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Lesart | Beitrag vom 04.09.2019

Tommy Wieringa: "Santa Rita"Leben am Rande

Tommy Wieringa im Gespräch mit Frank Meyer

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Zwei kleine Häuser, die zu einem Hof gehören, stehen umringt von hohen Bäumen in der nebligen, weiten Landschaft. (picture alliance / blickwinkel / AGAMI / M. Guyt)
Tommy Wieringa kehrt immer wieder in seine Heimatregion zurück. „Du kriegst zwar einen Jungen aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Jungen“, sagt er. (picture alliance / blickwinkel / AGAMI / M. Guyt)

Auch in den Niederlanden gibt es abgehängte Regionen. Von diesen erzählt Tommy Wieringa in seinem Roman „Santa Rita“. Aus dem Unterlegenheitsgefühl ländlicher Regionen zögen Rechtspopulisten ihr politisches Kapital, so der Autor.

Die niederländische Provinz Drenthe im Nordosten des Landes gehört zu den abgehängten Regionen der Niederlande. Die meisten niederländischen Autoren schreiben über das Leben in Großstädten wie Amsterdam oder Rotterdam, sagt Tommy Wieringa im Deutschlandfunk Kultur. Mit seinem Roman "Santa Rita" geht er den umgekehrten Weg und porträtiert das Leben in der deutsch-niederländischen Grenzregion, wo er selbst aufwuchs.

Paul Krüzen, die Hauptfigur in Wieringas Roman, handelt mit militärischen Liebhaberartikeln und Trödel. Auch Neonazis zählen zu seinen Kunden.

Der Handel mit diesen Militaria macht ihn aber nicht unsympathisch, findet Wieringa. So etwas gebe es überall und es sei eben ein Geschäft. Überhaupt empfinde er weder Sympathie noch Antipathie mit seinen Figuren. Er kenne solche Leute, da er selbst aus der Provinz Drenthe stamme, sagt Wieringa.

Zivilisatorische Schranken fallen

Das Leben in solchen Regionen begünstige eine höhere Gewaltbereitschaft. Es sei spürbar, dass zivilisatorische Schranken fallen. Als Beleg dafür erzählt er von einem Erlebnis in der Grenzregion. Dort habe es einen schönen Bentheimer Grenzstein gegeben, der plötzlich weg gewesen sei. Er habe nachgefragt, was damit geschehen sei. Ein Mann habe ihm geantwortet, er sage nichts dazu, denn er wolle nicht, dass sein Haus abgefackelt werde.

Auch in Wieringas Buch deutet sich schon früh ein Gewaltausbruch an. Wieringa betont, es gebe einen Zusammenhang zwischen abgehängten Regionen und Gewalt. Die Gegenden seien dünn besiedelt, es gebe weniger Polizei und jeder wisse, in welcher Scheune Cannabis angebaut werde.

Hoffnungslosigkeit als politisches Kapital

Auch in den Niederlanden sei die Spaltung zwischen Stadt und Land spürbar. Aus dem Unterlegenheitsgefühl der Bewohner ländlicher Regionen und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit heraus zögen Leute wie Geert Wilders in den Niederlanden und Alexander Gauland in Deutschland ihr politisches Kapital.

Wieringa hat seinen Roman "Santa Rita" dennoch aus dem Gefühl einer Rührung heraus geschrieben. Sein eigener Vater hat ihn auf bescheidene Weise in der Region Drenthe aufgezogen und er resümiert: "Du kriegst zwar einen Jungen aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Jungen".

(nis)

Tommy Wieringa: "Santa Rita"
Hanser Verlag, München 2019
288 Seiten, 22 Euro

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