Sternenkind-Fotografien

Fotos helfen bei der Trauer

06:53 Minuten
Ein rosa farbenes Paar Babyschuhe steht auf einem Holzregal.
Als Sternenkinder werden Babys oder Kleinkinder bezeichnet, die vor, während oder bald nach der Geburt sterben. Der Schmerz über den Verlust bleibt bei vielen Eltern oft ein Leben lang. © Unsplash / Mon Petit Chou Photography
Von Mirjam Mischke-Stöckel · 09.05.2022
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Maja starb nach 20 Wochen im Bauch der Mama. Die einzigen gemeinsamen Momente mir ihren Eltern hat damals ein Fotograf festgehalten. Diese Aufnahmen helfen der Familie bis heute, um mit dem Verlust von Maja umzugehen.
„Man ist erst mal damit beschäftigt, sich das Kind anzuschauen, das Ganze zu realisieren. Und wie bei einem neugeborenen, lebenden Kind: Man schaut halt nicht mehr weg. Man schaut die ganze Zeit dieses Kind an – man ist einfach unglaublich stolz, sein eigenes Kind in der Hand halten zu dürfen. Auch wenn es tot ist.“  
Zehn Zentimeter, 150 Gramm, ein kleines, zartes Leben: Yvonne Riedls Tochter Maja starb an einer Chromosomenstörung, der Triploidie, nach 20 Wochen im Bauch der Mama. Gut acht Jahre ist das her – und Yvonne Riedl, heute 33, erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Auch, weil ein Fotograf die ersten gemeinsamen Momente zu dritt für immer festgehalten hat.
„Wir haben das bewusst als Familie wahrgenommen – der Christian, ich und Maja. Und der Oli hat Fotos gemacht. Aber total dezent. Ich habe den total ausgeblendet. Das darf man sich nicht vorstellen wie bei einem richtigen Fototermin, dass man sagt: Nimm einmal den Fuß oder die Hand, oder streichel es mal. Sondern, das macht man sowieso intuitiv. Und der Fotograf macht einfach Fotos.“

Sternenkind-Fotografen arbeiten ehrenamtlich

Bezahlen musste Yvonne Riedl dafür nichts. Sternenkind-Fotografen arbeiten ehrenamtlich, deutschlandweit. Spenden decken die Sachkosten. Erreichbar sind die Fotografen unter der Notfallnummer 06257 918 500 9. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, an 365 Tagen im Jahr, sagt Oliver Wendlandt, der Sprecher der Initiative „Dein Sternenkind“. Maja war das erste tote Baby, das er fotografiert hat. Inzwischen sind es weit über 30.
„Ich habe vor kurzer Zeit ein Kind fotografiert, was in der 13. Woche zu Hause auf die Welt kam. Das hatte acht Gramm und war sechseinhalb Zentimeter groß, aber hatte Finger, Nase und sogar Fingernagelansätze. Also das war sehr, sehr klein. Es kann aber auch sein, dass es eins ist, das in der 41. Woche zur Welt kommt. Und das ist einfach fotografisch ein ganz anderer Anspruch.“

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Dringend, sagt Wendlandt, brauchten die derzeit 650 Fotografen Verstärkung – gern Profis, gern aber auch Amateure mit guter Kamera und passender Bildsprache. Denn immer mehr Eltern von Sternenkindern fordern sie an: 330 waren es 2016 – und im vergangenen Jahr dann schon rund 4250.
„Wir haben Kollegen, die machen die vier, fünf Einsätze – das ist bewältigbar, überschaubar, sowohl was den finanziellen als auch den emotionalen und zeitlichen Aufwand angeht. Wir haben auch Kollegen, die machen 60, 70 Einsätze im Jahr – und das ist zu viel.“

Die Fotos können betroffenen Paaren helfen

Warum aber die steigende Nachfrage? Sicherlich, weil die Sternenkind-Fotografie bekannter wird. Wohl aber auch, weil das Angebot auf einen echten Bedarf stößt.
Kerstin Lammer jedenfalls ist überzeugt: Die Bilder können betroffenen Paaren beim Trauern helfen. Weil sie nämlich den Tod dieses Kindes dokumentieren – und damit auch dessen Leben und die eigene Elternschaft. Lammer hat lange als Professorin zu Trauerprozessen geforscht, heute ist sie leitende Militärdekanin in Berlin – und sie sagt: Die Sternenkind-Fotografie sei für verwaiste Eltern deshalb wichtig, weil ...
„... jemand da ist, der dafür sorgt: Es werden Erinnerungen geschaffen, Beweise geschaffen – sodass die Eltern auch in der Rückschau wissen können: Ja, ich hatte diese Geschichte mit meinem Kind – und es gibt Anlass zur Trauer.“
Die Trauer diene dazu, den Verlust des Kindes zu bewältigen, so Lammer, – und die Forschung zu Trauerprozessen habe klar gezeigt, ...
„... dass es Risikofaktoren gibt, die die Trauer erschweren. Einige davon sind: Wenn es keine Bestätigung des Todes gibt, fehlende Bestätigung des Todes, fehlende Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Und das ist natürlich gegeben, wenn sie keinerlei Spuren der verstorbenen Kinder haben. Diese beiden Risikofaktoren sind hier sehr gegeben. Und denen wirkt man klar entgegen, indem man solche Dinge macht wie Sternenkind-Fotos.“

Was gut gemeint ist, kann verletzten

Und auch Freunden und Bekannten, dem sozialen Umfeld kann das Foto einer kleinen Hand oder eines Füßchens eine Hilfe sein. Fotograf Oliver Wendlandt beobachtet das immer wieder. Es sei eine Hilfe dabei, einen guten Umgang mit den Sternenkind-Eltern zu finden. Statt aus Überforderung zu schweigen – oder Dinge zu sagen, die gut gemeint sind, aber verletzen.
„Der Satz 'Du bist ja noch jung, mach ein neues…' – das tut den Müttern weh. Das liegt daran, dass Menschen keine Vorstellung von einer stillen Geburt haben. Das ist ein abstrakter Begriff, mit dem kann man überhaupt nichts anfangen. Und wenn ich ein Bild habe von diesem Kind und das zeigen kann, dann wird aus diesem abstrakten Begriff ein Mensch. Und dann versteht das Umfeld auch, warum die Eltern trauern. Weil es eben nichts Abstraktes ist, sondern ein kleiner Mensch war, der eigentlich nur noch hätte wachsen müssen.“
Etliche Paare zerbrechen am Tod eines Kindes. Auch sie und ihr Mann hätten zu kämpfen gehabt, erzählt Yvonne Riedl. Inzwischen haben sie miteinander einen gesunden Sohn und eine gesunde Tochter – und zu dieser Familie gehöre ihre verstorbene Tochter für immer dazu, sagt die dreifache Mutter.
„Maja hat am 24. März Geburtstag und wir lassen jedes Jahr einen Luftballon steigen.“ 
Hoch in den Himmel. Und unten im Wohnzimmer, da blättern Majas Eltern und Geschwister mindestens einmal pro Woche durch das Album mit den Sternenkind-Bildern.
„Das ist das Allerwichtigste in meinem Leben, was ich hab: Meine Kinder kann ich in den Arm nehmen – und meine Fotos kann ich anschauen.“
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