Versöhnung, Freundschaft, Differenzen

Der Dichter Paul Celan © picture alliance / dpa
19.04.2012
Drei Briefwechsel Paul Celans hat Barbara Wiedemann herausgegeben. Die Korrespondenzen mit Vertretern des deutschen Nachkriegsromans zeigen Verbindendes, aber auch Trennendes - und eine große Ambivalenz in der Freundschaft mit Rolf Schroers.
Diese drei Briefwechsel beginnen nach Paul Celans Lesung bei der Gruppe 47 im Jahre 1952 an der Ostsee. Derjenige mit Heinrich Böll bleibt äußerst marginal. Auch mit Paul Schallück, der sich redlich um eine christlich-jüdische Versöhnung bemüht, bleibt der Briefwechsel überraschend verhalten. Eine etwas engere Freundschaft entwickelt sich nur zu Rolf Schroers, und das wirkt verblüffend. Denn dieser war im Zweiten Weltkrieg ein ranghoher Wehrmachtsoffizier und in der "Abwehr" im Kampf gegen italienische Partisanen eingesetzt. Das ist eine äußerst weitreichende Verstrickung. Celan selbst, der überlebende Jude, bemerkt in einem Brief an seine Frau nach seinem ersten Besuch bei Schroers: Er habe hier "allzuviele Spuren einer Vergangenheit voller schrecklicher Dinge bemerkt".
Was Celan dennoch Vertrauen zu Schroers fassen lässt – und das ist gerade in seiner Ambivalenz interessant –, das ist dessen publizistischer Einfluss sowie dessen Bewunderung seiner Gedichte. Obwohl Schroers bei seinen Lobpreisungen oft sehr schwülstig wird, zeigt sich Celan durchaus zugänglich für diesen hohen Ton. Schroers sucht in etlichen Anläufen eine elitäre, poetische Gemeinsamkeit. Die eigene deutsche Schuld, die er verquält eingesteht und an der er sehr zäh laboriert, wird durch ein Gefühl des auserwählt Seins überdeckt. Schroers stellt sich, ohne dies zu reflektieren, mit Celan und dessen Schicksal auf eine Stufe: "Als Menschen, Paul, kommen doch immer nur wenige in Betracht, die, Jude oder nicht, von der Meute gehöhnt werden."

Es ist erstaunlich, gerade angesichts Celans Sensiblität für die üblichen deutschen Töne, dass er den Kontakt mit Schroers über Jahre hinweg aufrecht erhält. Natürlich fällt es auf, dass Schroers den Hauptanteil dieses Briefwechsels trägt, er schreibt vielfach sehr lange Briefe hintereinander, während Celan eher selten und meist knapp antwortet. Aber erst, als ihm Schroers Anfang 1960 einen Versuch über das Thema "Juden" schickt, ist die Grenze erkennbar überschritten. Und als dann 1961 Schroers' Buch "Der Partisan" ins Haus kommt, beendet Celan sofort und abrupt jeglichen Verkehr.

In Celans Exemplar finden sich Unterstreichungen bei Wörtern wie "artfremd" oder "Mischpoke". Merkwürdig ist allerdings, dass die Herausgeberin des Briefwechsels diese zentralen Momente gar nicht weiter thematisiert, sondern sich an einer Ehrenrettung von Rolf Schroers versucht und den besonderen Charakter dieser Dichterfreundschaft betont. Dabei macht sie eine ganz andere Front auf: Ohne konkrete Belege behauptet sie, Celan habe den Kontakt mit Schroers vor allem wegen Intrigen Hans Werner Richters, des Chefs der Gruppe 47, abgebrochen.

Die persönlichen Auseinandersetzungen zwischen Richter und Schroers, die mit dem hier vorliegenden Briefwechsel überhaupt nichts zu tun haben, interessierten Celan aber offensichtlich eher wenig. Er wandte sich von Schroers, wie der Briefwechsel selbst eindeutig belegt, wegen Schroers' politischer Ansichten, wegen dessen obskurer Deutschtümelei und weiter gärendem Antisemitismus ab.

Besprochen von Helmut Böttiger

Paul Celan: Briefwechsel mit den rheinischen Freunden - Heinrich Böll, Paul Schallück, Rolf Schroers
Herausgegeben von Barbara Wiedemann
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
772 Seiten, 34,90 Euro
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