Kommentar zu Social-Media-Trend

Verzicht als Statussymbol

04:17 Minuten
Eine junge Frau blickt lächelnd in ihr Smartphone.
Auf Konsum zu verzichten, ist unter jungen Content Creatoren gerade angesagt. © picture alliance / Westend61 / Uwe Umstätter
Überlegungen von Hannah Schragmann |
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Ich kaufe, also bin ich - ein weitverbreitetes Phänomen. Doch im Netz kann man nun einen neuen Trend in die genau entgegengesetzte Richtung finden: Der Kaufverzicht wird zum Statussymbol.
Maya "Liu" Feldman, 18, aus Deutschland, filmt stolz ihren uralten Föhn, dazu Kleidung, die sie schon in der siebten Klasse trug, und Jeans mit Löchern, die nicht so gekauft worden sind, sondern über die Zeit durch Abnutzung entstanden sind. Hashtag: #underconsumptioncore.
Das Video hat über zwei Millionen Aufrufe; Feldman ist eines der ersten bekannten Gesichter des Trends. Seither boomen solche Videos: von durchgelaufenen Turnschuhen, leergekratzten Tuben oder Handys aus der Schulzeit. Wenn man sich früher, wie ich, manchmal dafür geschämt hat, sich keine teuren Dinge leisten zu können, wird das Wenig-Haben hier vorgeführt wie eine Trophäe.
Unter vielen jungen Menschen ist das Nicht-Kaufen zum Statussymbol geworden. Und das ist kein Nischenphänomen: Drei von fünf der Generation Z folgen dem #underconsumptioncore auf TikTok.
Dabei hat der Trend viele Namen. Da ist das "Deinfluencing", bei dem Influencerinnen und Influencer seit 2023 nicht mehr zum Kaufen raten, sondern zum Verzicht. Außerdem der Begriff "loud budgeting", lautes Haushalten, bei dem man offen sagt: „Das ist mir zu teuer.“ Wer das tut, spart laut Umfragen im Schnitt über 600 Dollar im Monat.
Und da ist das "No Buy Year", die Selbstverpflichtung, ein Jahr lang nichts Überflüssiges zu kaufen. Aus Konsumverzicht ist Content geworden – Sparen, das Likes bringt.

Von "quiet luxury" zu "loud budgeting"

Den Begriff "loud budgeting" prägte Ende 2023 der US-Komiker und TikTok-Star Lukas Battle – ausdrücklich als Gegenstück zum "quiet luxury", dem leisen Luxus der Reichen. Denn auch dort gilt: bloß nicht zu viel zeigen. Wer wirklich reich ist, trägt den Kaschmirpullover ohne Schriftzug von Loro Piana oder The Row; das teuerste Stück ist das, das niemand erkennt. Oben wie unten dasselbe Signal: Ich habe es nicht nötig, mich über Dinge zu beweisen.
Damit wird die Theorie des US-Ökonomen und Soziologen Thorstein Veblen von 1899 auf den Kopf gestellt. Er beschrieb in seiner "Theorie der feinen Leute" den demonstrativen Konsum: Wer verschwendet, zeigt Rang. Heute zeigt Rang, wer sichtbar verzichtet.

Frei ist, wer nichts braucht

Dabei ist der Reiz des Verzichts nichts Neues. Schon die Stoiker lehrten: Frei ist, wer nichts braucht. Seneca, selbst steinreich, übte sich tageweise in Armut, um sich vom Begehren zu lösen. Doch bei ihm war Verzicht eine innere Übung – heute ist er ein Bild fürs Profil in den Socials.
Wer öffentlich weglässt, konsumiert aber nicht immer weniger, sondern anders. Der Soziologe Pierre Bourdieu hätte gesagt: Auch der Verzicht ist Distinktion. Er trennt die, die wählen können, von denen, die müssen.
Und genau hier wird es ernst. Denn für viele junge Menschen ist das Nicht-Kaufen keine Pose. Die Mieten steigen, die Löhne stagnieren, fast 80 Prozent der Generation Z holen sich ihren Finanzrat aus sozialen Medien. "Recession-core" nennen manche den Trend – schon das Suffix "-core" macht aus dem Verzicht einen Look.
Wer sich ohnehin wenig leisten kann, sagt eben lieber "Ich will das nicht" als "Ich kann das nicht". Aus der Not wird eine Tugend gemacht.

Die Ironie des Trends

Für viele andere aber ist der Verzicht keine Notlage, sondern Trend. Und das ist heikel – insbesondere fürs Klima. Denn der Verzicht, der sich gut filmen lässt, ist selten der, auf den es ankommt. Die Flugscham, vor wenigen Jahren selbst noch Statussignal, gilt heute als überholt. Dieselben, die ihre alte Jeans vorführen, fliegen fürs nächste Video nach Bali. Wir inszenieren das billige Nein und ersparen uns den unbequemen Weg.
Und genau darin liegt die Ironie des Trends: Denn wir haben sogar den Verzicht zu einem Statussymbol gemacht. Doch dem Klima sind weder Likes noch Hashtags wichtig. Es reagiert nur auf das, was wir tatsächlich tun.
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