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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.11.2016

Tuvia Tenenbom: "Allein unter Amerikanern"Mit Bibel und Gewehr

Von Sebastian Engelbrecht

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Eine Demonstrantin gegen die Gewalt in Ferguson, aufgenommen in New York (picture alliance / dpa / Justin Lane)
Die Vereinigten Staaten von Amerika, Land der Gegensätze: Eine junge Frau protestiert in New York gegen Polizei-Gewalt (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Der Autor Tuvia Tenenbom ist durch die USA gereist und hat eine über 400 Seiten lange Reportage verfasst. Unser Rezensent findet das Buch großartig: Der Text gebe einen tiefen Einblick in die Wirklichkeit des zerrissenen Landes.

Dieses Buch ist eine 463 Seiten lange Reportage über die Vereinigten Staaten. Es bietet einen Einblick in die Wirklichkeit dieses Landes – ungeschönt, detailliert und zugespitzt zugleich, wie es Tuvia Tenenboms Art ist. Die Vorgängertitel "Allein unter Deutschen" und "Allein unter Juden" standen wochenlang auf den Bestsellerlisten. "Allein unter Amerikanern" jetzt auch. Aber von den drei Büchern ist es das Beste: differenziert und erschreckend zugleich.

 Tuvia Tenenbom (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)Der israelisch-amerikanische Autor und Theatermacher Tuvia Tenenbom (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Die Zuspitzung passt allerdings in diesem Falle zum Thema. Wie dramatisch die Entwicklung in den USA verläuft, hat die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten des Landes gezeigt. Besonders erschütternd sind die Reportagen aus den verwahrlosten Vorstädten von Detroit und Chicago. Tenenbom hat sich in Zonen gewagt, die faktisch rechtsfreie Räume sind. Gangs von Schwarzen bekämpfen und erschießen sich gegenseitig, und das jeden Tag.

Gangs: Jeden Tag gibt es Tote

Für manch einen unerwartet beschreibt Tuvia Tenenbom die Vereinigten Staaten als ein Land, in dem Rassismus und vor allem Antisemitismus tief verwurzelt sind – allerdings unter einer Schutzschicht der "politischen Korrektheit". Die Bewohner sind stolz auf ihr Land. Sie preisen es als "Land der Freien" und "Heimat der Tapferen". In den Interviews aber traut sich zunächst kaum einer, offen über seine politischen Ansichten zu sprechen. Tenenbom enttarnt die Doppelmoral durch beharrliches Nachfragen. Dabei stellt er sich seinen Gesprächspartnern wahlweise als Deutscher oder Israeli vor und entwaffnet sie durch seine scheinbare Naivität.

Er besucht Indianer-Reservate, eine Klima-Konferenz in Alaska, Gottesdienste von Charismatikern und Quäkern, er lässt sich im Schusswaffenladen beraten und findet an jeder Straßenecke Experten für den Israel-Palästina-Konflikt. Geschickt webt Tenenbom Interview-Dialoge in den Text ein. Das Ergebnis ist ein ebenso unterhaltsames wie authentisches Buch.  

Tuvia Tenenbom: "Allein unter Amerikanern - Eine Entdeckungsreise"
Mit Fotografien von Isi Tenenbom
Suhrkamp, Berlin 2016
463 Seiten, 16,95 Euro

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