Start-ups in der Krise

Der Goldrausch ist vorbei

29:32 Minuten
Ein Mitarbeiter des Lebensmittel Gorillas radelt durch die Straßen von Berlin.
Der Lebensmittellieferant Gorillas ist ein gutes Beispiel dafür, wie man als neu gegründetes Unternehmen rasant wächst, aber auch genauso schnell in Schwierigkeiten gerät. © picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm
Von Wolf-Sören Treusch · 16.08.2022
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Jahrelang wurden in Start-ups Milliarden investiert. Mittlerweile sitzt das Geld nicht mehr so locker. Die Pandemie und der Krieg gegen die Ukraine setzen der Gründerszene ordentlich zu. "Kosten sparen" heißt jetzt die Devise. Und profitabler werden.
Weiß glitzert der Sand, gelb strahlen die Netzanlagen im Licht der untergehenden Sonne. Eine Beachvolleyballanlage im Südosten Berlins. Auf sechs Spielfeldern pritschen, baggern und blocken gemischte Teams, Frauen und Männer, vier gegen vier. Die Teams von Zenfulfillment und Fraugster, beides Start-up-Unternehmen aus Berlin, liefern sich ein enges Match. Freizeitspaß pur, findet Nuri Jusupow von Zenfulfillment.
„Ja, hat superviel Spaß gemacht. Ersten Satz verloren, zweiten Satz gewonnen, dritten Satz verloren, und der vierte war superknapp, leider verloren 21-18 und im Endeffekt 3:1 von den Sätzen verloren.“
Jeden Mittwoch trifft sich hier die Start-up-Szene Berlins. 20 Beachvolleyball- und 64 Fußballteams auf Kleinfeld. Organisiert in der Start-up-League Berlin. Der Freizeitspaß hat seinen Preis: 399 Euro im Monat kostet es ein Unternehmen, sein Team für den Spielbetrieb anzumelden. In der aktuell angespannten Wirtschaftslage für manchen zu viel.
„Die Konsequenz: Es werden Kosten gespart, Leute werden gefeuert, wir hatten zum Beispiel hier auch in der Start-up-Liga einige Unternehmen, die auf einmal nicht mehr die Teilnahmegebühren bezahlen konnten und damit ausgeschieden sind, oder wo 20 Prozent der Belegschaften gekündigt wurde, die auch die Start-up-Liga beendet haben, weil einfach weniger Geld am Ende des Tages da ist.“
Mehrer Personen spielen an einem sommerlichen Abend Beachvolleyball.
Die „Startup Leagu“ war auch ein Ausdruck für den Boom der Start-up-Branche, mittlerweile können sich mehrere Firmen den Freizeitspaß nicht mehr leisten. © Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch
Auch das Unternehmen, für das Nuri Jusupow arbeitet, ein Logistikdienstleister im E-Commerce-Bereich, ist von der Wirtschaftsflaute betroffen.
„Wir sehen auch, dass unsere Bestandskunden ungefähr 20 Prozent Umsatzeinbrüche haben über die letzten 1, 2, 3 Monate, das Gute ist, dass wir relativ lean aufgebaut sind von unseren Kosten, von daher können wir das eine Zeit lang auf jeden Fall tragen, gemeinsam mit unseren Investoren, haben da auch gar kein Stress zurzeit, sind sogar zurzeit in einer neuen Finanzierungsrunde trotz der schwierigen Marktlage, und es läuft auch schon sehr gut, trotz des aktuellen Marktumfeldes da noch mal externes Kapital einzuholen.“

Die Folgen von Pandemie und Krieg

Für andere Start-ups dürfte es schwieriger werden. Der Blick auf die Zahlen verrät: Die guten Zeiten sind vorbei. Weltweit gehen die Risikokapitalfinanzierungen zurück – die Hauptgeldquelle der Start-up-Branche. Auch in Deutschland investieren Wagniskapitalgeber deutlich weniger: im zweiten Quartal 2022 nur noch 2,9 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor, im zweiten Quartal 2021 waren es noch 7,8 Milliarden Euro.
Die Investoren sind vorsichtig geworden. Die Pandemie und der Krieg in der Ukraine, Energieengpässe und Lieferkettenproblematik haben ihre Spuren hinterlassen. Hinzukommen die Inflation und weltweit steigende Zinsen, dadurch werden die Kredite teurer. Droht dem Start-up-Boom in Deutschland das Ende? Keineswegs, versichert Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutsche Start-ups.
„Wir kommen ja gerade auch aus einer Corona-Krise, die noch gar nicht zu Ende ist, die auch Auswirkungen hatte auf diese Kapitalströme, wir hatten nen Knick in 2020, wir haben Nachholeffekte 2021 gesehen, jetzt ist es im Vergleich zum letzten Jahr größer zurückgegangen, wenn wir uns aber die lange Linie angucken an Investitionen in Start-ups in Deutschland, dann sehen wir schon, dass da nach wie vor ordentlich investiert wird, dass da genug Kapital im Markt ist und deswegen von keiner Blase die Rede sein kann und auch keiner Panik im Markt.“

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Manches Start-up-Unternehmen hat jedoch durchaus Anlass panisch zu reagieren. Beispiel: der Lebensmittellieferdienst Gorillas. Kurz nach Beginn der Corona-Krise 2020 gegründet, wächst er rasend schnell. Das Geschäft boomt, Investoren aus aller Welt stecken frisches Kapital ins Unternehmen. Gorillas wird innerhalb kürzester Zeit zum Einhorn – so werden Start-ups genannt, die eine Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar haben.
Mitte Mai äußert sich Gorillas-Gründer Kagan Sümer in einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte auf einer Messe für Online-Marketing in Hamburg. Wie er es geschafft habe, Gorillas innerhalb kürzester Zeit in Europa und den USA zu einem Unternehmen mit 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu machen, will der Moderator wissen.
Die Antwort des Gründers fällt gleichermaßen wirr wie sentimental aus. Sein persönliches Highlight sei die erste Finanzierungsrunde im März 2021 gewesen, 290 Millionen US-Dollar habe Gorillas damals bei den Investoren eingesammelt. Geheult habe er, als er sein Team über den Geldsegen informierte, und ihm ewige Freundschaft versprochen.
Heute, drei Monate nach dem Auftritt Sümers in Hamburg, sind die Zukunftsaussichten seines Unternehmens düster. In Europa, auch in Deutschland, hat Gorillas Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen. Zudem machen Gerüchte über einen Verkauf der Firma an einen Mitbewerber die Runde.

Weltweiter Abbau von Arbeitsplätzen

Die Start-up-Branche insgesamt steht unter Druck. Im Mai seien weltweit in 71 Tech-Unternehmen 17.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entlassen worden, meldete t3n, ein Magazin für digitale Wirtschaft. Das sei der höchste Wert seit Beginn der Pandemie im Februar 2020.
Heike Hölzner, Professorin für Entrepreneurship und Mittelstandsmanagement an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, ordnet die Entlassungswelle ein.
„Es gibt einfach weniger Kapital im Markt, das bedeutet: Start-ups, die sehr große Finanzierungsrunden in der Vergangenheit abgeschlossen haben, um möglichst schnell und dynamisch zu wachsen, die haben jetzt aktuell Schwierigkeiten, zumindest zur gleichen Bewertung wieder Kapital aufzunehmen, weil wie gesagt weniger am Markt ist. Und da ist eben das Rückfahren des Wachstumsmotors und leider auch das Entlassen von Mitarbeitern eine Möglichkeit, um Geld zu sparen, Liquidität einzusparen. Und so kommen sozusagen die Entlassungen, die wir gerade sehen, zustande, so erklären die sich.“
„Jetzt geht es mal wieder nach unten, und das werden auch einige nicht überleben, aber manchmal ist so ein bisschen den Baum schütteln und mal bisschen die schlechten Früchte aussortieren gar nicht so verkehrt“, sagt Christian Vollmann. Er ist Startupper der ersten Stunde. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist er an mehr als 80 Unternehmensgründungen beteiligt gewesen. Als Gründer, Investor oder Mentor.
„Gorillas ist für mich im Moment genau das richtige Beispiel, es war der größte Hype der letzten zwei Jahre, es war die berühmte Sau, in die Milliarden investiert worden sind, und wenn man jetzt mal seziert: Welches Problem wird da gelöst? Es wird das Problem gelöst, dass ich zu faul bin, meinen Arsch von der Couch hochzukriegen, um mir ne Packung Chips und eine Dose Bier zu bestellen.“ – „Du meinst, zu holen, oder?“ – „Genau. Also jetzt überspitzt gesagt. Aber: Jetzt kann man sich volkswirtschaftlich schon fragen: Ist es sinnvoll, dass da Milliarden reingepumpt werden? Mein Mitleid hält sich auch in relativ engen Grenzen.“

Wachstum um jeden Preis reicht nicht

Zwischen Goldrausch und Todesspirale: Die Start-up-Branche steckt in einem Dilemma. Die Geldgeber schauen genauer hin. Wachstum um jeden Preis reicht ihnen nicht, Profitabilität wird wichtiger. Nicht Geld verbrennen, beispielsweise für aufwendige Kundenakquise, ist angesagt, sondern Geld verdienen.
Eine Haltung, die im Widerspruch steht zur Dynamik des Wachstums, die die Gründerinnen und Gründer eines Start-ups anstreben. Und nicht nur die. Auch die Investoren, die sogenannten Wagniskapitalgeber, Venture Capital Gesellschaften, setzen üblicherweise auf diese Dynamik. Erklärt Professorin Heike Hölzner.
„Venture Capital investiert in Start-ups ‚Hochrisikoklasse‘ mit dem Kalkül, dass viele der Vorhaben nicht funktionieren werden, über den Daumen gepeilt sagt man immer: Neun von zehn werden nicht erfolgreich werden, sie versuchen, das eine zu finden, und dieses eine, damit es das Zehnfache, das Hundertfache des investierten Kapitals wieder einspielen kann, muss natürlich extrem wachsen können.
In vielen Märkten ist es so, dass man zumindest davon ausgeht, dass sich immer ein dominanter Player durchsetzen wird. Wir haben das bei Uber beispielsweise gesehen, da gab es viele Versuche, irgendwie das Geschäftsmodell zu kopieren oder sich mit einer ähnlichen Plattformlösung am Markt zu positionieren, und das ist so ein bisschen der Mechanismus dahinter, der dazu geführt hat, dass Investoren in Start-ups investieren, die nicht nur keine Gewinne machen, sondern tief in den roten Zahlen stecken.“
In Zeiten, in denen das Geld locker sitzt und Start-ups eine günstige Anlagemöglichkeit darstellen, ist das kein Problem für die Venture Capital Gesellschaften. Doch auch die reagieren nun.
„Es gibt diese Kennzahl vom ‚Wall Street Journal‘, die gehen davon aus, dass weltweit in diesem Jahr das für Start-ups zur Verfügung stehende Kapital um circa 20 Prozent einbrechen wird. Das ist im ganz Wesentlichen das, was neu investiert wird in Start-ups. Viele der Venture Capital Gesellschaften ändern ihre Strategie insofern, als dass sie nachfinanzieren in bereits bestehende Portfoliounternehmen, das bedeutet: Sie nehmen keine neuen Unternehmen ins Portfolio auf, sondern machen eine zweite, dritte, x-te Runde auf von bereits bestehenden Investments. Und sind vielleicht für den Moment zurückhaltender und beobachten da, aber die Töpfe sind eigentlich noch ganz gut gefüllt.“
Die Zahl der Neugründungen sinkt. Auch hierzulande. Der Bundesverband Deutsche Start-ups hat neueste Zahlen. Danach gab es im ersten Halbjahr dieses Jahres im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2021 sieben Prozent weniger Neugründungen. Die Bedeutung der Start-ups für die Volkswirtschaft insgesamt aber wächst, meint Geschäftsführerin Franziska Teubert.
„Wir haben im letzten Jahr ermittelt, dass Start-ups mittlerweile 415.000 Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen haben und auch sichern, und wenn wir vergleichen, welche Arbeitsplätze die Dax-Unternehmen geschaffen oder abgebaut haben, dann sehen wir, dass das größere Wachstum im Start-up-Bereich war, die Dax-Unternehmen haben im gleichen Zeitraum eher Arbeitsplätze abgebaut, und wenn wir die indirekten Beschäftigungseffekte noch dazu rechnen, dann sind es tatsächlich über 1,5 Millionen Arbeitsplätze, die Start-ups mittlerweile sichern, also es ist ein zunehmender und wichtiger Wirtschaftszweig in Deutschland.

Berlin – die deutsche Start-up-Metropole

„The capital of cool“ – als solche bezeichnete die britische Tageszeitung ‚The Times’ vor einigen Jahren mal Berlin. Warum? Weil die deutsche Hauptstadt im Begriff war, London den Rang als europäische Start-up-Metropole streitig zu machen. So weit ist es zwar nicht gekommen.
Aber mit 23 Milliarden US-Dollar, die in den vergangenen fünf Jahren in Berliner Start-ups flossen, steht die deutsche Hauptstadt im europäischen Vergleich auf Platz 4 – hinter London, Amsterdam und Paris. Im Beliebtheitsranking unter den Gründerinnen und Gründern liegt Berlin sogar im zweiten Jahr nacheinander auf Platz 1. Dabei haben die Start-ups auch in Berlin ihre Anlaufschwierigkeiten zu überwinden. Rückblick auf eine Szene im Herbst 2019.
Ein Erdgeschoss-Loft in Berlin-Mitte: Draußen ziehen Gebäudereiniger vorbei, die für bessere Arbeitsbedingungen demonstrieren. Drinnen berichtet Existenzgründer Ali Albazaz seinem Gast von seinen Expansionsplänen.
„Gerade was dringend und sehr brennt, ist, dass wir sehr extrem wachsen, auch mit Personenanzahl, wir sind jetzt aktuell um die 50 Leute, werden jetzt in den nächsten vier, fünf Monaten auf 100 wachsen und dann auf 150 über die nächsten zwölf Monate, …“
Ali Albazaz, damals 30, ist Sohn irakischer Eltern, die in den 1990er-Jahren nach Deutschland geflüchtet sind. 2013 gründet er mit einem Startkapital von ein paar 10.000 Euro das Bücher-Start-up „Inkitt“.
„Wir haben einen Algorithmus gebaut, einen Bestseller vorauszusagen, und das machen wir, indem wir Leseverhalten analysieren. Das heißt, die Autoren laden die Bücher hoch, Leser lesen die ganzen Bücher komplett kostenlos für eine limitierte Zeit, wir machen eine Verhaltensanalyse, wenn wir sehen, dass die Leser dieses Buch sehr mögen, dann kontaktieren wir den Autoren und veröffentlichen den Autoren.“

14 Millionen für ein Bücher-Start-up

Und zwar dann in gedruckter Form. 2019 dann der Durchbruch: Große Investoren interessieren sich für die Geschäftsidee. „Inkitt“ erhält mehr als 14 Millionen Euro Wagniskapital. Das Start-up steigt auf in die Top 20 in Berlin. Deshalb braucht Ali nun neue Büroräume. Sein Gast will helfen. Es ist Christian Vollmann, der Business-Angel, der privates Geld in Geschäftsideen junger Gründer wie Ali Albazaz investiert, wenn er von ihnen überzeugt ist.
„Irgendwann stand er vor meiner Haustür und hat gesagt: ´Christian, du musst mir jetzt fünf Minuten zuhören, ich brauche dich als Business-Angel.` Ich wollte gerade mit dem Hund spazieren gehen, da habe ich gesagt: ´Ali, ich gehe jetzt eine Runde mit dem Hund, du kannst einfach mitlaufen, mir deine Idee erzählen, und nach dem Gassi gehen ist deine Zeit um, und wenn ich dann Nein sage, will ich nicht mehr, dass du vor meiner Tür stehst, das musst du mir versprechen.` Das war der Deal, und nach der Viertelstunde Gassigehen hatte er mich überzeugt und ich habe investiert.“
Zwei Männer stehen dicht beieinander in einem Büro.
Gründer Ali Albazaz (r.) hatte 15 Minuten, um Business-Angel Christian Vollmann von seiner Geschäftsidee zu überzeugen. © Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch
50.000 Euro, später noch einmal so viel. Als Business-Angel steht Christian Vollmann den Gründerinnen und Gründern, denen er Geld zur Verfügung stellt, auch als Berater zur Seite. Ali Albazaz kann er bei der Bürosuche helfen.
„Wenn sie die richtigen Business-Angels finden, dann bekommen sie ja nicht nur das Kapital, sondern sie bekommen auch Unterstützung, sie helfen Ihnen, die typischen Fehler in der frühen Phase beim Aufbau eines Unternehmens eben nicht zu machen, da gibt es viele Fallen, in die man tappen kann, sie können auf deren Netzwerk zurückgreifen, sie bekommen einen Aufsichtsrat noch gleich mit dazu, und zwar einen, der keine Rechnungen stellt, sondern der das pro bono macht, weil er eben mit im Boot sitzt.“
Wie viel Geld „Inkitt“ verdient, ist Betriebsgeheimnis. Es heißt, mithilfe diverser Abo-Modelle setze das Unternehmen mehr als 30 Millionen Euro im Jahr um. Klar ist aber: Ali Albazaz expandiert weiter. In einer zweiten Finanzierungsrunde im Herbst 2021 akquiriert er von namhaften US-Investoren weitere 59 Millionen Dollar.
„Mittlerweile ist er sogar in die USA gezogen, er hat ein Büro im Silicon Valley aufgemacht, hat jetzt also zwei Standorte, an der West-Coast und hier in Berlin weiterhin, sind in größere Büros gezogen, also: Es läuft sehr gut, man muss jetzt natürlich gucken, wie er durch die Krise navigiert, ja, das Gute ist: Er hat eben vor nicht allzu langer Zeit diese Runde zugemacht, das heißt:
Er ist erst mal finanziert, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er jetzt auch hinterfragt, welche Kosten müssen unbedingt sein, wo kann ich vielleicht den Gürtel ein bisschen enger schnallen, um einfach meine so genannte Run Rate, also die Zeit, die mir bleibt mit dem Geld, was ich auf dem Konto habe, bis ich profitabel bin, zu verlängern. Das ist jetzt gerade, was ganz viele Start-up-Gründer machen müssen.“

Klassische Banken sind schlechte Geldgeber

In einem Co-Working-Space im Berliner Stadtteil Schöneberg tüfteln sechs Männer und eine Frau an der App ‚Get Your Sports‘, einer Buchungsplattform für Sportaktivitäten. Gegen eine Einmalgebühr spontan und unkompliziert einen Boxkurs oder eine Yogagruppe in einem Fitnessstudio vermitteln: Das ist ihre Vision. Bei der Kundenakquise konzentrieren sie sich auf Firmen, die ihrem Personal solche Kurse anbieten wollen. ‚Corporate wellbeing‘ heißt das Wohlfühlprogramm.
Chief Operation Officer, also Geschäftsführer Florian Bremer hatte vorher an einer ähnlichen App mitgearbeitet. Startkapital damals, 2016: eigene Ersparnisse plus 20.000 Euro, gesammelt per Crowdfunding.
„Eine Bank, eine klassische Bank, die hätte, Schrägstrich hat uns hochkant rausgeschmissen, weil wir halt von einer Vision geredet haben, die ich zwar in Zahlen runter schreiben kann, der Businessplan, der passt, der sieht gut aus, der läuft auch nach Plan ab tatsächlich, aber eine Bank kann halt … es ist eine Glaskugel. Ich kann verstehen, dass da so der konservative Gedanke vorherrscht, und man sagt, ‚das ist kein Case für uns’.
Existenzgründerinnen und -gründer suchen sich ihre ersten Geldgeber daher oft bei family, friends and fools – Familie, Freunden und Verrückten, wie sie in der Start-up-Szene genannt werden. Anschließend heißt es: Klinken putzen.
„Der nächste Schritt war dann tatsächlich, dass wir im Januar 18. nach über 100 Pitches auf verschiedensten Veranstaltungen, die richtige Veranstaltung getroffen haben und haben da jemanden kennengelernt, der uns dann die nächsten Schritte ermöglicht hat.“
Ein Mann im Kapuzenpulli sitzt in einem Büro.
Zu Scheitern ist für Florian Bremer, Geschäftsführer von Get Your Sports, kein Grund, es nicht weiter mit einer Geschäftsidee zu versuchen. © Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch
Mit dessen Hilfe können Bremer und sein Team 22 Kleininvestoren gewinnen, die insgesamt eine Million Euro bereitstellen. Doch dann kommt Corona, Sport ist während der Lockdowns kaum möglich, das Unternehmen geht pleite. Florian Bremer lässt sich nicht entmutigen, 2021 heuert er bei „Get Your Sports“ an, ist als COO für den Businessplan zuständig. In einer ersten Finanzierungsrunde kann das Start-up Fremdkapital im mittleren sechsstelligen Bereich einsammeln. Profitabel arbeitet es noch nicht.
Die Gehälter sind niedrig. Ein Start-up zu gründen, bedeute immer auch Verzicht auf persönlicher Ebene, sagt der COO. Er vertraut darauf, dass der Gesundheits- und Sportmarkt langfristig wachsen wird und „Get Your sports“ von dem Kuchen ein kräftiges Stück abbekommt. Und wenn er auch mit diesem Start-up scheitert? Egal, sagt Florian Bremer, jede Erfahrung bringe ihn einen Schritt weiter.
„Früher haben wir immer die Leute belächelt, die selber im Start-up-Bereich unterwegs waren und sagten: ‚Achterbahnfahrt‘. Wie oft bist du am Boden und alles ist Scheiße, auch das hatten wir sehr oft, und dann – das ist halt das Geile, und das ist auch so ein bisschen … da muss man für geschaffen sein, deswegen kann das auch nicht unbedingt jeder, was aber auch nicht schlimm ist – dass du halt von einem Tag auf den anderen, ‚vom Bordstein zur Skyline‘, kann man so sagen, also: Du bist heute am Boden und morgen kannst du wieder das Geilste sein, und du bist auf dem Weg, den du dir vorgestellt hast. Das ist auch der Grund, wo du immer wieder die Motivation herholst, um weiter zu machen einfach. Also da muss man einfach durchhalten.“

Zukunftsmarkt Energiewende

„In 8 Schritten durchstarten“. „9 Gründe fürs Gründen“. „10 Schritte zu deinem Business“. Wer in seine Internetsuchmaschine „Start-up gründen“ eingibt, erhält eine Fülle guter Ratschläge. Business-Angel Christian Vollmann brauchte für sein eigenes, aktuelles Start-up nur eine Motivationshilfe, und die bekam er zu Hause.
„Meine Kinder haben mich ganz hart gechallenged in letzter Zeit, die sind jetzt elf, neun und sieben, die gesagt haben: ‚Papa, wir machen uns Sorgen. Wir fahren diesen Planeten gegen die Wand, was machst du denn da? Bist du nur Teil des Problems, oder gedenkst du auch, irgendwie Teil der Lösung zu werden?`“
Also hat er im Februar 2022, gemeinsam mit einem promovierten Chemiker, C1 gegründet, ein Start-up, das sich zwei Ziele auf die Fahne geschrieben hat: grünes Methanol herzustellen und mit ihm als Treibstoff die komplette Containerschifffahrt CO-2-frei zu machen.
„Wir haben ein bahnbrechend neues Verfahren zur Herstellung von Methanol erfunden, Methanol, dessen Kohlenstoff nicht mehr aus fossilen Rohstoffen kommt, sondern aus biogenen Rohstoffen, sprich überschüssige Biomasse, zum Beispiel Holzabfälle, Klärschlamm, ´black liquor‘, das ist ein Abfallprodukt in der Papierherstellung, es gibt viele Restprodukte, in denen biogener Kohlenstoff enthalten ist, an den wir ran können. Und unser Ziel ist es, grünes Methanol kostenkompetitiv, also sprich zu gleichen Herstellungskosten herzustellen wie fossiles Methanol. Das ist natürlich noch ein paar Jahre in der Zukunft, da sind wir heute noch nicht, aber das ist unser klares Ziel, und die Technologie gibt das auch her.“

Neuland mit einem Chemie-Start-up

Der 44-jährige Christian Vollmann ist ein Veteran der Berliner Gründerszene. Er investiert und finanziert nicht nur, er berät und steht als Mentor zur Verfügung. Seit 20 Jahren. Und er gründet eigene Unternehmen: die Dating- Partnerbörsen iLove und E-Darling, die Video-Plattform Myvideo und das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de. Ein Chemie-Start-up ist für ihn Neuland.
„Wie viele Gigatonnen CO2 helfen wir in zehn, fünfzehn, 20 Jahren einsparen? Ist für mich das viel größere Ziel als: Wie wertvoll wird diese Firma? Es ist auch daran gebunden, einfach die logische Konsequenz, wenn wir es schaffen, im Gigatonnenbereich CO2 einzusparen zu helfen, dann wird die Firma automatisch sehr viel Geld wert sein.“
Fünf Millionen Euro hat C1 als Startkapital einsammeln können. Das Start-up befindet sich in der Laborphase – steht also noch ganz am Anfang. Wenn das Verfahren zur Herstellung von grünem Methanol erfolgreich sein sollte, sind zwei Wege denkbar: der Aufbau einer eigenen Methanolproduktion oder die Lizenzierung der Technologie. Vorher wird es auf alle Fälle noch eine weitere Finanzierungsrunde geben. Wie auch immer der Weg sein wird – Christian Vollmann ist überzeugt: Innovativen Neugründungen, die sich mit dem Klimawandel befassen, gehört die Zukunft.
„Es gibt Gründungen, die sind eher so Hype-Gründungen, da wird eben die nächste Sau durchs Dorf getrieben, und davon halte ich mich zum Beispiel als Business-Angel, als Investor auch schon lange fern, und dann gibt es Gründungen, die fundamental ein echtes Problem lösen wollen. Und die werden in meinen Augen auch immer Geld bekommen. Sofern sie Fortschritte machen und eine gute Arbeit machen. Ja, wir wollen hier das größte Problem unserer Generation lösen, oder mithelfen das zu lösen, wir werden es natürlich nicht alleine lösen, aber wir wollen unseren Beitrag leisten, und die Technologie gibt das auch her.“

Frauen spielen bislang nur eine Nebenrolle

Die Start-ups befinden sich in der Zeitenwende. Vor Kurzem wurden sie noch mit Kapital überhäuft, eine Rekordrunde jagte die nächste. Jetzt dominieren Berichte über Entlassungen und Sparrunden. Zeit für einen effizienteren Umgang mit den verfügbaren Mitteln. Zeit auch für eine Frauenoffensive in der Start-up-Branche. Deutschlands Gründerszene gibt sich zwar offen und divers, wird aber eindeutig von Männern dominiert. Frauen spielen bislang eher eine Nebenrolle. Heike Hölzner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin kennt aktuelle Zahlen aus dem Handelsregister. Danach liegt der Frauenanteil unter allen Neugründungen bei gerade mal 18 Prozent.
„Und diese Gründerinnen dann selbst erhalten nur sieben Prozent des investierten Risikokapitals im Jahr 2022. Das heißt: Viel zu wenig Gründerinnen erhalten noch weniger Kapital. Und in der Start-up-Community, da gibt es halt immer noch sehr viele Boys-Clubs, sowohl auf Investoren- als auch auf Gründerseite, das sind geschlossene Kreise, in denen Geld vergeben, Co-Gründer gefunden, Ideen entwickelt werden. Der ganze Boom und Bust an den Finanzmärkten hat nicht dazu geführt, weder was die Höhe der einzelnen Investitionsrunden angeht noch insgesamt die Verteilung des Kapitals, dass Gründerinnen mehr vom Kuchen abbekommen haben.“
Heike Hölzner ist nicht nur Professorin für Entrepreneurship und Mittelstandsmanagement. Sie gehört auch zu einer Gruppe von Unternehmerinnen und Top-Managerinnen, die die Chance nutzen wollen, an diesem Zustand etwas zu verändern. Im Juni 2021 haben sie den Verein Encourage Ventures gegründet. Das Ziel: Sich gegenseitig als Gründerinnen und Investorinnen unterstützen und mehr Frauen ermutigen, unternehmerisch tätig zu werden. Innerhalb eines Jahres ist ein Netzwerk entstanden, dem knapp 500 Investorinnen und ebenso viele Start-ups unter weiblicher Führung angehören.
„Auch aufseiten der VCs verändert sich tatsächlich so langsam die Sichtweise auf das Thema und auch die Kultur. Und es setzt sich immer mehr durch, was tragischerweise schon lange empirisch belegt ist, aber irgendwie offensichtlich nicht durchgedrungen ist, dass der Investment-Case in Frauen kein Charity-Case ist, sondern ein Business-Case. Das bedeutet mit anderen Worten: Nachweislich ist die Ausfallquote von durch Frauen und mit Frauen gegründeten Start-ups geringer, und die Umsatzrendite pro investiertem Euro Risikokapital ist auch höher. Nur sind halt die Wachstumsgeschichten nicht ganz so groß gewesen.“

Förderung von jungen Talenten

Das Axel-Springer-Hochhaus in Berlin, 19. Stock. Preisverleihung der Businessplan-Challenge vom Startupteens Netzwerk e.V., einer Non-Profit-Organisation, die junge Talente fördert. Unter anderem mit einem Preisgeld in Höhe von jeweils 10.000 Euro für die besten Geschäftsideen in sieben verschiedenen Kategorien. Das sei enorm wichtig, sagt Marie-Christine Ostermann, stellvertretende Vorsitzende des Netzwerks. Dem Global Entrepreneurship Monitor zufolge liege Deutschland nur auf Platz 36 von 54 untersuchten Nationen, wenn es um unternehmerische Bildung an den Schulen geht.
„Startupteens ist so wichtig, weil in Deutschland die meisten Menschen immer das werden, was auch die Eltern sind. Das muss grundsätzlich auch nichts Schlechtes bedeuten, es kann ja auch total toll sein, was ich aber damit meine, ist, dass die Chancengerechtigkeit nicht gut ist in Deutschland. Es ist sehr schwierig, einen ganz anderen Weg einzuschlagen, wenn man das gerne möchte. Und in der Schule wird Unternehmertum eben viel zu wenig gelehrt. Und deswegen braucht es uns, Menschen aus der Praxis, die als Mentorinnen und Mentoren zur Verfügung stehen und den jungen Menschen beibringen, wie Unternehmertum funktioniert.“
Einer, der in jungen Jahren schon weiß, wie es geht, ist Milan von dem Bussche.
„Quasi die Tinte für den 3-D-Drucker. Genau, das ist zum Beispiel 3-D-gedruckt. Und wir stellen das Material dafür her.“
Wenn der 18-jährige Abiturient von seiner Existenzgründung erzählt, hören ihm die Tischnachbarn begeistert zu. In einer Garage fing er an, Maschinen zu entwickeln, die aus Plastikmüll hochwertige neue Produkte herstellen wie Filament, so etwas wie die „Tinte“ für den 3-D-Drucker. 2021 gewann er damit den Startupteens-Award, 2022 verlieh ihm der Bundesverband Deutsche Startups den Titel Newcomer des Jahres. Milan von dem Bussche ist der Shootingstar der Szene.
„Die letzten paar Jahre war ja so ein richtiger Boom, man hat gefühlt Geld hinterhergeschmissen bekommen, und das hat einem auch jeder hier so erzählt, und jetzt waren wir heute hier, haben auch mit vielen Investoren sprechen können, und die haben uns auch ganz klar gesagt: Jetzt hat sich das Klima gewandelt. Jetzt legen die Leute auch gerne woanders an, weil der Leitzins erhöht wurde, die meinten so: Wenn früher so drei von zehn Businessplänen durchgewinkt wurden bei den Investoren, sind es jetzt nur noch einer.“
Der Konkurrenzdruck nimmt zu, auch unter den jüngsten Existenzgründerinnen und –gründern, sagt Milan von dem Bussche. Dennoch ist er gern Teil der Start-up-Kultur.
„Um ehrlich zu sein, ist so was das Beste hier an diesem Event und an Startupteens: Dass man andere junge Leute, die ähnlich ticken, einen ähnlichen Mindset haben, trifft, weil: Sonst trifft man die nicht. In jeder Schule gibt es ja nur ein paar Menschen, die ähnlich ticken, die Bock haben, was zu verändern und zum Beispiel ein Unternehmen gründen und überhaupt auf die Idee kommen, in die Richtung was zu machen, und ich ziehe jetzt zusammen mit einem in eine Wohnung, wir teilen uns jetzt eine WG auch von Startupteens, wir arbeiten zusammen, wir gehen zusammen in Urlaub, also das setzt wirklich ein Netzwerk fürs Leben.“
Die fetten Jahre mögen vorbei sein. Viele Geschäftsmodelle werden auf ihre Profitabilität hin überprüft. Aber die Euphorie, Teil der Start-up-Kultur zu sein, die bleibt. Und die Hoffnung darauf, etwas ganz Großes zu schaffen: The next big thing, wie es in der Szene heißt.

Sprecher: Wolf-Sören Treusch
Technik: Hermann Leppich
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Gerhard Schröder 

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