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Breitband | Beitrag vom 25.07.2020

Technische Entwicklungen während CoronaDie Folgen von Gesundheitsapps und Pflegerobotern

Moderation: Tim Wiese und Teresa Sickert

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In Nordrhein-Westfalen steht der Pflegeroboter «Pepper» im Kassenbereich des Supermarktes und weist Kunden darauf hin, Abstand zu halten.  (dpa/ Markus Klümper)
Mit freundlichem "Gesichtsausdruck" warnt Roboter Pepper vor Hamsterkäufen und Ansteckung. (dpa/ Markus Klümper)

Auch die Technikwelt hat auf Corona reagiert: Staaten haben Gesundheitsapps eingeführt, Pflegeroboter stehen hoch im Kurs. Was sind die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklungen?

Es gibt im Kontext von Corona eine große Frage, die gerade viele Nationen beschäftigt: Wie hält man eine Bevölkerung und eine Gesellschaft gesund? Viele Staaten haben Monitoring-Apps eingeführt, die unterschiedlich stark in die Privatsphäre oder Freiheitsrechte eingreifen. In Deutschland gibt es die Corona-Warn-App, die freiwillig installiert werden kann und von Datenschützern gelobt wird: Die Nutzer werden anonymisiert und die Daten dezentral gespeichert.

Human Rights Watch warnt vor Überwachung

Die App wurde mehr als 16 Millionen Mal heruntergeladen. Jeanette Hofmann, Professorin für Internetpolitik an der Freien Universität Berlin und Direktorin des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft (HIIG), sieht in der hohen Anzahl der Downloads, dass viele Menschen verstanden hätten, dass man eine Pandemie nicht individuell, sondern nur gemeinschaftlich bekämpfen könne.

"Das ist auch eine radikale Abwendung davon, was der deutsche Kultursoziologe Andreas Reckwitz als Singularisierung des Sozialen bezeichnet hat. Dass wir in unserem täglichen Umgang eher das Individuelle, Besondere prämieren. In Zeiten der Pandemie-Bekämpfung wird all das ein bisschen unwichtiger."

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In anderen Staaten gibt es für die Bürger keine Möglichkeit, sich eigenverantwortlich zu entscheiden. Die Menscherechtsorganisation Human Rights Watch warnt, dass in mehr als 20 Ländern Telekommunikationstechnologien genutzt werden, um den Aufenthaltsort der Menschen zu bestimmen.

Drastischere Maßnahmen auch in Deutschland?

Fraglich ist, ob bereits eingeführte Technologien nach der Pandemie wieder verschwinden. Jeanette Hofmann denkt, "dass die Abstandsmessung durch Bluetooth sich ganz sicher mit anderen Infrastrukturen verbinden und ein Instrument werden wird, das wir als Gesellschaft normalisieren und für andere Zwecke einsetzen werden."

Es könne sein, dass solche Technologien auch bei anderen, harmloseren Krankheiten zum Einsatz kommen würden – oder in anderen Bereichen, an die wir jetzt noch nicht denken könnten. Man befinde sich also an einem Scheideweg: "Wir haben ja auch in Deutschland andere Maßnahmen öffentlich diskutiert als die, die wir bislang ergriffen haben. Und ich würde vermuten, dass wir auch drastischere Maßnahmen in diesem Land bekommen, je nachdem, wie sich das Geschehen in den nächsten Monaten entwickelt."

Können Pflegeroboter schützen?

Eine andere Frage im Kontext von Corona ist, wie sich der Kontakt mit Kranken verändert. Für medizinisches Personal besteht ein zehn- bis zwanzigmal höheres Risiko sich mit Corona zu infizieren als für die Normalbevölkerung. Besonders gefährdet sind Krankenschwestern und -pfleger. Könnten Pflegeroboter mehr Aufgaben erledigen und das Personal schützen?  

Tatsächlich hat Corona in der Branche einige Entwicklungen angestoßen. Die Nachfrage nach Technologien für die Labor-Automatisierung ist gestiegen. Es entstand zum Beispiel ein Roboterarm, der Corona-Abstriche am Auto durchführen kann. Es gibt Desinfektionsroboter oder solche, die Essen und Medikamente an hochinfektiöse Patienten austeilen.

Vier Prinzipien der Medizinethik

Eva Weber-Guskar, Professorin für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, beschäftigt sich mit Medizinethik, Ethik der künstlichen Intelligenz und der Philosophie der Gefühle. Sie nennt vier Prinzipien der Medizinethik, mit denen man überprüfen könne, ob der Einsatz einer bestimmten Technologie sinnvoll sei: Nicht-Schaden, Wohltun, Autonomie und Gerechtigkeit.

"Beispielsweise muss man darauf achten, dass die Maschine sofort aufhört, wenn sie bei einem Rachenabstrich einen stärkeren merkt. Da müsste man dann schauen, dass die so eingestellt sind, dass sie sofort stoppen und zu keinen Verletzungen führen."

Menschliche Berührungen sind nicht ersetzbar

Es ist wissenschaftlich belegt, dass allein Berührungen beim Genesungsprozess helfen. Bei Tätigkeiten wie Waschen oder Umbetten, die zwar auch eine Maschine erledigen könnte, kommt es zu menschlichem Kontakt. Wie gewichtet man hier den Schutz des Pflegers und die persönliche Zuwendung für den Kranken?

Menschliche Berührungen seien nicht ersetzbar, aber es gäbe Aspekte von sozialen Beziehungen, die teilweise von Maschinen übernommen werden könnten, sagt Weber-Guskar. Sie nennt beispielsweise Gespräche mit Maschinen mit künstlicher Intelligenz: "So etwas kann eine beruhigende Auswirkung haben, eine Beschäftigung sein und helfen, einen Bezug zu etwas zu haben. Auch wenn das noch weit entfernt ist von dem, wie man sich mit einem Menschen austauschen kann."

Bessere Bezahlung für Pflegekräfte 

Auch in Bezug auf den Autonomie-Aspekt kann Technologie Vorteile haben: "Manche Menschen würden es zum Beispiel bevorzugen, von einer Maschine gewaschen zu werden, weil sie sich vor Menschen eher schämen, oder weil sie sich von einem anderen Menschen nicht in Abhängigkeit sehen wollen."

Trotzdem warnt Eva Weber-Guskar davor, zu sehr auf Technik zu setzen: "Es gab jetzt gerade neue Umfragen unter jungen Leuten, die gezeigt haben, die können sich so einen Beruf vorstellen, aber unter besseren Bedingungen und mit besserer Bezahlung. Deswegen sollten wir nicht alles Geld in die Maschinenentwicklung stecken und Menschen, die sich gern in der Pflege einsetzen, ordentlich bezahlen."

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