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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.11.2016

Zum Tod Ilse Aichingers"Eine vor Energie nur so berstende Literatur"

Iris Radisch im Gespräch mit Gabi Wuttke

Die Schriftstellerin Ilse Aichinger, aufgenommen in Wien 2002 (imago/SKATA)
Die Schriftstellerin Ilse Aichinger, aufgenommen in Wien 2002 (imago/SKATA)

Gegen die Absurdität der eigenen Existenz, als Sinn im Leben - so sah die nun verstorbene österreichische Schriftstellerin und Lyrikerin Ilse Aichinger das Schreiben. Das habe ihren Worten Macht verliehen, sagt "Zeit"-Literaturkritikerin Iris Radisch.

Kurz nach ihrem 95. Geburtstag ist die österreichische Dichterin Ilse Aichinger am Freitag in Wien gestorben. 1948 machte sie mit dem Roman "Die größere Hoffnung" erstmals von sich reden. Sie liebte aber auch die Novelle, das Hörspiel und die Lyrik. 

Das Schreiben gebe allem einen gewissen Sinn, sagte die hochbetagte Ilse Aichinger einmal. "Wenn mir auch nur ein Satz oder zwei gelingen, ist es doch, als wäre meine Existenz nicht ganz so völlig absurd, als bliebe noch ein Funken Sinn übrig."

Iris Radisch: "Worte waren das, woran sie wirklich hing" 

Die Literaturkritikerin der "Zeit", Iris Radisch, sagte im Deutschlandradio Kultur nach dem Tod Ilse Aichingers über deren Schreiben: "Das ist eine große poetische Präzision und Kälte, ein Minimalismus, sie hat ja eigentlich ganz wenig geschrieben, nur den einen Roman 'Die größere Hoffnung' und dann kleine Prosastücke, kurze Stücke, Erzählungen, Hörspiele, Lyrik; eigentlich ein ganz knappes Werk, ungeheuer verdichtet." Aichingers Schreiben sei immer auch ein Reflex gewesen auf ihre autobiografischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. 

Die Literatur-Journalistin Iris Radisch (dpa / Karlheinz Schindler)Wir sprechen mit der Literatur-Journalistin Iris Radisch über die verstorbene Schriftstellerin Ilse Aichinger (dpa / Karlheinz Schindler)

Trotzdem sei es keine traurige oder in irgendeiner Weise deprimierende Literatur. "Das ist ja eine vor Energie nur so berstende, gerade in diesem Minimalismus ganz aufgeladene Prosa." Die großen Motive seien die Einsamkeit, das Verschwinden. "Das geht einem auch sehr zu Herzen, ganz besonders, wenn man weiß, dass sie ihre Schwester verloren hat, dass sie ihre Großmutter verloren, dass ihre Mutter sich verstecken musste."

Aichingers Worte seien sehr mächtig gewesen, so Radisch. Nur im Schreiben habe sie Sinn gesehen. "Worte waren das, woran sie wirklich hing." Es habe aber wohl auch der Film dazugehört. "Sie war eine passionierte Kinogängerin, hat auch wunderbare Prosastücke über den Film geschrieben."

Hören Sie auch den Nachruf des Literaturkritikers Wolfgang Schneider auf Ilse Aichinger:

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