Slata Roschal: „153 Formen des Nichtseins“

Nicht verortbar in der Welt

06:24 Minuten
Buchcover „153 Formen des Nichtseins“ von Slata Roschal
© Homunculus Verlag

Slata Roschal

153 Formen des NichtseinsHomunculus, Erlangen 2022

176 Seiten

22 Euro

Von Lara Sielmann · 16.05.2022
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Nirgends fühlt sie sich angenommen, deshalb ist sie auf der Suche. In kurzen Texten denkt Slata Roschals Romanfigur, die in Russland geborene und in Deutschland aufgewachsene Ksenia Linda, über Zugehörigkeit nach. Sie findet keine eindeutigen Antworten.
Ksenia Lindaus Biografie und ihr Leben sind komplex: Als Vierjährige wandert sie zusammen mit ihrem Bruder und den Eltern von Russland nach Deutschland aus.
Hier wächst sie ab Mitte der 1990er-Jahre unter den Zeugen Jehovas auf. Aber auch der jüdische Glaube des Großvaters prägt sie. Ksenia ist schlau, wissbegierig, eine der Besten in der Schule und sie stellt so ziemlich alles infrage, was ihre Eltern ihr vorleben.

Bei uns zu Hause herrschte eine Mischung aus russischer Familientradition, sowjetischer Zensur, religiösem Fanatismus und den individuellen Spezifika meiner Eltern. In der dunklen Perestroika-Zeit waren sie Zeugen Jehovas geworden und haben nicht mehr von ihrem Glauben abgelassen.

Aus dem Roman „153 Formen des Nichtseins“

Schon früh steht Ksenia der Glaubensgemeinschaft ihrer Familie kritisch gegenüber, tritt irgendwann ganz aus und macht erste Schritte als Autorin. Sie studiert Slawistik, zieht mit ihrem Freund zusammen, bekommt ein Kind. Soziale Kontakte hat sie wenige, das Verhältnis zu ihren Eltern ist zerrüttet.

Selbstbefragungen in E-Mails, Listen, Skizzen

Ksenia Lindau, die Icherzählerin im Debütroman der Münchner Autorin Slata Roschal, ist eine Nachforschende, eine Analytikerin, eine sich selbstbefragende und infrage stellende Person. In den Titel gebenden 153 Passagen seziert sie sich selbst und das in ganz unterschiedlichen, meist recht kurzen Textsorten.
In Tagebucheinträgen, Listen, E-Mails, Gedankenskizzen, Anekdoten, Erinnerungsfetzen, in Betrachtungen über den Alltag und abgebildeten Zeichnungen gibt sie Einblick in ihr Leben, das aus vielen Welten besteht, die wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben.
Als gebürtige Russin bekommt sie in Deutschland gesellschaftliche Abneigung zu spüren, umgekehrt gilt sie in Russland als Deutsche. Sie möchte verstehen, was sie ausmacht, ob sie irgendwo eindeutig dazugehört.

Spezifisches Vokabular, verschiedene Sprachen

So schaut sie auf Ebay-Kleinanzeigen nach russischen wie deutschen Gesuchen, ist interessiert was ihre jeweiligen Landsleute wollen und anbieten. Von skurrilen Hundezüchtern bis Nachhilfe ist alles Mögliche dabei.
Sie beschäftigt sie sich mit den Zeugen Jehovas, fertigt eine Auflistung der internen Hierarchie an, auch als Anleitung für die Lesenden, von denen wohl die wenigsten wissen, welche Funktion ein „Bezirksaufseher“ hat oder was sich hinter der Bezeichnung „Bethelfamilie“ verbirgt. Für Ksenia Lindau sind es essenzielle Begriffe, die in ihren Schilderungen über die Sektengemeinschaft völlig selbstverständlich das dazugehörige Vokabular verwendet.
Genauso verfährt sie mit der russischen Sprache. Wo das Deutsche nicht einfangen kann, was die Erzählerin sagen möchte, bedient sie sich der anderen Sprache und umgekehrt. Über all dem schwebt ihr Gefühl des Nichtseins, des sich Alleinfühlens, weil es für sie kaum eindeutige Zuschreibungen gibt.

Universeller Wunsch nach Anerkennung

Vielschichtig ist der Debütroman von Slata Roschal, die sich bereits als Lyrikerin einen Namen gemacht hat. Das Lyrische findet sich in den präzisen wie kurzen Beobachtungen, dem Heranziehen verschiedener Formen wie Textsorten wieder und nicht zuletzt in der Wortgewandtheit der Autorin.
Mit großer Erzählfreude und stilistischer Prägnanz führt sie ihren Leserinnen und Lesern ein Leben vor Augen, das aus vielen verschiedenen Prägungen und Konflikten besteht und erzählt vom universellen Bedürfnis des Ankommens und Angenommenwerdens.

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