Inklusion auf dem Arbeitsmarkt

Mein Traum von einem echten Job

31:44 Minuten
Ein junger Mann mit Kopfhörern auf dem Kopf in einem Radiostudio vor dem Computer
Seit 2013 arbeitet Nikolai Prodöhl in Hamburg beim Bürger-Radio TIDE und moderiert die Sendung „Wohnen und Arbeiten“. © TIDE Hamburg
Von Nikolai Prodöhl · 12.06.2022
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Sein ganzes Leben hat Nikolai Prodöhl in einem sogenannten „geschützten Umfeld“ verbracht. Zuerst in der Förderschule, heute in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen. Er fühlt sich ausgebremst und meint, das schaffe Exklusion statt Inklusion.
Mein Name ist Nikolai Prodöhl. Ich bin 33 Jahre alt. Ich arbeite seit 2008 in einer Gärtnerei für Menschen mit Beeinträchtigungen in Hamburg. Schon mit zwölf Jahren wollte ich Sportjournalist werden. Aber die Medien sind nicht darauf eingestellt mit jemandem zu arbeiten, der Unterstützung braucht. Alles muss schnell, schnell gehen. Also ist mein Berufswunsch bisher ein Traum geblieben.

Gefördert statt rausgeschmissen

Ich bin also in der Gärtnerei gelandet. Es ist eine sogenannte Behindertenwerkstatt. Ich mag das Wort nicht. Ich finde es besser, zu sagen: "Eine Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen". Die Gärtnerei ist eine von mehr als 3000 solcher Werkstätten in Deutschland, in denen rund 320.000 Menschen arbeiten und sehr, sehr wenig Geld verdienen. Meine Aufgaben sind dort: Vorbereiten der Beete, Pflanzen, Gießen und schließlich Ernten.
Ein Mann und eine Frau mit Gemüsekisten auf dem Arm in einer Gärtnerei lächeln in die Kamera.
Nikolai Prodöhl arbeitet 28 Stunden in der Woche in der Gärtnerei, er bekommt weniger als zwei Euro die Stunde plus die Grundsicherung. Aus diesem System will er raus. © Gärtnerhof am Stüffel
Ich arbeite in der Werkstatt, weil ich mehr Hilfe und Erklärungen brauche als Menschen ohne eine Einschränkung. Außerdem bin ich langsamer als andere. Dort werde ich gefördert und nicht rausgeschmissen, wenn ich die Leistung nicht bringe oder nicht so schnell arbeite. Denn Stress bei der Arbeit kann ich nicht ab. Wenn ich Stress habe, fühle ich mich unwohl und manchmal werde ich davon krank. 

Weniger als zwei Euro pro Stunde

Ich bekomme von der Werkstatt weniger als zwei Euro Taschengeld in der Stunde. Für meinen Lebensunterhalt bekomme ich dazu die Grundsicherung vom Sozialamt. Das Amt bezahlt die Wohnung, die Heizung und das warme Wasser. Das ist ein klarer Vorteil. Doch die Grundsicherung hat auch Nachteile: Ich muss zum Beispiel jeden Zuverdienst dem Sozialamt melden. Das wird dann auf die Grundsicherung angerechnet.
Ich finde es zum Beispiel mit dem Weihnachtsgeld schwierig, denn das bekomme ich ja, damit ich Geschenke kaufen kann oder was Gutes zum Essen. Ich muss es dann melden und es wird die Hälfte abgezogen.
Obwohl ich 28 Stunden in der Woche in der Gärtnerei arbeite, kann ich nicht frei das kaufen, was ich möchte. Denn das Sparen ist mit so einem geringen Lohn schwierig und was ich mir dazuverdiene, muss ich – wie gesagt – melden.

Exklusion statt Inklusion

Die Werkstätten haben eigentlich das Ziel, Menschen mit Einschränkungen in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Meine Chefin unterstützt mich auch beim Suchen von Praktika und Medienprojekten und bei Bewerbungen. Für meine Arbeit in den Medien bekomme ich zum Beispiel jeden Mittwoch frei.
Aber auf den ersten Arbeitsmarkt schafft es trotzdem kaum jemand, weniger als ein Prozent. Die Werkstätten begünstigen also keine Inklusion. Im Gegenteil: Das System schafft noch mehr Exklusion, indem es uns Menschen mit Beeinträchtigungen in den Werkstätten unterbringt. Wir haben fast keinen Kontakt nach „draußen“, wie sollen wir es also auf den normalen Arbeitsmarkt schaffen?
Ich will unbedingt als Journalist arbeiten und kämpfe dafür – auch mit dieser Reportage. Seit 2013 bin ich in Hamburg beim Bürger-Radio TIDE und moderiere mit meinem Freund die Sendung „Wohnen und Arbeiten“. Wir sprechen über Inklusion und Teilhabe. Bisher mache ich das aber ehrenamtlich. Außerdem spreche ich die guten News der Woche jeden Dienstag. Das sind so positive Nachrichten. Ich schreibe außerdem gerne über Themen wie Inklusion und Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen. 

Medien müssen offener werden

Seit Januar 2021 bin ich auch bei der inklusiven Redaktion "andererseits" in Wien. Da arbeiten Menschen mit und ohne Einschränkungen gleichberechtigt als Journalisten, ebenfalls ehrenamtlich. Ich schreibe dort Artikel und produziere Podcasts. Über ein Crowdfunding wollen wir versuchen, Stellen zu schaffen und die auch zu bezahlen. Ich hoffe, das klappt. Denn mein Traum ist es immer noch, als Journalist zu arbeiten. Ich möchte rauskommen aus dem Werkstättensystem. Und dann unabhängig vom Sozialamt werden.
Die Redaktionen in Hamburg, mit denen ich Kontakt hatte, können sich nicht vorstellen, mit einem Kollegen wie mir zu arbeiten. Ich habe immer nur Absagen bekommen. Das sollte sich endlich ändern. Die Medien und die Leute, die da arbeiten, müssen viel offener uns gegenüber werden.

Die Reportage ist entstanden in Zusammenarbeit mit Emilia Garbsch, Lisa Kreutzer und Sandra Schmidhofer aus der inklusiven Redaktion "andererseits" sowie mit Unterstützung des DLF-Landeskorrespondenten Axel Schröder in Hamburg.

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