Wissenschaft

    Zwischen Fortschrittshoffnung und Skepsis

    31:46 Minuten
    Medizinisches Personal in Schutzanzug und mit Schutzbrille und -maske in einem Krankenhaus in Stavropol
    Wissenschafts und Forschung werden in der Coronakrise ein umkämpftes Feld: Sowohl Gegner als auch Befürworter der Coronamaßnahmen berufen sich auf wissenschaftliche Studien. © picture alliance / dpa / Sputnik / Denis Abramov
    Von Markus Metz und Georg Seeßlen · 28.10.2021
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    Auch heute wirkt der Glaube an Fortschritt durch Wissenschaft trotz mancher Dämpfer fort. Allerdings steht der Hoffnung, Probleme wie Klimaerwärmung oder Pandemien mittels Forschung zu lösen, vehemente Wissenschaftsskepsis gegenüber. Zu Recht?
    Am 1. Oktober 2021 eröffnet Kronprinz Scheich Hamdan Bin Mohammed Bin Rashid Al Maktoum die Weltausstellung in Dubai. "Köpfe verbinden, die Zukunft gestalten", lautet das Motto der ersten Weltausstellung im arabischen Raum. "Wenn die Welt zusammenkommt, schaffen wir ein besseres Morgen."
    Wir leben seit langer Zeit in einer großen Erzählung. Sie scheint jenseits der Religionen, jenseits der Nationen, sogar jenseits der politischen Systeme zu wirken. Diese Erzählung trägt den Titel "Fortschritt". Im Strang dieser mächtigen Erzählung – nicht nur vom Segen, sondern von der Unabdingbarkeit, ja, Lebensnotwendigkeit – von Fortschritt schien in den westlichen Ländern dieser Welt der Begriff geradezu gleichbedeutend mit menschlich. Und als sich diese Länder mit ihrem neu erworbenen Wissen und den neu erworbenen technischen Mitteln über die Erde auszubreiten begannen, da erklärten sie alle anderen Menschen, denen sie begegneten und denen sie Land, Rohstoffe und Arbeitskraft raubten, zu Wilden und Barbaren. So wurde Fortschritt auch zur Rechtfertigung von Kolonialismus, Rassismus und Ausbeutung. Denn wo Fortschritt zur Ideologie wird, da verlangt er Opfer.

    Die große Erzählung vom Fortschritt

    Die große Erzählung hatte in etwa folgende Form: Der wissenschaftliche Fortschritt erzeugt den technischen Fortschritt. Der technische Fortschritt erzeugt den ökonomischen Fortschritt. Der ökonomische Fortschritt erzeugt den sozialen Fortschritt. Der soziale Fortschritt erzeugt den individuellen Fortschritt. Der individuelle Fortschritt erzeugt – durch die Befreiung von niederer Arbeit durch Bildung und Wissen – den kulturellen Fortschritt. Der kulturelle Fortschritt wiederum erzeugt weiteren wissenschaftlichen Fortschritt. Und so weiter, bis irgendwann das Paradies der Vollkommenheit in einer Welt des ewigen Fortschritts erreicht wäre.
    "Ich habe gelernt, dass der Weg des Fortschritts weder kurz noch unbeschwerlich ist." – Schon Marie Curie stellte fest, dass Fortschritt kein Selbstläufer ist. Viele ihrer Wissenschaftler-Kollegen allerdings machten sich die Gleichung einer besseren Welt durch wissenschaftlichen Fortschritt gerne zu eigen. Und um die Lücke zu schließen zwischen einer Avantgarde, die sich als fortschrittlich verstand, und einer skeptischen Mehrheit, musste "Fortschritt" als Grundprinzip vermittelt werden. Durch Romane, die technische Wunder beschworen wie etwa die von Jules Verne. Durch bildhafte Ausschmückung in Büchern. Durch die Integration der Fortschrittshoffnung in die Pädagogik. Und: durch spektakuläre Schauen wie die Weltausstellungen.

    Weltausstellungen als Schaufenster des Fortschritts

    "Weltausstellungen spielten eine ganz wesentliche Rolle als Informationsangebot und als Vermittler von Wissen über vielfältige Gebiete und darunter eben ganz zentral Wissenschaft und Technik", sagt Angela Schwarz, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Siegen.
    "Man muss sich das so vorstellen, dass im 19. Jahrhundert, also 1851, mit der ersten Weltausstellung, die diesen Namen trägt, das wichtigste Massenmedium Zeitungen und Zeitschriften waren, und dass die Weltausstellungen demgegenüber nun eine vielfältige Ansammlung von Informationen – von Maschinen, von Werkzeugen, Produkten, aber auch Fertigungstechniken – boten wie kein anderes Medium in der Zeit."
    Eingang der Expo 2020 in Dubai bei Dunkelheit: In Neonlicht steht "Dubai Exhibition Center" über dem Eingang.
    Bis in die Abendstunden begrüßt die Expo 2020 in Dubai ihre Besucher. Die Weltausstellung steht unter dem Motto: Gedanken verbinden, die Zukunft schaffen.© picture alliance / Jürgen Schwenkenbecher
    Weltausstellungen waren dazu gedacht, einem Massenpublikum zu vermitteln, was das eigentlich war: Fortschritt. Sie fanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts alle paar Jahre in jeweils anderen Städten statt und erfüllten ihre Aufgabe mit Bravour. Allein die ersten fünf Ausstellungen sollen mehr als einhundert Millionen Zuschauer angelockt haben. Dabei setzten die Schauen zunächst auf die Wirkung der Maschinen selbst.

    Friedlicher Wettstreit um die fortschrittlichsten Ideen

    "Hinterher gab es dann, nachdem es nicht mehr nur den einen Ausstellungsraum, das eine Ausstellungsgebäude gab, sondern sich das auflöste in eine Reihe von Pavillons, dass es dann sogar ausdrücklich auch Galerien oder Maschinenhallen gab: sogenannte Paläste, in denen einzelne Technologien ausgestellt wurden, wie zum Beispiel der Palast der Elektrizität in Paris 1900. Und die Ausstellungen blieben nie statisch und veränderten sich ständig, weil die austragenden Städte, die Nationen, die dahinterstanden, sich in einem friedlichen Wettbewerb miteinander sahen. Und die nächste Ausstellung musste immer größer, spektakulärer, noch spannender, noch innovativer sein. Das hat sich eigentlich bis heute gehalten."
    Als massenwirksame Fortschrittsspektakel leisteten Weltausstellungen im 19. Jahrhundert drei Überzeugungsarbeiten. Zum einen rechtfertigten sie den Kolonialismus. Dazu dienten vor allem die sogenannten Völkerschauen, die Menschen ausstellten aus Gesellschaften, in denen die westliche Fortschrittsidee keine Rolle spielte, die man wie Kinder in einer Art unbedarften Selbstbegrenzung inszenierte und darüber ein Bild von "Unterentwicklung" verfestigte.
    Zum anderen propagierten die Schauen eine Politik des Freihandels, der die auf Rohstoffen aus den Kolonien basierende Industrieproduktion anheizte. Schließlich verpassten die Weltausstellungen den Produkten der industriellen Revolution ein soziales Design. Einen neuen Lastenaufzug nur auszustellen – das genügte nicht mehr. Man wollte neue Technik angewendet sehen, ausprobierbar, erfahrbar machen. Damit veränderte sich im Laufe der Jahre auch der Fokus der Weltausstellungen.

    Von Nationalstaaten zu Unternehmen

    "Das wandelte sich im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert – von den einzelnen Städten, die als Austragungsorte dienten, über die Nationen, die sich als Ausstellende verstanden, bis hin zu den Unternehmen, die im 20. Jahrhundert die führende Rolle übernahmen", sagt Angela Schwarz, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte. "Die war eben nicht mehr von Nationen, sondern von Unternehmern und ihrem Bemühen definiert oder beherrscht, sich selber und eine Corporate Identity, wie man heute sagen würde, zu präsentieren."
    Besucher vor einem Gebäude, dem Chateau d'Eau: Photochrome-Aufnahme von der Weltausstellung 1900 in Paris.
    Auf der Weltausstellung 1900 in Paris wurden in Palästen verschiedene Technologien vorgestellt. So gab es beispielsweise den Palast der Elektrizität oder des Wassers (hier zu sehen).© picture-alliance / akg-images
    So wandelte sich das Subjekt der Fortschrittserzählung: vom Nationalstaat und den Bürgerinnen und Bürgern zur Konzernmacht und den Kunden und Kundinnen. Von der Zurschaustellung wissenschaftlicher Errungenschaften und technischer Leistungsfähigkeit zum Marketing.
    Aber nicht nur Interessen und Design änderten sich. Durch die Entwicklung der Medien verlor die Weltausstellung ihre Bedeutung als Schaufenster des Fortschritts. Oder in einem Paradoxon gesagt: Die Weltausstellung verlor diese Bedeutung durch genau die Technologien, die in ihrem Rahmen ihre Weltpremieren erlebt hatten: Radio, Fernsehen, Internet – Medien, die nationale Grenzen überschreiten. Mit fortschreitender Globalisierung aber ist es das Spektakel, das Weltausstellungen noch immer als Vitalitätsschub der Fortschrittserzählung wirken lässt.

    Fortschritt durch Wissenschaft wird Common Sense

    "Ich würde sagen, dass die Weltausstellungen als Medium in mancherlei Hinsicht einzigartig geblieben sind, indem sie etwa die Welt an einem Ort, in einer Stadt zusammenbringen. Auch die Weltausstellung in Dubai – wieder unter so einem ähnlichen Zukunftsmotiv oder -motto gehalten: die Gedanken verbinden, die Zukunft schaffen – will genau das erreichen, dass die Welt sozusagen in Dubai zusammenkommt. Das leisten die Weltausstellung also nach wie vor. Und anders als zum Beispiel im World Wide Web oder auch im Fernsehen erlauben sie es, das Dargebotene mit allen Sinnen wahrzunehmen."
    Die Weltausstellungen und ihre medialen Nachbearbeitungen formulieren sie immer wieder neu: die Erzählung vom umfassenden Fortschritt durch die Verbindung von Wissenschaft, Technik, Ästhetik und Ökonomie zu einer Art von Wirklichkeit, der gegenüber man sich zwar kritisch verhalten, sie aber nicht einfach leugnen kann. "Wenn Max Weber von der ‚Entzauberung der Welt‘ spricht, dann meint er ja auch nicht, dass wir jetzt im Einzelnen wissen, wie eine Tram fährt, wie ein Auto fährt und wie ein Computer funktioniert", sagt Peter Schneider, Psychoanalytiker, Dozent und Autor. "Aber er meint damit eben auch einen Common Sense, in dem wir alle voraussetzen können, dass in einem Computer nicht viele kleine Männchen aus einer Parallelwelt sitzen, die mit jeder Eingabe, die man an einer Tastatur macht, innen drin wieder irgendwie Schalter umlegen, sondern dass das anders funktioniert."
    Wir alle werden Teil des Fortschritts und der Fortschrittserzählung, wenn wir vor Augen haben, dass eine Dampfmaschine kein Zauberwerk ist, dass hydraulische Kraft tatsächlich Gewichte hebt. Oder wenn wir erleben, dass es das Leben einfacher machen kann, wenn ein Telefon es ermöglicht, Sprecher an nahezu jedem Ort der Welt miteinander zu verbinden.

    Fortschrittserzählung in der Krise

    Aber natürlich rief die politische und ökonomische Absicht hinter solchen Inszenierungen immer auch Kritik hervor. "Weltausstellungen sind Wallfahrtsstätten zum Fetisch Ware", notierte Walter Benjamin in seinem Essay über Paris, Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Zur Zeit der Niederschrift, in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte die Fortschrittserzählung schon die ersten großen Brüche erfahren.
    Mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt entstand eine kleine Gruppe von Unternehmern und eine Masse von Lohnabhängigen. Es bildete sich eine Vorherrschaft des industrialisierten Westens gegenüber dem Rest der Welt. Er brachte, als die Nationen Europas ihre Widersprüche nicht mehr anders als durch Krieg lösen konnten, Bombenflugzeuge, Kampfgas und Panzer hervor. In der Weltwirtschaftskrise zeigte sich zudem, wie wenig Verlass darauf war, dass Fortschritt sozialen Frieden nach sich zieht und wie krisenanfällig die ökonomische Seite des Fortschritts war. Und die Erzählung vom Fortschritt sollte weitere Risse bekommen.
    Der Faschismus war der erste katastrophale Bruch der Fortschrittserzählung. Mit ihm und mit dem Krieg, den er über die Welt brachte, den Verbrechen, die im Namen seiner Ideologie begangen wurden, gab es eine negative Fortschrittserzählung. Eine, in der die Früchte des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in die falschen Hände gelangen. Könnte sich das nicht wiederholen?
    So entstanden im kollektiven Unterbewusstsein die Schreckgestalten des deformierten Fortschritts. Die "Mad Scientists", die verrückten Wissenschaftler, die in ihren Laboratorien nur Monster erzeugen können. Die Weltverschwörer und Diktatoren, die mögliche Zukunftstechnologien als Instrumente des Terrors einsetzen – Wissen über Atomphysik etwa für Atombomben.
    Schwarz-Weiß-Foto vom Atompilz über Hiroshima, aufgenommen kurz nach dem Abwurf der Atombombe am 6. August 1945
    Der Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 beendete den zuvor nahezu ungebrochenen Glauben, die Wissenschaft führe zu gesellschaftlichem Fortschritt.© picture alliance / AP Images / U.S. Army / Hiroshima Peace Memorial Museum
    Rund um die Atomkraft entwickelte sich dann auch der nächste Bruch mit dem Fortschrittsglauben. Die Technologie, die so furchtbare Waffen wie die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Bomben ermöglichte – die aber auch bei friedlicher Nutzung erhebliche Risiken beinhaltet, wie der GAU in Tschernobyl und die Tsunami-Katastrophe von Fukushima zeigten.

    Die Grenzen des Wachstums

    Der jüngste Bruch in der Fortschrittserzählung ist mit der Automatisierung und Digitalisierung verbunden. Zwar schien es eine Zeitlang denkbar, schwere, gefährliche und schmutzige Arbeiten auf Roboter und Künstliche Intelligenz zu übertragen, über das Internet Wissen zu demokratisieren und so einen Schub an Kultivierung, Intelligenz und harmonischem Zusammenleben zu ermöglichen. Eingetreten aber ist das Gegenteil: Statt Wissen verbreiten sich im Netz Fake News, Hate Speech und Cybermobbing – und die Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft führt vor allem dazu, dass die Zahl unsicherer Clickjobs steigt und mit ihnen die Working Poor.
    Der vielleicht endgültige Bruch in der Fortschrittserzählung begann allerdings bereits 1977, als der Bericht des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums" auch die Grenzen der traditionellen Vorstellung von wissenschaftlich-technischem Fortschritt andeutete. Der in kapitalistischen Marktwirtschaften eben immer auch mit Grenzüberschreitungen, mit Ausdehnung und Ressourcenverbrauch verbunden ist. Seither häufen sich Jahr für Jahr die Anzeichen, dass eine von Menschen gemachte Katastrophe naht, mit der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, dem Artensterben, der Klimaerwärmung.
    Zu Ende ist die Erzählung vom Fortschritt damit zwar nicht. Doch nach den Brüchen stehen sich zunehmend zwei fundamentalistische Lager gegenüber: die absoluten Fortschrittskritiker, die ein Zurück zur Natur fordern, und die absoluten Fortschrittsgläubigen, die alle Relativierung und Skepsis für nostalgischen Blödsinn und gefährliche Sabotage halten.

    Coronapandemie als Zäsur

    Hier markiert die Coronapandemie eine neue Zäsur, in der sich der Diskurs von Wissenschaftsgläubigkeit und Skepsis noch einmal umdreht. Plötzlich erweist sich, dass eine nicht geringe Anzahl von Menschen das wissenschaftliche Weltbild als gemeinsame Basis, als Common Sense, nicht mehr teilt – mitsamt der daran geknüpften Regeln von Evidenz, Nachprüfbarkeit und Faktizität. Aber so problematisch sich die Ablehnung dieses Weltbildes bei Verschwörungsfantasten, fundamentalistischen Sekten, Querdenkern oder Vulkanausbruch-Leugnern auch ausnimmt, eine fanatische Gegenbewegung zur Rekonstruktion der wissenschaftlichen Fortschrittserzählung ist ebenfalls problematisch.
    "Es hat sich in den letzten Jahren, vielleicht schon im letzten Jahrzehnt, eben gerade in der Abwehr von Verschwörungstheorien, von Wissenschaftsfeindlichkeit, eine neue Erzählung herausgebildet. Eben unter dem Motto ‚March for Science‘, ‚Follow the Science‘ – die den wissenschaftsphilosophischen Stand ungefähr um fast hundert Jahre zurückwirft", sagt der Psychoanalytiker Peter Schneider. Er hat 2020 das Buch "Follow the Science? Ein Plädoyer gegen wissenschaftsphilosophische Verdummung und für wissenschaftliche Artenvielfalt" veröffentlicht. Darin kritisiert er, dass man von der Wissenschaft zunehmend wieder verlangt, eindeutige und dauerhafte Wahrheiten zu liefern, wie es im 19. Jahrhundert gängig war.
    Ein Teilnehmer trägt bei einer Demonstration der Initiative "Querdenken 711" einen Aluhut.
    In der Coronakrise berufen sich Befürworter und Gegner der Maßnahmen auf Wissenschaft und Forschung. Verschwörungsmythen haben Konjunktur.© picture alliance / dpa / Christoph Schmidt
    "Es gibt eine neue Art von Positivismus, gemischt mit einem unreflektierten Popperianismus, Falsifikationismus. Und das ist so was von nicht mehr up to date in der Wissenschaftsphilosophie, wird aber aus verständlichen Gründen zurzeit zur Abwehr zum Beispiel von kruden Thesen von Corona-Leugnern oder Klimawandel-Leugnern verwendet."
    Kann es sein, dass die Wissenschaft sich ihrer Gegner nicht mehr anders zu erwehren weiß als dadurch, dass sie in alte, längst überwundene Elemente der Fortschrittserzählung zurückfällt? Und kann es zur gleichen Zeit dazu kommen, dass etwa die jüngste Ausgabe der großen Weltausstellung dieselbe enge Verbindung zwischen technischer Fortschrittsgläubigkeit und politisch-ökonomischen Interessen bieten will, die schon vor hundert Jahren kritisiert wurde?
    "Wenn man sich die Bewerbung dieser Weltausstellung anschaut, dann geht es auch dabei wieder darum – wie heißt das in einem Werbetext, den man im Internet finden kann, der einen zur Reise nach Dubai locken möchte: Man könne dort seinen inneren Technologiefan entfesseln", erzählt Historikerin Angela Schwarz. "Jetzt weiß ich nicht: Geht es da um Technologie, die uns helfen soll, den Klimawandel aufzuhalten, geht es um Technologie, die uns dazu bringen soll, viel bewusster mit unserer Umwelt umzugehen – ich bin auch da wieder etwas skeptisch – oder jetzt geht es mehr um Technologie, die wir immer noch sehr unkritisch in unserem Alltag ständig benutzen?"
    Tatsächlich gibt es eine Tendenz zur Entwissenschaftlichung der Welt. Einerseits zeigt sich eine Rückkehr zu esoterisch-magischem Denken. Andererseits wollen ökonomische und politische Kräfte vom wissenschaftlichen Fortschritt nur noch gelten lassen, was ihren Interessen nutzt.
    "Man kann sagen, dass das ganz stark mindestens zum Vorschein gekommen ist mit der Trump-Regierung, also tatsächlich mit Kürzungen von Budgets für wissenschaftliche Einrichtungen, mit einem klaren Statement gegen den Erweis eines Klimawandels", sagt Peter Schneider. "Und jetzt hat sich das gerade in letzter Zeit noch einmal verstärkt in der Reaktion auf die Klimaleugner, und das hängt ja alles zusammen. Und in dem Maße hat sich das auch verstärkt, dass man sich eben auf die Wissenschaft, die Wissenschaft im Singular, wieder verständlicherweise beruft, die nicht mehr abbildet, wie Wissenschaften tatsächlich funktionieren."

    Wissenschaftliches Weltbild im Wandel

    Es ist die Voraussetzung der großen Fortschrittserzählung, dass es nicht nur den Fortschritt in allen Lebensbereichen gibt, sondern auch eine intellektuelle und soziale Einheit namens Wissenschaft. Aber gerade diese Annahme ist: eher unwissenschaftlich. Ebenso wie eine saubere Aufteilung in interpretationsoffene Geisteswissenschaften und fakten- und beweisorientierte Naturwissenschaften.
    "Diese Zweiteilung in Geistes- und Naturwissenschaften hat schon ziemlich früh aufgehört zu funktionieren", sagt dazu Peter Schneider. "Insofern hätte man sagen können: Ja gut, in den Geisteswissenschaften, das ist insofern was Weicheres, da wird interpretiert – und in den Naturwissenschaften, da fällt der Entdeckungszusammenhang gleichsam irgendwann mal vom Entdeckten ab und kann dann isoliert werden – und da sind es dann echte Fakten. Der Witz ist eigentlich: Diese Vorstellung von Wissenschaft als etwas Sozialem, von etwas, was interpretiert werden muss, wo auch unterrichtet werden muss, wie man etwas sieht – das ist eigentlich an den Naturwissenschaften entdeckt worden. Also eben diese Entdeckung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache von Ludwik Fleck Mitte der 30er-Jahre: Der beschreibt das anhand der Medizin, Bakteriologie und Immunologie."
    Mit seinem Werk "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" legte der Mikrobiologe, Immunologe und Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck den Grundstein für eine moderne Wissenschaftstheorie. Hier wird gezeigt, dass und wie wissenschaftliche Fakten nicht einer objektiven und mechanischen Logik entspringen, sondern immer in einem historischen, sozialen und ideologischen Zusammenhang stehen. Ludwik Fleck beschreibt die Entstehung eines "Denkstils" als "gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen".
    Und daraus wiederum entsteht ein "Denkkollektiv", in dem Überzeugungen, Erfahrungen und Methoden möglich machen, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden.
    "Solche stilgemäße Auflösung, nur singular möglich, heißt Wahrheit. Sie ist nicht ‚relativ’ oder gar ‚subjektiv‘ im populären Sinne des Wortes. Sie ist immer oder fast immer, innerhalb eines Denkstils, vollständig determiniert. Man kann nie sagen, derselbe Gedanke sei für A wahr und für B falsch. Gehören A und B demselben Denkkollektiv an, dann ist der Gedanke für beide entweder wahr oder falsch. Gehören sie aber verschiedenen Denkkollektiven an, so ist es eben nicht derselbe Gedanke, da er für einen von ihnen unklar sein muss oder von ihm anders verstanden wird."
    Wissenschaft funktioniert nicht als linear aufgebaute, objektive Ansammlung von endgültigen Wahrheiten, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Umwelt, der Geschichte und der Natur entrissen haben. Auch in der Wissenschaft sind Widersprüche und Revisionen zulässig. Das gilt es zu verstehen. Das fällt vielen nicht leicht, auch vielen Wissenschaftlern nicht.
    "Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass man eben gar keinen Begriff davon hat, dass man etwas Historisches untersucht", sagt der Psychoanalytiker Peter Schneider. "Sondern man untersucht menschliche Verhältnisse, als wenn es anthropologische Konstanten wären. Dabei müssten diese Untersuchungen alle einen Zeitstempel haben. Was nicht heißt, dass es eine bestimmte Verfallszeit gibt. Aber es gibt natürlich eine ganz klare Veränderung des Gegenstandes."

    Abschied vom Common Sense

    Jede Erzählung vom Fortschritt ist in ihrem Kern abhängig von einem Grundvertrauen, das die einzelnen Abteilungen – Politik, Wissenschaft, Ökonomie und Kultur – in der Vermittlung untereinander und zur mehr oder weniger kritischen Öffentlichkeit haben konnten.
    Dieses Vertrauen geriet auch in der Vergangenheit immer wieder in Krisen. Aber heute scheint es nicht mehr unmöglich, dass sich die Krise des wechselseitigen Vertrauens in die Katastrophe vollständigen Misstrauens verwandelt. Dass es die große Fortschrittserzählung nicht mehr gibt, auch nicht in einer Variante der ökologischen Hoffnung, das liegt auch an einem Wissenschaftsbetrieb, der Transparenz und Selbstreflexion vermissen lässt.
    Es scheint sich ein weiterer Bruch der einst so großen Fortschrittserzählung abzuzeichnen, ein Bruch zwischen der sozialen und der geistigen Konstruktion von Wissenschaftlichkeit: eine Politik, die nicht mehr bereit ist, den Wissenschaften Autonomie und Freiheit in Forschung und Lehre zu garantieren. Eine Öffentlichkeit, die nicht mehr bereit ist, Wissenschaftlichkeit als Basis des Common Sense zu akzeptieren. Wissenschaften und Wissenschaftler, die nicht mehr bereit sind, der ökonomischen und sozialen Fortschrittserzählung zu gehorchen. Eine Ökonomie, die nicht mehr bereit ist, Wissenschaften auch jenseits der Marktförmigkeit von Wissen zu unterstützen.
    Ein Demonstrant hält ein Plakat mit der Aufschrift "Dem Klimawandel ist es egal, ob du an ihn glaubst" mit einem Foto von US-Präsident Trump bei einer Kundgebung von Fridays For Future zum globalen Aktionstag für mehr Klimaschutz.
    Wissenschaftliche Erkenntnisse scheinen zur Glaubensfrage degradiert zu werden.© picture alliance / dpa / Lucas Bäuml
    "Ich glaube, es gibt mehrere Gründe dafür, dass Wissenschaftlichkeit nicht mehr ohne Weiteres mit Fortschritt verbunden wird und auch nicht mehr ohne Weiteres mit einer Verbesserung der Lebensqualität", sagt Peter Schneider. "Spätestens mit der Atombombe, da fängt der Diskurs ja an: Wir haben uns da auf eine wissenschaftliche Weise in etwas hereingeritten, das wir nicht mehr beherrschen können. Das geht dann bis in die Medizin, wo diese Grundbesorgnis immer unter dem Motto verhandelt wird: Sollen wir wirklich alles machen, was machbar ist? Das betrifft Teile der Reproduktionsmedizin. Das betrifft aber auch sozialmedizinische Erwägungen – also zu sagen: Hunde, wie lange wollt ihr eigentlich noch leben? Und was macht das mit unserem Rentensystem und der Überalterung? Also dass die Wissenschaften grundsätzlich als Fortschrittsboten daherkommen, das ist vorbei."
    Um zu begreifen, wie es mit uns und unserer Welt weitergehen kann, müsste man also Wissenschaft und Fortschritt neu denken. Das würde nicht zuletzt auch eine neue Inszenierung, eine neue Erzählung verlangen. Doch statt nach einer solchen zu suchen, stecken wir fest zwischen unreflektierter Ablehnung und falscher Erwartung.
    Der wissenschaftliche Fortschritt schafft technischen Fortschritt nur unter anderem. Der technische Fortschritt schafft ökonomischen Fortschritt nur bei Gelegenheit. Der ökonomische Fortschritt schafft sozialen Fortschritt nur für wenige. Der soziale Fortschritt schafft in einer gespaltenen Gesellschaft individuellen Fortschritt entweder als Privileg oder als Desaster. Der individuelle Fortschritt erzeugt den kulturellen Fortschritt höchstens in Form von Markt und Marketing. Der kulturelle Fortschritt erzeugt vor allem Skepsis, Spott und Verzweiflung. Und so weiter...
    Die Ungleichzeitigkeit, den weiteren Bruch der Fortschrittserzählung, drückt wohl nichts besser aus als Dubai als Ort der Weltausstellung: Ein Ort, wo das Wort "Demokratie" ein Verbrechen darstellt, wo man die Nacktheit von Michelangelos David-Statue im italienischen Pavillon verhüllen zu müssen glaubt und wo vergewaltigte Frauen bestraft werden für "außerehelichen Sex". Der Fortschritt in Wissenschaft und Technik hat sich auch in seiner Repräsentation offenbar ganz dem Diktat politischer Macht und ökonomischer Interessen unterworfen.

    Kritisch-realistische Auffassung von Wissenschaft gesucht

    Was jetzt nötig ist, ist eine kritisch-realistische Auffassung von Wissenschaft. Weniger eine, die darauf abzielt, eine Welt des ewigen und universalen Fortschritts zu errichten – als vielmehr eine, der es darum geht, das Schlimmste zu verhindern: Fossile Brennstoffe und Atomkraft zu ersetzen. Nachhaltige Formen der Ernährung zu entwickeln, um weitere Klimaerwärmung zu verhindern. Neue Gesellschaftsformen jenseits der an ihre Grenzen geratenen Verbindung von Kapitalismus und Demokratie und ihrer populistischen Verführungen vorzuschlagen. Der entfesselten Information in Big Data eine den Menschen und nicht dem Profit und der Macht dienende Struktur zu geben. Und so weiter.
    Vielleicht können wir uns von der Vorstellung einer endgültigen objektiven wissenschaftlichen Wahrheit verabschieden, ohne alles Denken und Handeln in den beliebigen Streit der Meinungen zu verwandeln. Einen Streit, in dem man mit demselben Recht behaupten kann, die Erde sei eine Scheibe, wie dass aus dem Zusammentreffen von Säure und Lauge mit größter Wahrscheinlichkeit ein Salz entstehe.
    Eine neue Idee des wissenschaftlich-technisch-sozialen Fortschritts wäre es vielleicht, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich alle Beteiligten darauf verlassen können, dass in der Forschung Standards eingehalten werden. Etwa, dass Forschungsfragen, Auftraggeber und Finanzierung transparent gemacht werden, dass Samples, Experimentieranordnungen und Methoden klar und für andere nachvollziehbar sind, dass die Öffentlichkeit Zugang zu den Ergebnissen hat. Zwar kann man auch von so einer Wissenschaft keine Wunder verlangen. Aber vielleicht ist sie der dringend erforderliche Partner in der neuen Welterzählung von der einer Menschheit, die nicht mehr am Wachstum, sondern am Glück orientiert ist. Am wirklichen Fortschritt eben.

    Sprecherin: Cornelia Schönwald
    Sprecher: Thomas Holländer
    Regie: Klaus-Michael Klingsporn
    Ton: Hermann Leppich
    Redaktion: Lydia Heller

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