch Crack bringt für die Drogenhilfeeinrichtungen neue Probleme und Herausforderungen mit sich. Bisher waren die Angebote vor allem auf Heroin-Konsum ausgerichtet – eine Droge, die lang anhaltend beruhigt, während Crack nur für wenige Minuten stark aufputscht. Der Konsum sei also „sehr viel verbreiteter, sehr viel schneller“, so Melanie Bildesheim, Leiterin der Drogenhilfeeinrichtung Eastside. Ob Menschen mit Cracksucht für den kurzen Rausch überhaupt die Konsumräume aufsuchen, ist also fraglich.
Die Hilfseinrichtung „Stellwerk“ in Hannover setzt deswegen auch auf sogenannte „aufsuchende Sozialarbeit“. „Das bedeutet, dass wenn die Leute die Hilfe nicht mehr aufsuchen können, die Hilfe die Leute aufsuchen muss“, sagt der Sozialarbeiter Moritz Eckholt.
Außerdem müssen die Konsumräume baulich angepasst werden: Damit Crack dort konsumiert werden darf, sind zum Beispiel Entlüftungsanlagen notwendig. Zudem benötigen die Einrichtungen entsprechende Genehmigungen. Im Falle des „Stellwerks“ in Hannover müssen beispielsweise Stadt, Gesundheitsamt, Polizei und Staatsanwaltschaft zustimmen – so schreibt es die Konsumraumverordnung des Landes Niedersachsen vor. In anderen Bundesländern gelten ähnliche Regelungen.
Davon abgesehen stellt sich die Frage, ob die bisherigen akzeptanzorientierten Drogenhilfeeinrichtungen nicht an ihre Grenzen stoßen. Doch welche anderen Maßnahmen gibt es?
Gefährden drogenabhängige Menschen sich selbst oder andere, erlaubt das geltende Recht, sie auch gegen ihren Willen zu behandeln. Eine solche Behandlung darf jedoch nur ein Gericht anordnen – und auch nur, wenn zu erwarten ist, dass dem Betroffenen wirklich geholfen wird. Letztlich hängt das jedoch davon ab, ob der Patient mitwirkt oder nicht.
Uli Mühlan hat im Verlauf seiner 30-jährigen Drogenkarriere 40 Entzugsbehandlungen begonnen und wieder abgebrochen. Der endgültige Ausstieg sei ihm durch ein betreutes Wohnen mit Abstinenzgebot gelungen, erzählt er. „Wo ich andere Menschen um mich herumhabe, die auch clean leben. Am Anfang wurde auch meine Abstinenz überprüft durch Atem-, Alkoholkontrollen oder Urinkontrollen. Und dort hat sich dann ganz schnell eine Eigendynamik bei mir entwickelt.“ Der Weg zurück in ein drogenfreies Leben – mit neuen Freunden, Beziehungen und einer sinnstiftenden Tätigkeit – habe jedoch lange gedauert.
Einen weiteren Hoffnungsschimmer bietet eine medikamentöse Behandlung. Aussichtsreich sei der Einsatz von Medikamenten zur ADHS-Behandlung, zum Beispiel langwirksame Amphetamine, oder auch Methylphenidat, sagt der Psychiater und Suchtforscher Mathias Luderer.
„Welche Substanz besser ist, kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, aber es deutet alles darauf hin, dass diese ADHS-Medikamente in sehr hoher Dosierung möglicherweise Patienten mit Kokain- oder Crack-Abhängigkeit dabei helfen, abstinent zu bleiben oder zumindest weniger zu konsumieren.“
Im Sommer 2023 hat die Gesundheitsministerkonferenz vom Bund deswegen ein Forschungsprojekt gefordert, in dem mögliche Medikamente getestet werden sollen. Bisher jedoch ohne Ergebnis.
Frank Drescher, lkn



































