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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.11.2020

T.C. Boyle zur US-Präsidentschaftswahl"Dieser Gauner hat das Amt für immer beschädigt"

Moderation: Joachim Scholl

Porträtdes US-Schriftstellers von T.C. Boyle, der sich mit beiden Zeigefingern an die Stirn tippt. (Laif / Gaby Gerster)
T.C. Boyle hält Donald Trump für den größten Betrug in der Geschichte der Vereinigten Staaten. (Laif / Gaby Gerster)

Die Tage der Stimmauszählung in den USA seien schrecklich für ihn, sagt der US-amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle. Er glaube nicht an eine Wiederwahl des amtierenden Präsidenten. Dessen Amtszeit werde aber noch lange nachwirken.

Joachim Scholl: Die Wahl in den USA – ist sie entschieden, oder doch nicht? Wir sprechen mit dem us-amerikanischen Schriftsteller T.C. Boyle, er lebt in Kalifornien, Montecito bei Santa Barbara. Herr Boyle, wie haben Sie diese letzten drei spannenden Tage erlebt?

T.C. Boyle: Diese Tage waren schrecklich, aber sie sind eben das, worauf die letzten vier Jahre hinausliefen. Und zusätzlich zum Trump-Virus werden wir auch noch von diesem anderen Virus attackiert. Wie ich durch die letzten Tage gekommen bin? Nun, das wird Ihre Hörer vielleicht nicht begeistern, aber ich habe morgens gearbeitet und jeden Nachmittag bin ich tief in die Wälder der Santa Ynez Mountains gegangen, ohne jede Kommunikation, auch kein Handy. Weil ich nicht wollte, dass mein Leben von dieser verrückten Angst bestimmt wird. Es reicht mir, Radio zu hören, wenn ich wieder nach Hause komme und am nächsten Morgen die Zeitung zu lesen. Ich möchte nicht davon besessen sein.

Das Bild zeigt die amerikanische Flagge, Dossier zur US-Wahl 2020 (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Scholl: Aber Sie haben natürlich auch davon gehört, dass der Präsident jetzt seit der Wahlnacht von Betrug spricht und er diese Wahl anfechten will. No matter what - er möchte im Amt bleiben. Was sagen Sie dazu?

Boyle: Er ist der größte Betrug in der amerikanischen Geschichte. Ein Gauner im Oval Office, der das Amt für immer beschädigt hat, solange dieses Land existiert. Ich glaube, wir werden ihn bald los sein. Aber sein Vermächtnis wird bleiben – in der ganzen Welt. Das erste, was Präsident Joe Biden tun wird, ist, unser Land wieder ins Pariser Klimaabkommen aufnehmen zu lassen. Denn, wie sicher alle Zuhörer wissen, ist die existentielle Bedrohung der Menschheit die Erderwärmung, die sich in einer Art und Weise zeigt, die wir uns nie hätten vorstellen können – und wesentlich früher als vermutet. Vergessen Sie nicht, ich bin ja derjenige, der vor 20 Jahren "Ein Freund der Erde" über die globale Erwärmung geschrieben hat. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie schnell und wie gravierend uns dieses Problem erreichen würde.

"Anfangen, die Spaltungen zu heilen"

Scholl: Es ist ja auf des Messers Schneide und was glauben Sie, Mister Boyle, wie kann denn dieser eventuell neue Präsident Ihr Land, die Menschen wieder zusammenbringen, die in dieser Amtszeit von Donald Trump so auseinandergedriftet sind, dass es so aussieht, als stünden sich hier wirklich zwei feindliche Lager gegenüber?

Boyle: Ich denke, Bidens Botschaft ist gut. Er ruft dazu auf, zusammenzukommen, und sich daran zu erinnern, dass wir alle Amerikaner sind. Und dass der Feind nicht die gegnerische Partei ist, sondern dass es draußen in der Welt viele Feinde gibt, wie zum Beispiel Vladimir Putin, der mitgeholfen hat, das alles in Szene zu setzen - und nun mit Genugtuung beobachten kann. Ob wir in der Lage sein werden, uns darauf zu besinnen? Das müssen wir herausfinden. Geben Sie uns sechs Monate mit Biden als Präsident, in der wir zur Normalität zurückkehren können.

Vergessen Sie nicht, dass es das Lebenselixier des gegenwärtigen Bewohners des Weißen Hauses ist, für Zwietracht und Unruhe zu sorgen. Es gibt eine permanente Spannung, eine ständige Wut im Internet, in Hass-Sendungen im Radio und im Fernsehen, es wiederholt sich andauernd. Wenn das alles vielleicht, möglicherweise  für ein paar Monate mal Pause macht, könnten wir anfangen, einige unserer Spaltungen langsam wieder zu heilen.

"Von Trumps Zirkus manipuliert"

Scholl: Nun haben auch viele Schwarze und Latinos überraschend Donald Trump gewählt - mehr, als dieser sich wohl selbst erträumt hätte. Wie erklären Sie sich diese Zustimmung?

Boyle: Das verwundert mich, weil sie damit natürlich gegen ihre eigenen Interessen handeln. Aber richten wir mal den Blick auf sein riesiges Publikum aus der weißen Arbeiterklasse, die ihn gewählt haben. Sie werden von Propaganda kontrolliert und manipuliert. Diese Weißen wählen motiviert von Rassismus und der Angst davor, dass dieses Land wirklich multikulturell werden könnte.

Menschen aus Minderheiten, die ihn gewählt haben – das ist ja auch nur ein sehr geringer Anteil – fallen vermutlich auf den gleichen Trick, die gleiche Illusion rein, die Trump präsentiert. Sie wissen, wer er ist: der Mann, der im Fernsehen war, der bei "The Apprentice" dabei war, sie kennen ihn. Sie wissen nicht, wer Joe Biden ist, der sein ganzes Leben im Dienste des Staates verbracht hat. Trump dagegen ist ein angeberischer Bankrotteur, der es irgendwie geschafft hat, sich in die Position des mächtigsten Mannes der Welt zu manipulieren. Sie sind also ebenfalls von Trumps Zirkus manipuliert worden.

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Scholl: Nun hat Donald Trump in seinem Auftreten, seinem ganzen Verhalten, seiner Persönlichkeit einen enorm aggressiven Ton gesetzt – und bei seinen Gegnern auch einen ähnlich harten Ton dann provoziert. Was glauben Sie, T.C. Boyle: Wird denn dieser Sound irgendwie wieder verklingen - oder wie kriegt man ihn aus der Öffentlichkeit, aus Amerika wieder heraus?

Boyle: Wie ich gerade schon sagte, wenn einmal diese Provokation aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden ist, wird es ein langer Weg sein, diese Spaltungen zu überwinden. Es wird schwierig sein. Als Trump 2016 zum ersten Mal gewählt wurde – und zum einzigen Mal, wie ich hoffe –, fragte mich auch die Presse aus Deutschland und anderen Ländern, wie ich die Situation empfand. Und ich habe Folgendes gesagt: Ich bin das Problem. Meine Weltsicht ist so, dass ich Teil einer Demokratie sein möchte. Ich glaube an Frauenrechte, an Multikulturalismus; daran, was in der Verfassung steht; an den Schutz der Umwelt - und am allerwichtigsten: an Bildung.

Woran glaubt die andere Seite? Sie glauben daran, die Unternehmer, die sie ins Amt befördert haben, noch ein wenig reicher zu machen. Wie kann man da eine Einigung finden, wo kommt man da zusammen - besonders, seit Trump die Gesetze des Landes missachtet, sich als über dem Gesetz stehend betrachtet, wie jeder Diktator oder Möchtegern-Diktator? Ich kann nur beten, dass er diese Wahl verliert, wonach es ja zurzeit aussieht, dass wir ihn zumindest aus unserem Sichtfeld kriegen.

Kein Interesse an den Amerikanern

Scholl: Wenn man nun diese so lange und intensiv diskutierte "Spaltung" des Landes genauer anschaut, dann war es in den letzten 50 Jahren ja immer so, dass es tiefe, tiefe Gräben gab: zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich, Religiös und Säkular, Liberal und Konservativ. Und trotzdem gab es doch immer so einen gemeinsamen American Spirit: Wir sind das Land der Freiheit, wo es jeder schaffen kann, wir sind das Land, wo jeder seinen Platz findet. War oder ist Donald Trump der große Zerstörer dieses Spirits - oder ist er nur der Katalysator und Ausdruck von Konflikten, die immer unterdrückt wurden? 

Boyle: Ich glaube, beide Punkte treffen zu. Ich denke schon, dass wir das überleben werden. Aber ja, er ist der Katalysator, wie Sie sagen. Er hat eine Gelegenheit ergriffen, die Not der weißen Arbeiterschicht, die in einem zunehmend technologisch geprägten Zeitalter, in dem Bildung das Allerwichtigste ist, einfach vergessen wurde. Das hat er ausgenutzt, auch die Vorurteile hat er ausgenutzt.

Aber wie schon der desaströse Präsident vor ihm, George W. Bush – der ebenfalls die prozentuale Mehrheit nicht erreichen konnte – interessiert er sich eigentlich überhaupt nicht für irgendeinen Amerikaner, erst recht keinen Amerikaner aus der Arbeiterklasse. Wahrscheinlich hat er noch nie einen kennengelernt. Er interessiert sich nur für eine einzige Sache, das ist sein Stand, seine Plattform, die der republikanischen Partei: Trump. Punkt. Das ist alles, was für ihn zählt.

Frage, ob Trump sich selbst begnadigen kann

Scholl: Was erwarten Sie nun für die nächsten Tage und Wochen?

Boyle: Ich erwarte eine Auflösung des Ganzen. Trump wird nicht einfach ruhig gehen. Und sobald er erstmal ein handlungsunfähiger Präsident sein wird, wird er alles tun, was in seiner Macht steht, um uns in seinen letzten zweieinhalb Monaten weiter auseinanderzureißen.

Er wird natürlich alle Kriminellen begnadigen, mit denen er zu tun hatte – es stellt sich sogar verfassungsmäßig die Frage, ob er sich selbst begnadigen kann, um den vielen, vielen Verfahren zu entgehen, die in den Gerichten jetzt darauf warten, dass er sein Amt verliert. Darunter eins der Deutschen Bank. Wir werden sehen. Es wird wohl jede Menge Stress geben. Und Trump wird wohl wieder bankrott sein, zum fünften oder sechsten Mal. Ich komm da nicht mehr so ganz mit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch übernahm Marei Ahmia.

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