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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.01.2016

Willy Brandt, Helmut Schmidt: "Partner und Rivalen"Sie waren einig, nicht einig zu sein

Von Stefan Berkholz

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(Kurt Rohwedder / dpa)
Willy Brandt (l) im Gespräch mit Helmut Schmidt. (Kurt Rohwedder / dpa)

"We agree to disagree", schrieb Willy Brandt an Helmut Schmidt. Der antwortete ihm, trotz Meinungsverschiedenheiten nie an Brandts politischer Leistung gezweifelt zu haben – so der Tenor aus 700 Schreiben in 35 Jahren Partnerschaft und Rivalität.

Kurz vor Willy Brandts Tod im Oktober 1992 überraschen kameradschaftliche, ja freundschaftliche Töne zwischen den einstigen Rivalen in der SPD. Helmut Schmidt zieht eine versöhnliche, ja eine schmeichelhafte Bilanz ihrer Politpartnerschaft.

"Was auch immer in den letzten zwanzig Jahren uns bisweilen etwas voneinander entfernt hat, ich habe nie an Deiner überragenden Gesamtleistung für unser Volk gezweifelt. Deshalb bin ich Dir immer verbunden geblieben – und bin es heute umso mehr."

Es ist das letzte ermittelte Schreiben in dieser ausufernden Korrespondenz. Herausgeber Meik Woyke verspricht, auf 900 Seiten sämtliche derzeit bekannten Dokumente aus den Jahren 1958 bis 1992 abgedruckt zu haben, das sind mehr als 700 Schreiben aus 35 Jahren.

Eine Arbeitskorrespondenz ohne Herzlichkeit

Selten berührt der Austausch allerdings private Seiten der Briefpartner, von Herzlichkeit keine Spur. Es ist in erster Linie eine Arbeitskorrespondenz. Viel Aktenstaub befindet sich in diesen Blättern, darunter sind reine Dienstschreiben in nüchterner Verwaltungssprache. All dies ist sicherlich für Historiker von Interesse.

Aber es finden sich auch für politikinteressierte Laien aufschlussreiche Zeilen, wie diese von Helmut Schmidt vom Januar 1970:

"Du batst 1) um Verständnis, 2) um Geduld und 3) um freundschaftliche Kooperation. Was Ziffer 2) angeht: mein ganzes Leben habe ich den ernsten Willen dazu immer wieder aufs Neue gefasst, aber oft genug spielt mir Ungeduld einen Streich. (…)

Lass‘ mich ein Wort hinzufügen: je mehr man informiert und ins Vertrauen gezogen wird, je mehr ist Kooperation möglich; oder mit anderen Worten: Bitte lass‘ uns wichtige politische Entscheidungen nicht im Küchenkabinett zustande kommen."

Charaktere von großer Unterschiedlichkeit

Ein Herz und eine Seele waren diese beiden Sozialdemokraten nie. Zu verschieden die Herkunft, das Gemüt, auch die Ansichten zur eigenen Partei.

Willy Brandt hatte im Widerstand gegen Hitler gekämpft, Helmut Schmidt hingegen, der fünf Jahre jüngere, diente als Offizier der deutschen Wehrmacht unter Hitler. Diese Lebenswege prägten sie auch: diplomatisch, leise und zweifelnd der eine, der einst ins Exil vertrieben wurde; herrisch, besserwisserisch und polarisierend hingegen der militärisch Geschulte.

Auf dem Tiefpunkt angelangt waren die "Partner und Rivalen" im Winter 1982, nach der Abwahl Helmut Schmidts als Bundeskanzler. Er zog in einem persönlichen Schreiben an Brandt eine niederschmetternde Bilanz:

"Wir sind eben tatsächlich seit einem Jahrzehnt verschiedener Meinung über Aufgabe und nötige Gestalt der deutschen Sozialdemokratie."

Eine vollständige Chronologie ohne Überraschungen

Doch Willy Brandt blieb auch in diesen Tagen tiefster Verbitterung versöhnlich und versuchte zu vermitteln. Drei Wochen später antwortet er.

"Ich teile Deine Meinung, dass es wenig sinnvoll ist, diesen Teil bzw. diese Form unseres Meinungsaustausches weiterzuführen.

Ich brauche dann kaum noch zu bestätigen, dass ich mir eine Reihe von Deutungen, auch Erinnerungen, die die Entwicklung der Partei (und meinen Beitrag dazu) betreffen, ausdrücklich nicht zueigen machen kann.

Insofern bleibt uns – auf diesen Teil bezogen – kaum etwas anderes übrig, als uns auf das angelsächsische 'agree to disagree' zu verständigen."

Sie waren einig, nicht einig zu sein. Insofern enthält die dickleibige Briefedition wenig Überraschendes, wenig über das hinaus, was bisher aus der Sekundärliteratur bekannt war. Aber man hat hier nun endlich die vollständige Chronologie im Überblick.

Schmidt erlebt man als schreibfreudiger, Brandt hingegen reagiert häufig nur.

Die sorgfältige Edition mit Personen- und Sachregister erlaubt einen schnellen Zugriff, die sehr nützliche, umfangreiche Einführung des Herausgebers gibt einen guten Einblick, in Anmerkungen werden Hintergründe und Korrekturen hinzugefügt. Der Materialband kann somit immer wieder rasch zur Hand genommen werden. 

Willy Brandt, Helmut Schmidt. Partner und Rivalen. Der Briefwechsel (1958–1992)
Herausgegeben und eingeleitet von Meik Woyke
Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2015
1104 Seiten, 39,90 Euro 

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