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Lesart | Beitrag vom 26.09.2020

Thierry Paquot: „Die Kunst des Mittagsschlafs“Eine Bastion der Selbstbestimmung

Von Vera Block

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Cover von Thierry Paquot "Die Kunst des Mittagsschlafs" vor Aquarell-Hintergrund (Cover: Steidl / Collage: Deutschlandradio)
Erstmals im Jahr 1998 erschienen, nun erneut neu aufgelegt: „Die Kunst des Mittagsschlafs“ von Thierry Paquot. (Cover: Steidl / Collage: Deutschlandradio)

Kennen Sie die quälende Müdigkeit am frühen Nachmittag? Alles ruft nach einer kleinen Siesta. Lange verpönt, bietet das Homeoffice nun die Chance auf ein Revival. Passend dazu wurde „Die Kunst des Mittagsschlafs“ von Thierry Paquot neu aufgelegt.

Im Juni dieses Jahres, als gefühlt ganz Deutschland auf Homeoffice umgestiegen war und langsam anfing, in diesem digitalen Neuland-Modus tatsächlich zu funktionieren, konnte man in mehreren Zeitungen lesen: "Ein Vorteil, wenn man von zu Hause aus arbeitet: Man hat die Möglichkeit zum Kurzschlaf."

Der Autor des Essays "Die Kunst des Mittagsschlafs", Thierry Paquot, hätte seine Freude an diesem Artikel gehabt. Denn Paquot beklagt, ein Nickerchen sei eine Seltenheit geworden. Es kann aber auch sein, dass der französische Philosoph sich fürchterlich geärgert hätte: In seinem Essay sorgt er sich, die Arbeitgeber könnten den Mittagsschlaf, einen bewährten Muntermacher, als ein Mittel zur Leistungssteigerung entdecken. 

Seit der Veröffentlichung 1998 ist dies vielerorts tatsächlich geschehen: Ob in den Produktionsstätten und Zentralen von Weltkonzernen, im Geschäftsviertel Madrids oder in Berlin-Mitte. Überall entstehen Ruhezonen. Sie bieten Möglichkeiten, ein Nickerchen direkt am Arbeitsplatz oder gleich um die Ecke zu machen, um sich nach dem sogenannten Powernap ohne Zeitverlust wieder in den Produktionsprozess einzufädeln. 

Insel des Widerstands

Dennoch ist der Essay auch nach über 20 Jahren noch aktuell. Denn die sogenannte sechste Tageszeit, die Mittagsruhe, bedeutet laut Paquot viel mehr, als ein kurzes Durchschnaufen im Arbeitsalltag: Eine Siesta ist ein Sich-Zurückziehen und ein Zu-sich-finden, entspannen, ein wenig dösen, Sex haben, mal eine Weile einfach nichts tun.

Die Siesta ist eine der letzten Bastionen der Selbstbestimmung moderner Menschen, so Paquot. Ansonsten sind sie in die Weltmaschine des globalen Kapitalismus eingepfercht. Die Vernetzung und konstante Verfügbarkeit hätten eine konsumfreundliche, weltweit gültige Zeitrechnung geschaffen, in der eine individuelle Zeiteinteilung kaum noch möglich ist. Also nennt Paquot eine Siesta die Insel des Widerstands.

"Die Betriebsamkeit der großen Städte, die Übernahme internationaler Zeitpläne, die allgemeine Verbreitung der Klimaanlage und die Vorherrschaft der Arbeits- und Geldideologie verbannen den Mittagsschlaf als alte, dörfliche, traditionelle und unproduktive Gewohnheit. Ihn unter solchen Bedingungen zu verteidigen, bedeutet, sich der Political Correctness zu widersetzen."

Eurozentristische Ausführungen

Dieser kämpferischen Erkenntnis schickt Thierry Paquot durchaus amüsante Kapitel voraus. Denn es liegt in der Natur eines Essays, eine geistreiche Beobachtung gesellschaftlicher Phänomene zu sein.

Epoche um Epoche beschreibt Paquot die Darstellungen der Mittagsruhe in der Malerei. Er taucht in die Welt der antiken Mythen ein, als die Mittagsruhe eine Zeit der Wollust und Erotik war. Er lässt die Geschichte der organisierten Zeit Revue passieren, vom Glockenschlag einer Klosterkirche bis hin zur Entstehung der globalen Weltzeit. 

"Indem er sich von den 'natürlichen' Zyklen wie Tag und Nacht, den Jahreszeiten, den Lebensabschnitten und Ähnlichem befreite, unterwarf sich der Städter dem Zwang der Zeit, wie sie unerbittlich durch den Automaten festgelegt wurde." 

Paquots Ausführungen haftet ein Euro-, gar Frankozentrismus an. Ob Malerei, Literatur oder Philosophie, es ist die Welt eines mitten in Good Old Europe geformten und tätigen Gelehrten, die ihm den Stoff und die Argumente liefert. Selten wagt Paquot einen Blick über den europäischen Tellerrand. Gleichzeitig beklagt er, dass sich bislang weder Ethnologen noch Soziologen noch Geografen noch Ökonomen ausreichend mit der Siesta beschäftigt hätten.

Ein "Gefühl vollkommener Freiheit"

"Die Kunst des Mittagsschlafs" ist ein Kompendium amüsanter und lehrreicher Fakten und Beobachtungen rund um den urbanen Lebensraum. Die Mittagsruhe sei dabei ein "kristalliner Moment", der ein "Gefühl vollkommener Freiheit" hervorruft.

Und Thierry Paquots Gedanken über den Wert der Siesta bekamen in Corona-Zeiten eine erlebbare Bestätigung. Als viele ihre Arbeit ins Homeoffice verlegten, wurde auch Arbeitszeit mitsamt der Mittagspause umgestaltet. Statt hektischem Plaudern in der Kantine war plötzlich ein Rückzug wieder möglich, sogar ein Nickerchen. 

"Die Selbstbestimmtheit, die sich jeder in seiner Arbeit zu bewahren wünscht, hängt zu einem großen Teil von der Möglichkeit ab, selbst über seine Zeit zu verfügen."

Das kleine blaue Paperback-Buch ist mit Abbildungen der Gemälde illustriert, auf die Thierry Paquot in seinem Essay eingeht. Liegende, schlafende, ruhende Menschen. So nimmt die abstrakte Materie Gestalt an und es macht Freude, Werke, etwa von Pieter Breughel dem Älteren oder Eugène Delacroix, aus Paquots Perspektive neu zu entdecken.

Das Buch ist nicht dick, 96 Seiten. Ein Schnellleser kann es während einer ausgedehnten Siesta auslesen. Und wenn man dabei einnickt, so wäre das bestimmt auch im Sinne des Verfassers.

Thierry Paquot: "Die Kunst des Mittagsschlafs"
Übersetzt von Melanie Heusel und Sabine Dzuck
Steidl, Göttingen
96 Seiten, 16 Euro

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