Elina Penner: „Nachtbeeren“

Überlebenskampf einer Ungewollten

05:46 Minuten
Buchcover "Nachtbeeren" von Elena Penner
© Aufbau

Elina Penner

NachtbeerenAufbau, Berlin 2022

248 Seiten

22 Euro

Von Lara Sielmann · 25.04.2022
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Nelli sucht nach Zugehörigkeit in Familie, Religion und Gesellschaft. Doch von niemandem fühlt sie sich als jüngstes von fünf Geschwisterkindern geliebt und nirgends als Russlanddeutsche willkommen.
Die junge Nelli wehrt sich mit aller Kraft, würgt das Essen, das ihr die Eltern in den Mund stopfen wieder hoch. Aber sie ist nicht stark genug, verschluckt sich am Erwürgten. Ihre Eltern interessiert das nicht, nur Eugen, einer von insgesamt vier älteren Brüdern, hat Mitleid. Er will seine Schwester schützen, die nie geplant war und so gar nicht gewollt ist.
Aber auch er kann nur bedingt ein Anker für das Mädchen sein, das es als Russlanddeutsche im Ostwestfalen der 1990er-Jahre nicht leicht hat: In ihrer Schule ist Nelli Außenseiterin mit ihren billigen Klamotten, dem leise rollenden R und der Muttersprache Plautdietsch. Selbstverletzendes Verhalten und eine Essstörung sind schon früh Begleiter ihres Lebens.

Keine Geborgenheit in der Kleinfamilie

Nach der Realschule beginnt Nelli eine Ausbildung zur Metzgerin, lernt auf einer Party Kornelius kennen, auch Russlanddeutscher. Kurz darauf ist sie schwanger, verheiratet und geht nie wieder arbeiten. Die erhoffte Geborgenheit ihrer Kleinfamilie bleibt aus. Als ihre Öma stirbt, die ihr als Einzige bedingungslose Liebe und Aufmerksamkeit entgegengebracht hat, bricht Nelli zusammen.
Noch am Tag der Beerdigung tritt sie der Glaubensgemeinschaft ihrer Öma bei, der mennonitischen Gemeinde. Die evangelische Freikirche gründete sich einst im deutschsprachigen-niederländischen Europa und hatte einen größeren Zweig in der ehemaligen Sowjetunion. Mit dem Zerfall der UdSSR verließen viele Mennoniten Russland und siedelten nach Deutschland über, wie auch Nellis Familie im Roman.

Rückzug in die Religion

Die junge Frau zieht sich in ihrer Frömmigkeit und Rolle als Mutter des kleinen Jakobs zurück und verliert langsam den Bezug zur Realität. „Öma war gar nicht weg, sie wartete nur auf mich, aber dafür musste ich glauben lernen. In diesem Betshaus, nur dort, würde ich sie sehen und spüren können.“
Im inneren Exil ist Nelli alles andere als leise. Im Kreise ihrer Familie, beim sonntäglichen Kaffeetrinken oder Mittagessen, kommentiert und analysiert sie im inneren Monolog ihre Umgebung und Familie: den Alkoholismus der Brüder, ihre zu fettige Ernährung. Auch gibt sie Einblick in ihre eigene Biografie, erzählt davon, wie sie es als Russlanddeutsche von Anfang und immer noch schwer hat in der deutschen Gesellschaft.

Zwischen vielen Nationalitäten

Nelli lebt in verschiedenen Welten, ist deutsch sozialisiert und russlanddeutsch geprägt. Ihre Großeltern wohnen in einem Häuserblock, wo verschiedene Nationalitäten zusammenkommen. Nelli erkennt jede, weiß um spezifische Unterschiede und weiß auch, um die Ausgrenzung jeder Einzelnen innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft. „Völliger Wahnsinn. Das sind zwei Welten von ungefähr sechs, in denen ich lebe, die sich niemals überschneiden.“
Fragen des Glaubens stehen weniger im Vordergrund, ebenso wenig eine große Handlung. Nellis unterdrückte Gefühle, all das, was in ihr brodelt und nicht rauskommen darf, bis es das doch tut, nutzt Elina Penner als Erzählanlass und wählt dafür eine Sprache die direkt, stellenweise hart, ironisch und abgeklärt wirkt. Sie ist ein Schutzschild der Protagonistin, das Distanz zu dem schafft, was ihr passiert und sie empfindet.
Dabei wechselt die Autorin zwischen drei Figuren: Mal erzählt Nelli aus der Ich-Perspektive, dann ihr Bruder Eugen oder ihr Sohn Jakob. Ihre Intonationen ähneln sich sehr. Manche Erzähllängen entstehen dadurch und auch die eine oder andere inhaltliche Wiederholungen.
Eindringlich bleibt die Figur von Nelli jedoch, deren Überlebenskampf in fast jeder Zeile zu spüren ist.

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