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Lesart | Beitrag vom 22.06.2019

Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" Fundament für neue Wohnbaudiskussion

Von Florian Felix Weyh

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Im Vordergrund ist das Cover des Buches "Neue Heimat. Das Gesicht der Bundesrepublik" zu sehen.  (Dölling und Galitz Verlag / Picture Alliance / dpa / Willy Pilzecker)
Viele der Erstbezieher wohnten ihr ganzen Leben in den "Neue Heimat"-Häusern, wie hier in Neue Vahr in Bremen. (Dölling und Galitz Verlag / Picture Alliance / dpa / Willy Pilzecker)

Beton-Alpträumen, Sozialghettos und dann die große Pleite. Von dem gemeinnützige Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" blieben vor allem schlechte Erinnerungen. Doch ein Sammelband zeigt, der Konzern trug maßgeblich zum Wiederaufbau der Bundesrepublik bei.

Ältere zucken vermutlich beim Namen "Neue Heimat" instinktiv zusammen. Er steht für Fehler der Stadtplanung wie für einen der größten Konkurse der Nachkriegszeit. In Zeiten der Immobilienkrise lohnt es sich aber, mit der Geschichte von Europas größtem und zudem noch gemeinnützigen Wohnungsbaukonzern vorurteilsfrei auseinanderzusetzen.

Das Urban-Krankenhaus und das futuristische ICC in Berlin hat sie gebaut, das Aachener Klinikum, ein Luxushotel in Monaco, vor allem aber Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen – die "Neue Heimat", ein Megakonzern der deutschen Gewerkschaften, gemeinnützig und schlagend erfolgreich in der Nachkriegszeit. 

Völlig überschuldetet Wohnungskonzern

Schon 1962 war sie Europas größter Wohnungsbaukonzern und hatte Hunderttausenden das gegeben, was ihr Name versprach: eine neue Heimat. Dennoch ist der Name bis heute verrufen. Man bringt ihn mit Beton-Alpträumen und Sozialghettos wie der Neuen Vahr in Bremen oder dem Hasenbergl in München in Verbindung und erinnert sich vor allem an den spektakulären Zusammenbruch des Konzerns im Februar 1982.

Eine Enthüllung des "Spiegel" förderte Mauscheleien des Managements zutage. Doch wie spätere Untersuchungsausschüsse klärten, war das nur vordergründig Schuld am Kollaps der "Neuen Heimat". Tatsächlich hatte das Management den Überblick über zahllose Untergesellschaften und Bauprojekte vor allem im Ausland verloren, die Firma war überschuldet.

Marktliberale hatte nur Hohn übrig

Der damalige FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff prägte die höhnische Formel "Eigennutz, Gemeinnutz, Nichtsnutz!" und orchestrierte damit den Untergang eines ganzen Wirtschaftszweiges: Zehn Jahre später hatte sich der DGB von all seinen Unternehmungen – Wohnungsbau, Versicherungen, Bankgeschäfte – verabschiedet , womit die gemeinnützige Wirtschaft einen Schlag erhielt, von dem sie sich nicht mehr erholte. Das Lambsdorf-Verdikt wirkt bis heute nach, jede nicht-gewinnorientierte Alternative steht automatisch unter dem "Neue Heimat"-Verdacht zwangsläufiger Misswirtschaft.

"Wir verstehen diesen Band nicht allein als Beitrag zur historischen Forschung, sondern auch als Anregung für die heutige Diskussion über Wohnungsbau in Deutschland", schreiben die Herausgeber des 800-seitigen Bandes, der in profunden Aufsätzen und zahlreichen opulenten Bilderstrecken die Geschichte eines märchenhaften Aufstiegs und fatalen Abstiegs minutiös und analytisch klar schildert. Das Versagen der Politik, die gesetzliche Regelungen für sozialen Wohnungsbau zu spät an veränderte Bedingungen anpasste, wird ebenso benannt wie die offenkundige Überforderung von Gewerkschaftsfunktionären, die sich immer mehr wie kapitalistische Baulöwen gerierten und ihre Schäfchen ins Trockene brachten.

Vor allem die Baupflicht für gemeinnützige Wohnungsunternehmen erwies sich in den 1970er-Jahren als fatal. Der Markt war gesättigt, die "Neue Heimat" wich ins Ausland aus und verspielte dort Milliarden.

Soziale Ghettos errichteten auch andere Bauträger

Dass Architekten damals in eine brutalistische Stadtplanung verliebt waren, in der Menschen gleichsam in Wohnbatterien gestopft wurden, ist dagegen kein Spezifikum der "Neuen Heimat", die in ihren Anfangsjahren Siedlungen im Stile der klassischen Moderne errichtete. Heute sind sie beliebt und denkmalgeschützt. Überhaupt blieben in vielen "Neue Heimat"-Siedlungen die Erstbezieher bis an ihr Lebensende wohnen.

"Bis heute weichen negatives Außenimage und vielfach positive Innenwahrnehmung häufig deutlich voneinander ab", schreiben die Autoren und rücken damit ein weiteres Vorurteil zurecht. Wer sich für die Bau- und Sozialgeschichte der Nachkriegszeit interessiert, kommt um diesen voluminösen Band nicht herum. Er könnte das Fundament einer neuen, sachlichen Wohnbaudiskussion werden.

Ullrich Schwarz (Hrsg.): "Neue Heimat -­ Das Gesicht der Bundesrepublik"
Dölling und Galitz Verlag, München und Hamburg 2019
800 illustrierte Seiten, 79 Euro

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