Wassermangel

Ein Taunus-Ort kämpft gegen die Trockenheit

10:20 Minuten
Eine vertrocknete Distel steht neben einem trockenen und abgeernteten Acker.
Angesichts der großen Trockenheit spart die Gemeinde Grävenwiesbach Wasser. Zugleich wird ein Konzept entwickelt, wie in Zukunft wieder mehr Grundwasser gewonnen werden kann. © imago / Ralph Peters
Von Ludger Fittkau · 22.08.2022
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Gartengießen oder Autowaschen mit Trinkwasser ist im hessischen Grävenwiesbach derzeit verboten. Die Trinkwasserversorgung ist wegen des Klimawandels gefährdet. Die Kommune zieht alle Register, um des Problems Herr zu werden.
Trinkwasser ist in Grävenwiesbach, einer Gemeinde mit 5000 Bürgerinnen und Bürgern im hessischen Taunus, so knapp, dass hier der Wassernotstand ausgerufen wurde – zunächst bis zum 30. September. Dass es im Ort nach extrem regenarmen Jahren nun an trinkbarem Grundwasser mangelt, habe hydrogeologische Ursachen, erklärt CDU-Bürgermeister Roland Seel:
„Der Taunus als Faltgebirge besteht überwiegend aus Grauwackenstein und Schiefergestein. Die sind kaum durchlässig. Das heißt, wenn Niederschläge kommen, sickern die so gut wie gar nicht in den Boden ein.“ Die Erdkrume sei maximal zehn Zentimeter tief. „Je heftiger es regnet, desto schneller fließt dieses Wasser, wenn nicht direkt an der Oberfläche, dann spätestens auf der ersten Steinschicht, ab.“ Dann laufe es in die Bäche und lande letztlich in der Lahn oder im Rhein. „Es geht nicht in die Grundwasserspeicher, das ist das Grundproblem derzeit.“
Um die Grundwasserspeicher im Taunus bei den geologischen Besonderheiten zu füllen, bräuchte es Dauerregen – den es seit Jahren nicht mehr gibt. Zu Beginn des Hochsommers nahm die Gemeinde Grävenwiesbach beispielsweise in einer Stunde 20 Kubikmeter Wasser aus einem Trinkwasser-Hochbehälter. Sie kann aber nur neun Kubikmeter in der Stunde nachfüllen. Deshalb ist das Bewässern von Gärten und landwirtschaftlichen Flächen mit Trinkwasser nun ebenso verboten wie das Füllen privater Schwimmbecken oder das Autowaschen.

Duschwasser in die Toilette

Der konservative Bürgermeister Roland Seel entwickelt nun wasserpolitisch umstürzende Ideen. Die seien allerdings nur durch Bundesgesetzgebung umzusetzen, glaubt er. Es müsse verpflichtend sein, dass jeder Neubau über ein „eigenes Hauswasserwerk“ verfügt. Das bedeutet: Beim Duschen und Baden das Wasser nicht direkt dem Kanal zuführen, sondern über das Hauswasserwerk oder bestimmte Filtermechanismen in ein Reservoir und dann in die Toilette spülen. „Den Liter Wasser, den kann man zweimal gebrauchen.“ Das müsse aber bundesweit passieren, sagt er: „Damit die Solidargemeinschaft nicht ihren Zusammenhalt verliert.“
Denn die lokal sehr unterschiedlichen Bedingungen der Trinkwassergewinnung bewirkten einen Zwang zu einem Finanzausgleich auch in diesem wichtigen Sektor. „Der Vordertaunus – oder auch das hessische Ried beispielsweise – hat andere Bodenaufbauschichten und Sedimente.“ Da sei die Versickerung deutlich einfacher zu machen. Möglicherweise gebe es dort an der einen oder anderen Ecke auch keine Trinkwasserknappheit. Nur: Es müssten bundesweit für alle die gleichen Verhältnisse geschaffen werden, fordert Seel.

Wasserversorgung bei Neubauten nicht bedacht

Auf den Straßen der Taunus-Gemeinde Grävenwiesbach reagieren die Menschen sehr unterschiedlich auf den Trinkwassernotstand. Wer schon länger im Ort lebt, hat sich an die Wasserknappheit in den Sommern bereits gewöhnt. Das gehe bereits drei, vier Jahre so, sagt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. „Wir sind es gewohnt, zu sparen.“ Gut sei, sich eine Zisterne für den Garten anzuschaffen. Doch die Natur leide trotzdem.
Die Zisternen in den Privatgärten, in denen das oft rare Regenwasser gesammelt wird, ist nicht nur für die Bewässerung der Pflanzen am Haus wichtig, erklärt die Frau – sondern auch zur Bekämpfung von Feld- und Waldbränden. Mit bisher 180 Bränden in Hessen gibt es in diesem Jahr den bisherigen Allzeit-Negativ-Rekord. Die Zisternen können da wichtig werden.

"Dramatisches Ausmaß der Wasserknappheit"

Obwohl sie selbst vor zehn Jahren in Grävenwiesbach neu gebaut hat, sieht sie in den Neubaugebieten im Ort, der rund 40 Kilometer nordwestlich von Frankfurt am Main noch vergleichsweise günstige Bauplätze bietet, auch einen hausgemachten Grund für die Wasserknappheit. Bei den großen Neubaugebieten sei versäumt worden, dafür zu sorgen, dass für die zusätzlichen Menschen auch mehr Wasser zur Verfügung stehe.
Vogelsberglandschaft mit Dorf und Frühjahrsblumen
Vogelsberg in Hessen: Von dort fließt Wasser nach Grävenwiesbach.© picture alliance / rp-images
Ein Mann, der ebenfalls ungenannt bleiben will und sich mit seiner Familie in Coronazeiten entschieden hat, nach Grävenwiesbach zu ziehen, ist überrascht vom „dramatischen Ausmaß der Wasserknappheit“, wie er sagt. „Wir haben eine Zisterne von 10.000 Litern, das ist trotzdem zu wenig. Da müssen die was machen.“

Solidargedanke bei der Wasserverteilung

Die – das sind die Beamtinnen und Beamten im Rathaus um den CDU-Bürgermeister Roland Seel. Der räumt ein: Vor rund 20 Jahren, als die Hauptplanungen für die Neubaugebiete liefen, sei das Wasserproblem schlichtweg noch nicht genügend berücksichtigt worden. Seel weiß aber auch: Heute kann er nicht einfach noch mehr als ohnehin schon die Fernwasserleitung aus dem Vogelsberg anzapfen, durch die vor allem die nahegelegene Metropole Frankfurt am Main einen Teil des Trinkwassers bekommt. Denn auch im Vogelsberg ist das Wasser inzwischen sehr knapp geworden und es gibt Proteste gegen den Wasserverkauf an die Großstadt.
Etwa 20 Prozent, vielleicht jetzt 25 Prozent beziehe Grävenwiesbach von seiner Nachbarschaft, sagt Bürgermeister Seel. Über die Stadt Usingen auch über die Hessenwasser-Leitung, die vom Vogelsberg kommt. „Und klar ist: Da kann man nicht einfach bestellen, wir brauchen nochmal 50.000 Kubikmeter pro Jahr. Das Wasser wird an anderer Stelle knapp.“ Der Solidargedanke sei in der Diskussion in jedem Fall ausgeprägt.

Waldumbau und Laufbrunnen für die Zukunft

Es muss also vor allem Wasser gespart werden. Außerdem soll der Gemeindewald so umgebaut werden, dass künftig wieder mehr Wasser im Wald versickern kann und damit auch das oberflächennahe Grundwasser auffüllen hilft – so die Hoffnung im Rathaus.
Man dürfe den Trinkwassernotstand nicht isoliert betrachten, so Roland Seel. Es gebe einen Zusammenhang beispielsweise mit dem Waldsterben. „Wir haben eine Menge an Gemeindewald und haben auch einen sehr hohen Fichtenanteil, über 350 Hektar, die durch die Borkenkäfer-Kalamität weggebrochen sind. Dadurch ergeben sich große Kahlflächen. Der Boden trocknet aus, keine Beschattung, wenn Wasser drauf regnet, kann es nicht sickern.“ Das Wasser fehle dem Wald, aber auch in den Grundwasserspeichern.
Der Gemeindewald werde nun so umgebaut, dass er deutlich mehr Grundwasser speichern kann als die bisherigen Fichten-Monokulturen. Etwa mit kleinen Rückhaltemulden im Wald, dort, wo erkennbar sei, dass das Wasser abwärts fließe.
Auch die alten Brunnen im Ortsteil Hundstadt sollen im nachhaltigen Wasserkonzept der Zukunft der Taunusgemeinde wieder eine größere Rolle spielen als bisher – auch das verspricht der Bürgermeister: „Wir haben hier bei uns in einzelnen Ortsteilen sogenannte Laufbrunnen. Es gibt in den Feldern und Wiesen feuchte Stellen. Da tritt Sickerwasser aus, und das ist schon vor Jahrhunderten aufgefangen worden über Rohrleitungen und geht in die sogenannten Laufbrunnen.“ In den Laufbrunnen ist kein Trinkwasser, sondern Grauwasser, beispielsweise für den Gartenbedarf. Ein Landesprogramm in Hessen fördert heute wieder die Sanierung dieser Laufbrunnen.

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