Inklusion und Arbeitsmarkt

Deutschland behindert sich selbst

30:00 Minuten
Eine Illustration zeigt einen Mann im Rollstuhl auf seinem Weg aus dem Gewirr roter Linien.
Immer noch auf dem Abstellgleis oder schon einen Schritt weiter? Der Weg zur Inklusion auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist zäh. © Imago/ Ikon Images
Von Christina Rubarth · 02.11.2021
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Menschen mit Behinderungen stoßen auf viele Barrieren – besonders auf dem Arbeitsmarkt. Oft sind sie gut ausgebildet, aber im Vergleich zu anderen Menschen überproportional erwerbslos. Was muss sich ändern, damit alle gleichwertig arbeiten können?
Die Stimmen hier stehen beispielhaft für die Menschen, die nicht auf ihre Behinderung reduziert werden wollen, ihren Arbeitsplatz selbst bestimmen möchten. Eine Arbeit, die zu ihren Interessen passt und nicht zu dem, was andere als für sie richtig erachten, unabhängig von der Art oder der Schwere ihrer Behinderung. Denn Diskriminierung erfahren sie nahezu alle - ob sie das selbst so beschreiben oder nicht.
"Ich habe dann im Bewerbungsgespräch aus Loyalität und Transparenz am Schluss gesagt: Ja, noch eine Sache, ich habe eben die Herausforderung", erzählt Claudia Gersdorf. "Da gab es positive und negative Resonanz bis hin zu einer, die sagte: Ja, Sie können leider hier nicht anfangen, das hätten sie uns auch schon früher sagen können, dann hätten wir sie nicht eingeladen. Sie können ja dann beim Empfang das Sektglas gar nicht ruhig halten, wenn Sie hier schon das Wasserglas nicht zum Mund geführt bekommen. Und solche Kommentare hören tatsächlich niemals auf."

"Der Raul bekam seinen eigenen Berater"

"In der zehnten oder neunten Klasse, wenn alle Schüler*innen gemeinsam zum Berufsinformationszentrum gehen: Ich erinnere mich noch an den Tag, wie meine Mutter zu mir gesagt hat: Lass dir bloß keine Werkstatt einreden. Und dann bin ich da in diesem Berufsinformationszentrum und meine ganzen Klassenkamerad*innen konnten sich dann alle Berufe in Deutschland anschauen. Von Gärtnerinnen bis zum Studium war alles dabei. Und der Raul bekam seinen eigenen Berater. Der hat mich dann in sein Zimmer gebeten und dann saß ich diesem 50-jährigen Mann gegenüber. Er hatte die Tür hinter uns zu gemacht, was ich unglaublich unangenehm fand – und dann sagte der zu mir: ‚Hast du schon mal was von den Mosaikwerkstätten gehört?‘ Der meinte das garantiert gut", erinnert sich Raul Krauthausen.
Raul Krauthausen hält sein Smartphone in der Hand.
Raul Krauthausen ist Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit und sitzt im Rollstuhl.© picture alliance / Soeren Stache / dpa
"Aber ab dem Moment war klar, okay, ich muss hier einfach nur wieder raus, also der Typ wird mir nicht helfen bei meiner Berufswahl. Ich wollte mir einfach genau wie alle anderen Berufe anschauen und habe mich völlig missverstanden gefühlt. Das ist, glaube ich, das, was fehlt in dieser Gesellschaft, dass man guckt: Okay, was will die Person werden, wo stecken die Leidenschaften, die Talente. Und natürlich: Nicht jeder von uns kann Astronautin werden, aber es wurde auch nicht jeder Nicht-Behinderte Astronaut, obwohl es so viele werden wollten. Wir müssen irgendwie lernen, dass man ja auch Träume und Wünsche irgendwie anpassen kann, aber nicht komplett unterdrücken."

"Wir sind damit aufgewachsen, dass alles Arbeit für uns ist"

"Ich möchte auch, ehrlich gesagt, nicht über meine Defizite reden, weil ganz ehrlich: Ich habe schon so viele nicht behinderte Menschen in Jobs gesehen, die ihre Jobs nicht gut machen", sagt Christine Bartsch.
"Die in ihre Bewerbungen Sachen reinschreiben, die sie nicht können und die einen Job bekommen, den sie nicht erfüllen können. Warum muss man überhaupt darüber diskutieren, dass eine Person vielleicht auf einem Empfang, ein Sektglas nicht halten kann, wenn da vielleicht Karl-Heinz sitzt, der die Hälfte seiner Arbeitszeit irgendwie bei ‚Autobild Motorsport‘ irgendwie online sich Sachen durchliest. Also sorry, Arbeitsmoral von Menschen mit Behinderung, da würde ich meine Hand für ins Feuer legen: Ich glaube, die ist überdurchschnittlich hoch. Wir sind damit aufgewachsen, dass alles Arbeit für uns ist."
13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung leben in Deutschland, darunter rund acht Millionen schwerbehinderte Menschen. Die wenigsten von ihnen kamen schon mit einer Behinderung auf die Welt. Sie wurden behindert – durch Krankheiten oder Unfälle. Und für alle gilt: Sie werden behindert – durch ihre Mitmenschen, durch Bürokratie, durch Stigmatisierung. Der Weg zur Inklusion auf dem deutschen Arbeitsmarkt – er ist zäh und steinig.

Die Eltern wollten mehr als einen Werkstattplatz

In grüner Latzhose, mit Handschuhen, neben sich eine Schubkarre, harkt Maximilian Horlbeck das vom Boden auf, was seine Kollegen beim Heckenschneiden liegen gelassen haben. Auf dem städtischen Urnenfriedhof im Berliner Stadtteil Wedding – direkt an der viel befahrenen Seestraße. Mit Schaufel und Besen nimmt er kleine Äste und Blätter auf, schiebt die Karre in den Hof.
"Aufm Berg da, rauf alles, alles hochschmeißen da, das holt einer ab hier. Kommt einer hier mit Bagger, und dann schiebt er hier rauf, und dann schmeißt er den rein", erklärt er.
Maximilian Horlbeck ist 31 Jahre alt, die Agentur für Arbeit hatte für ihn einen Platz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen vorgesehen. Das kam bei den Tests heraus, mit denen die Agentur darüber entscheidet, für welche Arbeit ein Mensch mit Beeinträchtigungen fähig sein soll. Maximilian Horlbecks Eltern aber wollten für ihren Sohn mit Lernschwierigkeiten mehr als das.
Er sollte raus auf den ersten Arbeitsmarkt, auf den Arbeitsmarkt für alle, statt vielleicht sein ganzes Leben lang in einer Werkstatt zu verbringen und mit 150, 180 Euro im Monat nach Hause zu gehen. Damit ihm das nicht passiert, haben ihm Detlef Kube und das Team von BIS e.V. geholfen. BIS e.V. ist ein Verein, der behinderte Menschen individuell in Ausbildung und Arbeit bringt.
Im Bundesteilhabegesetz ist geregelt, dass neben den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen auch so genannte "Andere Leistungsanbieter" Menschen mit Beeinträchtigungen dabei begleiten dürfen, eine Arbeit zu finden, die zu ihnen passt auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das tut BIS e.V. mit eigenen Konzepten, viel Durchhaltevermögen und Engagement.
"Also, wenn Maxi was macht, eine Arbeit erledigt, dann kann man sich immer drauf verlassen. Da muss keiner noch mal hinterher gucken, ob es richtig ist. Das passt. Da ist er sehr akribisch", erzählt Detlef Kube. Er ist Maximilian Horlbecks Berufsbegleiter, finanziert über das Integrationsamt.

Viel Bürokratie für etwas Mündigkeit

Um einen Arbeitsplatz zu bekommen, hat Maximilian Horlbeck das sogenannte "Persönliche Budget". Das steht Menschen mit Behinderungen seit 2008 rechtlich zu, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Damit können sie sich Unterstützung einkaufen.
Maximilian Horlbeck muss seinen Antrag bei seinem Kostenträger dafür jedes Jahr neu stellen. Viel Bürokratie für etwas Mündigkeit. In einer Küche hat er sich als Praktikant ausprobiert, in einer Autopflege – das klappte nicht so gut. Hier auf dem Friedhof ist er angekommen.
"Er hat ein tolles Kollegenteam, ist ja auch immer ganz wichtig, dass wir Menschen finden im Betrieb, die so ein Händchen haben für Leute wie ihn. Und es gab hier eine Kollegin, die sich ihn da angenommen hat und ihn auch so ein bisschen bestärkt hat, sich da auch mal zur Wehr zu setzen, wenn hier mal ein bisschen rumgelästert wird und rumgealbert wird. Ja, das ist ein Paradebeispiel für positive Entwicklung", sagt Detlef Kube.

Ein langer Weg zum unbefristeten Arbeitsvertrag

Ein langer Weg. Dafür brauchte Maximilian Horlbeck einen Arbeitgeber, der ihm Zeit ließ, sich einzuarbeiten. Seiner nahm sich viel Zeit. Nach zehn Jahren bekam er endlich seinen unbefristeten Arbeitsvertrag.
"Also seine psychoemotionale Entwicklung, die ist einfach fantastisch", erzählt Detlef Kube. "Von jemand, der als Schüler noch kaum piep sagen konnte zu jemandem, der heute wirklich austeilt, seinen Mann steht und sich den Kollegen gegenüber einfach behauptet. Das kann man sagen: Das ist einfach toll. Das ist so ein großer Gewinn."
Die Bundesrepublik Deutschland hat seit Ende der 1950er-Jahre ein System von Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, das ihnen einen sogenannten "geschützten" Rahmen geben sollte. Daraus entstanden ist ein System von Werkstätten, in denen die dort Arbeitenden nicht einmal Mindestlohn verdienen, oft aber für große Firmen Arbeiten übernehmen.
Eine Reform der Werkstattbezahlung ist angedacht, aber für Konkretes braucht es nun die Ergebnisse des Koalitionsvertrags. Obwohl die Werkstätten eigentlich dazu gedacht sind, ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren, kommen nur die wenigsten dort wieder raus - es ist nicht mal ein Prozent. Auch weil die Werkstätten ihre besten Leute, die wenig kosten, nicht verlieren wollen. Eine Werkstatt bleibt oft der einzige Arbeitsort, den behinderte Menschen sehen, bis sie in Rente gehen. Und das unabhängig von ihrem Können und ihren Neigungen.

Stolz auf den fair bezahlten Arbeitsplatz

Nicht in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen – der Wunsch der Eltern nach echter Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt. Bei Maximilian Horlbeck hat er funktioniert. Jetzt ist er stolz: Auf den Weg zum Friedhof, den er alleine bewältigt mit Bus und Tram, auf die Unterstützung seiner Kollegen und natürlich auf die Arbeit selbst, für die er einen fairen Lohn bekommt und die ihm Selbstbewusstsein gibt. "Ich mache hier die Arbeit und das läuft", sagt er.
"Wir haben in Deutschland die Situation, dass man mit Goethe sagen könnte: Wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Das Licht besteht darin, dass wir bis zur Pandemie noch nie so viele Menschen mit Schwerbehinderungen im Job hatten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt: nämlich mehr als 1,3 Millionen. Das ist gut, finde ich", sagt Jürgen Dusel.
Er ist Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Der Jurist weiß selbst sehr genau, wo die Hindernisse liegen. Er ist sehbehindert.

"Wir müssen mit diesen Vorurteilen aufräumen"

Jürgen Dusel arbeitet mit einem Vorlesesystem und hat eine Arbeitsassistentin, die ihn unterstützt. Seine Aufgabe als Beauftragter: Die Regierung beraten, damit Menschen mit und ohne Behinderungen gleichwertige Lebensbedingungen haben – in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.
Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, sitzt in seinem Büro am Computer. Mit dem ZoomText Programm auf seinem Bildschirm kann er den Text lesen.
Jürgen Dusel weiß selbst sehr genau, wo die Hindernisse liegen.© dpa-Bildfunk / Nina Hansch
"Der Schatten besteht darin, dass Menschen mit schweren Behinderungen immer noch häufiger arbeitslos sind als Menschen ohne Behinderungen. Und sie sind vor allem länger arbeitslos als Menschen ohne Behinderungen. Das Absurde an der Situation ist, dass die Gruppe der schwerbehinderten Menschen, die arbeitslos sind, besser qualifiziert sind als die Gruppe der Menschen ohne Behinderungen, die arbeitslos sind", erklärt er.
"Wir müssen vor allem damit beginnen, diese Vorurteile, die ja bei Unternehmen bestehen, auch immer wieder vorgetragen werden, also Menschen mit Behinderungen seien nicht leistungsfähig, sie seien ständig krank, man könne sie nicht kündigen und so weiter, dass wir mal mit diesen Vorurteilen aufräumen. Es sind alle falsch."

"Es wurde ein Job für mich geschaffen"

"Ich hab sehr lange in einem Bioladen gearbeitet, ich hab bei Gravis in einem Computergeschäft gearbeitet, ich habe in Klamottengeschäften gearbeitet, und der Kunde ist ja König", erzählt Christine Bartsch.
"Also Geduld oder Respekt dafür, dass Menschen vielleicht nicht alle gleich schnell sind, gibt es in unserer Gesellschaft nicht. Also wenn ich nicht sozusagen einen Button hab, wo draufsteht: ‚Hier, ich bin behindert', darf man gar nicht langsamer sein als der Durchschnitt."
Christine Bartsch ist Autistin und hat Depressionen. Einen Job zu finden, der zu ihr passt, war nicht einfach. Auf eine Initiativbewerbung bekam sie schließlich eine Chance zu zeigen, was sie kann.
"Es wurde ein Job für mich geschaffen. Und diese Leute da, das war ein Kunstverein hier in Dortmund, die haben mich einfach gelassen. Die haben mich gelassen, mich zu entwickeln in dem Job. Ich konnte dadurch lernen, was auch meine behinderungstypischen Stärken sind, was ich sogar besser kann als andere, einfach, weil ich gelassen wurde."
Mit ihren Chefs klappte es super, sagt sie, ihr Vertrag wurde über mehrere Jahre verlängert. Aber mit den Kolleginnen funktionierte es weniger.
"Mein Gehirn funktioniert logisch. Und Logik heißt für mich auch Ehrlichkeit. Das heißt für mich - und vor allen Dingen im Arbeitskontext - zum Beispiel zu sagen: ‚So, du hör mal, diese und diese Datei, die hast du halt in dem Ordner abgelegt. Das macht aber gar keinen Sinn, weil wir legen die immer da ab, weil sonst findet die keiner", erzählt sie.

"Der nächste Job, der muss perfekt sein"

"Und ich habe das ganz oft so erlebt, dass aber die andere Seite, die Kolleginnen, die haben dann gedacht: 'Nee, also das höre ich mir jetzt nicht an. Ich habe Sozialwissenschaften studiert. Ich lasse mir doch jetzt hier nicht von einer - na ja, ich will jetzt nicht sagen, behinderten Kollegin, aber von einer Kollegin sagen, wie ich Sachen zu machen habe.' Da habe ich oft das Gefühl gehabt: Die konnten nicht akzeptieren, dass ich auch Stärken habe und Sachen kann, die die nicht können."
Der Job ist Geschichte. Und für Christine Bartsch ist mit etwas Abstand vieles klarer geworden – und sie radikaler.
"Ich möchte keinen Arbeitsplatz haben, wo ich nicht respektiert werde. Der nächste Job, der kommt, der muss perfekt sein. Und wenn mich keiner haben will, ich muss wirklich sagen: Mir geht es am Arsch vorbei, dann arbeite ich halt nicht. Wenn diese Gesellschaft keinen Platz für mich hat, dann lebe ich hier lieber von Hartz IV und versuche, schwarz dabei zu putzen, als einen Job zu nehmen, wo ich nicht ehrlich Autistin sein kann."

"Der Mensch ist kein Theoretiker"

"Ich finde, dadurch geht sehr viel cooles Potenzial verloren. Richtig gute Leute machen dann irgendwann ihren eigenen Weg, gründen ihre eigene Firma." Claudia Gersdorf lebt mit einer "Infantilen Cerebralparese mit Ataxie und Tremor" - umgangssprachlich bekannt als Spastik. Unter der Geburt bekam sie zu wenig Sauerstoff.
Zu DDR-Zeiten wurde sie gut gefördert, sagt sie. Sie machte Abitur, studierte, spricht heute fünf Sprachen, war unter anderem mehrere Jahre Pressesprecherin von Viva con Agua – einer Organisation, die sich für sauberes Trinkwasser im globalen Süden einsetzt. Jetzt wird sie ihre eigene Chefin und baut eine Agentur auf.
Dabei will sie Unternehmen auch bewusst machen, dass Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, ein Gewinn ist. "Vielleicht trägt das auch zur Diversität dann bei, dass Leute, die betroffen sind in Anführungszeichen ‚einfach mal vorleben, wie es gehen kann‘. Der Mensch lebt von Emotionen, von Praxis, von Handeln, der Mensch ist kein Theoretiker."

Beschäftigungspflicht wird nicht erfüllt

Nach dem Schwerbehindertenrecht besagt die Beschäftigungspflicht in Deutschland: Unternehmen, die mehr als 20 Arbeitsplätze haben, müssen fünf Prozent dieser Plätze mit schwerbehinderten Menschen besetzen. Wenn sie das nicht tun, zahlen sie eine Ausgleichsabgabe.
In Deutschland gilt diese Beschäftigungspflicht für etwa 170.000 Unternehmen. Doch mehr als ein Viertel davon gibt nicht einem schwerbehinderten Menschen eine Arbeit, sagt Jürgen Dusel.
"Ganz dunkel wird es, wenn man sich anschaut, wie die Beschäftigungspflicht in Deutschland erfüllt wird. Das finde ich inakzeptabel, weil ich finde, wir müssen uns an die Regeln halten, die wir uns gegeben haben. Wir müssen an die Gesetze uns halten, die bestehen, und das gilt auch für Unternehmen", erklärt er.
"Deswegen fordere ich zweierlei: Zum einen, dass wir uns noch mal anschauen, das war mein Vorschlag, das Leistungsrecht für Arbeitgeber, die dann tatsächlich Menschen mit schweren Behinderungen einstellen, zu vereinfachen, einfacher zu machen, weil es wirklich komplex und kompliziert ist. Aber zum anderen auch die Ausgleichsabgabe für diejenigen Unternehmen, die wirklich null Beschäftigungsquote haben, deutlich zu erhöhen, nämlich zu verdoppeln. Ich halt es da mit Hubertus Heil, der gesagt hat: Null Toleranz für null Beschäftigung."
Diese Ausgleichsabgabe ist gestaffelt und liegt für das Jahr 2021 je nach erreichter Beschäftigungsquote zwischen 140 Euro und 360 Euro pro Monat für einen nicht besetzten Pflichtarbeitsplatz.[1] In Hessen kommen so zum Beispiel rund 60 Millionen Euro im Jahr zusammen. Ein Teil des Geldes fließt in Projekte, die wiederum Menschen mit Behinderungen helfen sollen, einen Job zu finden.
Mit einem Teil werden Investitionen in Werkstätten und die Beschäftigung in sogenannten Inklusionsbetrieben gefördert. Außerdem kann das hessische Integrationsamt zum Beispiel Prämien ausgeben: 9000 Euro für eine Firma, die einen behinderten Menschen einstellt, noch mal 5000 Euro, wenn sie jemanden aus einer Werkstatt herausholt und langfristig beschäftigt.

"Wir würden ja gern einstellen, aber..."

"Die Unternehmen sagen uns immer: Wir würden ja gern einstellen, aber wir finden niemanden. Und die betroffenen Menschen sagen: Aber uns stellt keiner ein. Ich habe schon zig Vorstellungsgespräche gehabt, und keiner nimmt mich." Alexandra von Winning vom Personalforum Inklusion in Frankfurt am Main will nicht länger warten.
Das Forum will eine Bewegung in Gang setzen, damit es schneller geht. Vor Corona auf analogen Jobmessen, momentan eher digital: Infoveranstaltungen mit vielen praktischen Tipps für Firmen und Arbeitnehmer.
"Wir versuchen, beide Seiten zu sehen. Ich glaube, dass oft ein Problem darin liegt, dass die Unternehmen gar nicht den Blick dafür haben, was eigentlich die Bedürfnisse der Menschen sind, die bei ihnen arbeiten können", erzählt sie.
"Und dass wiederum die Menschen, die dort arbeiten könnten, auch nicht so einen richtigen Blick dafür haben, welchen Beitrag sie leisten können, was ihre Stärken sind, was aber auch ihre Herausforderungen sind."
Oft liegen die Probleme schon in den Jobbeschreibungen der Unternehmen. Die lassen zum Teil wenig Spielraum für unterschiedliche Stärken. Und da ist im Zweifel Kreativität gefragt, auch Jobs zu schaffen, an die vorher niemand gedacht hat.

Stellenprofile neu denken

"Meine Aufgabe besteht darin: Ich bekomme immer das Inventar, was immer rausgeschickt wird von meinen Kollegen: die Notebooks, die Hardware, wie Headsets und so", erzählt Sebastian Kriegel.
"Ich habe ich eine Liste, und die tue ich bearbeiten. Und dann tut mich manchmal mein Chef anrufen: ‚Ja, wie viel Notebooks haben wir noch?‘ Da muss ich immer sagen, wie viel wir noch da haben und so. Die Stelle, die wurde auch neu erschaffen für mich und die gab es davor noch gar nicht."
Sein Job in der IT-Abteilung des Unternehmens Sage ist so eine Stelle. Jobcarving heißt das. Frei übersetzt: Stellenprofile neu denken. Ein Unternehmen schichtet einzelne Aufgaben so um oder entwickelt eine neue Stelle, die auf die Fähigkeiten des neuen Kollegen zugeschnitten wird.
Sebastian Kriegel war seit 2011 in einer Werkstatt, weil er an die Dialyse musste und einen für ihn sicheren Ort suchte, an dem er in seinem erlernten Beruf als Digitaldrucker arbeiten konnte. IT aber war schon immer sein großes Interesse. Als er vor zwei Jahren dann eine neue Niere bekam, war klar: "Ich will mal raus aus der Werkstatt, neue Perspektive schaffen. Und dann habe ich immer mit Frau Bürkle Gespräche geführt: ‚Was kann man denn machen? Was gibt es denn so für Sachen?‘"
Sebastian Kriegel sitzt an seinem Arbeitsplatz mit zwei Monitoren.
Noch kommt sein Gehalt über den Umweg der Werkstätte: Sebastian Kriegel an seinem Arbeitsplatz bei Sage in Frankfurt am Main. © Deutschlandradio / Christina Rubarth
Stefanie Bürkle ist Sebastian Kriegels Jobcoach bei der Frankfurter Werkgemeinschaft: Sie vermittelt Menschen aus den Werkstätten für Menschen mit psychischen Erkrankungen auf den ersten Arbeitsmarkt.
Auf dem Personalforum knüpfte sie mit mehreren Unternehmen Kontakte, brachte ihm eine Broschüre mit. Was folgte, war ein erstes Kennenlernen. Daraus entstanden ist erst ein Probetag, dann ein längeres Praktikum.

Von der Werkstätte in den ersten Arbeitsmarkt

"Ich denke, dass wirklich der erste Schritt auch so ein Praktikum ist - also natürlich erst mal kennenlernen, unverbindlich. Der eine braucht mehr Aufmerksamkeit, der andere weniger. Also bei Herrn Kriegel ist es jetzt so: Selbstständigkeit wird da sehr groß geschrieben, das kann er alles wunderbar abbilden. Aber das ist halt nicht bei jedem so, da gibt es sicher auch den einen oder anderen, der eine Arbeitsassistenz bräuchte oder einfach sehr viel mehr Betreuung", erklärt sie.
"Und dann ist die Frage, kann die Firma das leisten? Wo kommt die Manpower her und wer kommt dafür auf - finanziell. Also wenn eine Firma sieht, dass es doch recht unkompliziert gehen kann, könnte das funktionieren. Wenn da mehr Firmen offen dafür wären und es wird auch immer mehr, würde ich jetzt mal sagen, dann kann das ein weiterer Schritt sein, dass das eben sich steigert, dass da einfach mehr Bereitschaft da ist."
Diese Bereitschaft vom Software-Unternehmen Sage, einfach mal zu machen und auszuprobieren, wie das klappt mit einem Kollegen mit einer Beeinträchtigung, die ist für Sebastian Kriegel jetzt der erste zarte Schritt zur Inklusion.
"Da tut die Werkstatt mich sozusagen ausleihen an die Firma", erklärt er. "Die Firma tut das Gehalt dann zum Beispiel an die Werkstatt schicken und bezahlen und die Werkstatt als Zwischenträger und überweist mir auf das Konto Betrag X. Und ja, das ist die neue Art, die Leute zu integrieren, dass die ganzen Vorurteile auch mal abgeschafft werden und die Leute, die ein Handicap haben, mehr in den freien Arbeitsmarkt integriert werden."

Erfahrungsaustausch für Unternehmen hilfreich

Geholfen, sagt Sage-Personalchefin Karin Baumann, hätten ihr da auf dem Personalforum auch viele Gespräche mit anderen Unternehmen, die schon mehr Erfahrungen haben. Und dann, sagt sie, spielte die Behinderung keine Rolle mehr - sondern nur noch, das, was Sebastian Kriegel dem Unternehmen bieten kann.
"Es war eigentlich nur wichtig, zu wissen: Was kann er, in welchem Rahmen kann er arbeiten? Wie viel Stunden kann er arbeiten? An wie viel Tagen der Woche, sodass wir uns intern auch organisieren konnten. Aber ansonsten wurde er aus meiner Sicht, behandelt wie jeder andere Arbeitnehmer", erzählt sie.
"Auch bei dem Gespräch, beim Vorstellungsgespräch oder beim Probearbeiten. Wir hatten auch mehrere Bewerber und haben Probearbeitstage gemacht. Und bei anderen hat es nicht geklappt. Von daher geht es erst mal darum, zu schauen, wo ist der bestmögliche Match."

Das große Ziel – ein richtiger Arbeitsvertrag

Was Sebastian Kriegel jetzt noch fehlt, sein großes Ziel: ein richtiger Arbeitsvertrag – ohne Umweg über die Werkstatt. Übersetzt heißt das für ihn nichts anderes als Anerkennung und echte Teilhabe. Das, worum es letzten Endes geht.
Ein vielleicht weiterer Schritt dorthin wurde in der letzten Änderung des Teilhabestärkungsgesetzes festgeschrieben – zum 1. Januar 2022 sollen das so genannte "Budget für Ausbildung" erhöht werden und einheitliche Ansprechstellen entstehen, die Arbeitgeber beraten und unterstützen bei der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen.
Auch im Hotel Schulz in Berlin nähert sich Hotelmanager Dominik Tolosana langsam einer neuen Gruppe von potenziellen Mitarbeitenden. Er hat sich von selbst bei BIS e.V. gemeldet. Und darüber Phillip Priet kennengelernt.
Phillip Priet steht vor der Rezeption  im Hotel Schulz.
Phillip Priet lernt praktisch im Hotel Schulz am Berliner Ostbahnhof. Er macht eine "Berufliche Qualifizierung".© Deutschlandradio / Christina Rubarth
"Wir haben ja in unserem Hotel so ein bisschen den sozialen Anspruch, wir haben zum Beispiel Programme, dass unsere Mitarbeiter fünf Prozent der Arbeitszeit in soziale Projekte investieren können", erzählt er.
"Die Sache mit Phillip ist genauso ein Ding, was wir antreiben wollten, dass wir sagen: Wir möchten mit Menschen mit Behinderungen zusammenarbeiten. Ich habe mich dann mal im Internet informiert, wo es welche Stellen gibt. Natürlich hat man immer Fragen in diesem Bereich: Wie funktioniert es? In welchem Bereich kann man überhaupt die Personen einteilen? Wie läuft das mit den Prozessen?"

Berufliche Qualifizierung in der Hotelküche

Jetzt steht Philipp Priet in der Großküche an den Spülmaschinen. Er macht keine klassische Ausbildung, sondern eine sogenannte "Berufliche Qualifizierung". Er lernt vor allem praktisch, worauf es ankommt.
"Ich spüle grad die Gläser ein bisschen aus, damit sie besser sauber werden. Die ganzen Bleche und so. Was da vorher steht, rein vom Frühstück, mach ich auch rein. Und dann geht es los mit Frühstück, mit Tellern, Tassen, Schüsseln, Besteck", erklärt er.
Für Hotelmanager Dominik Tolosana ist das gerade jetzt sehr wichtig, weil sich über die Zeit der Lockdowns viele Menschen aus der Gastronomie und Hotellerie neue Jobs gesucht haben. An Fachkräften mangelt es, mit Phillip Priet kann er eine Lücke füllen.
"Somit ist er natürlich eine große Unterstützung, aber man muss auch immer aufpassen, dass die gegebenen Aufgaben auch machbar bleiben. Aber wir kommen ganz gut zurecht", erzählt Dominik Tolosana.
"Wir haben Systeme gefunden, wann er wo eingesetzt wird, dass es dann eben, je nachdem wie groß der Aufwand ist, auch gut passt. Er das auch alles schafft und immer noch dazulernt beziehungsweise auch wächst an seinen Aufgaben."

"Mama hat alles gegeben"

Dass Phillip Priet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen unterkommen könnte, das war für seine Mutter nie eine Option. "Mama hat alles gegeben, dass ich nicht in die Werkstatt komme, das habe ich alles meiner Mama zu danken, weil sie will ja, dass ich ein Leben hab und jetzt bin ich hier."
Das, was Phillip Priet jetzt macht, ist eine "Unterstützte Beschäftigung". Eigentlich stand Feuerwehrmann auf seiner Wunschliste, das klappte nicht. Wegen seiner Höhenangst, sagt er. Hotelmanager Dominik Tolosana wollte Phillip Priet kennenlernen, hier im Hotel bekam er die Chance, sich zu beweisen.
Er wird unterstützt von Maike Engelberg, seiner Berufsbegleitung. Sie schaut auch heute vorbei, wie es so läuft, ob es Fragen gibt. "Phillip ist jemand, der redet ganz gerne", erzählt sie.
"Wie können wir da gucken, dass es sich um die Arbeit dreht? Da gibt es verschiedene Methoden, man kann Pläne machen, man kann andere Sachen mit bildlich oder schriftlich abhaken, dass man da einfach ausprobiert, was hilft? Wir haben da Monsterkarten zum Beispiel, dass die Kollegen dann hinter ihm was hinlegen können: ‚Achtung, wir haben jetzt hier Stress!‘ Dass Phillip das schnell visualisiert. Das wollen wir jetzt mal ausprobieren."

"Er hat sich ziemlich gut eingefügt"

Phillip Priet hat seinen Platz im Team gefunden – auch wenn sich sein Kollege Michael das anfangs so gar nicht vorstellen konnte. "Er hat sich ziemlich gut eingefügt, also ziemlich schnell vor allem, wo ich am Anfang dachte: Oh Gott, oh Gott, das wird eine Katastrophe, aber das ging dann eigentlich ganz schnell."
Phillip Priets Kollege Michael ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Vorurteile dann auflösen, wenn sich Menschen mit und ohne Behinderung begegnen. Dass das hierzulande im Jahr 2021 immer noch die Ausnahme ist, ist ein Beispiel für deutsche Sonderwelten. Menschen, die nicht einer gewissen Norm entsprechen, leben am Rand.
Dass Menschen mit Behinderungen im gesellschaftlichen Leben zum Alltag gehören, genau dafür setzt sich Raul Krauthausen ein. Er ist Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit, hat die Sozialhelden gegründet und sitzt im Rollstuhl.

"Erst durch die Begegnung sinken Barrieren in den Köpfen"

"Menschen ohne Behinderung sehen immer dann Probleme, wenn sie nie den Umgang mit Menschen mit Behinderung gelernt haben. Diesen Umgang kann man nicht verordnen im Sinne von: Behinderte Menschen wachsen am Baum, pflückte einen. Sondern, du kannst sie letztendlich nur so schaffen, wenn wir inklusive Schulen haben, inklusive Ausbildungsstätten hätten, wenn wir von Kindesbeinen an gemeinsam aufwüchsen", erklärt er.
"Behinderte Menschen werden in Deutschland immer noch systematisch aussortiert, Förderschulen, Behindertenwerkstätten, Heimen, und so weiter und finden letztendlich in der Gesellschaft nicht wirklich statt. Wir müssen verpflichtend Barrierefreiheit im ÖPNV und in den Schulen erzeugen und erzwingen, damit Menschen einander begegnen können, die behindert sind und die nicht behindert sind. Erst durch die Begegnung sinken Barrieren in den Köpfen und nicht andersrum."
Solange Regeln fehlen, die wirklich den Unterschied machen - höhere Quoten, verpflichtende Inklusion – so lange brauchen Menschen mit Behinderungen Glück, einen Platz zu finden auf dem deutschen Arbeitsmarkt.
Das hängt oft vom Zufall ab: engagierte Eltern zu haben, auf der richtigen Schule zu landen, auf informierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Behörden zu treffen – und seine Rechte zu kennen und einzufordern. Fair klingt das nicht. Nach gleichwertiger Teilhabe erst recht nicht. Zufall und Glück sollten keine Maßstäbe sein für ein selbstbestimmtes Leben.

"Demokratie braucht Inklusion"

"Ich finde, ehrlich gesagt, das ist für ein modernes Land ein Armutszeugnis: Es geht auch letztendlich um den Standortvorteil Bundesrepublik Deutschland im internationalen Bereich. Wenn wir irgendwann mal ein Land sind, wo wirklich deutlich mehr Barrieren sind als in anderen Ländern, dann werden sich vielleicht auch große Unternehmen woanders niederlassen und woanders Arbeitsplätze schaffen", sagt Jürgen Dusel.
"Das muss uns bewusst sein: Dass es eben auch ein Qualitätsmerkmal für ein modernes Land ist, eine Infrastruktur zu haben, die eben zugänglich ist für alle. Ich betrachte es eben nicht als Akt der Nächstenliebe und nicht als Akt, der was weiß ich, der Humanität und Karitativität, sondern als Akt der Demokratie. Demokratie braucht Inklusion. Und das bedeutet für mich, dass Demokratie und Inklusion zwei Seiten derselben Medaille sind und dass ich mir im Grunde ein gutes demokratisches Land nicht vorstellen kann, das nicht inklusiv denkt und inklusiv handelt."

[1] Beschäftigt ein Arbeitgeber zum Beispiel 100 Mitarbeiter und zwei davon haben eine Schwerbehinderung ( = Beschäftigungsquote von 2 %), sind 8820 Euro Abgabe fällig. Stellt er zwei schwerbehinderte Menschen zusätzlich ein, verdoppelt er seine Quote, es werden nur rund 1800 Euro fällig. Bereits bei einer weiteren Einstellung entfällt die Ausgleichsabgabe. Die Einstellung schwerbehinderter Auszubildender wird doppelt bewertet.

Autorin und Sprecherin: Christina Rubarth
Regie: Frank Merfort
Technik: Hermann Leppich
Redaktion: Carsten Burtke

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