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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.10.2019

"Schiff" von Felix KummerZivilgesellschaft in Seenot

Von Gesa Ufer

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Felix Kummer singt auf dem Dach eines LKWs vor einer größeren Menge junger Menschen. (Imago / Jannis Große)
Felix Kummer bewirbt im September auf der Reeperbahn in Hamburg mit einem Überraschungskonzert sein Soloalbum "KIOX" , auf dem "Schiff" veröffentlicht ist. (Imago / Jannis Große)

Drogen, Rassismus und das Gefühl des Abgehängtseins. Kraftklub-Frontmann Felix Kummer arbeitet sich auf seinem ersten Soloalbum an seiner ostdeutschen Heimat ab. Was steckt hinter dem Untergang, der in dem Song "Schiff" besungen wird?

Ein verzerrtes Schiffshorn tutet zur Abfahrt.

Die See ist rau, die Wolken sind schwer
Alles grau, der Kopf ist taub, die Lunge voller Teer
Ich dachte immer, irgendwann kann ich nicht mehr
Ein Leben lang zusammengepfercht auf diesem Dampfer im Meer
Aber sieht so aus, als wär ich hier zu Hause
Atme tief ein, atme tief aus, atme die Abgase
der Dieselaggregate im Maschinenraum

Die Fahrt zur See ist seit Urzeiten ein Topos der Zuversicht und der Utopie. Bei Felix Kummers Schiff, soviel stellt schon der erste Satz klar, handelt es sich allerdings um einen Seelenverkäufer auf endloser Fahrt. Die Besatzung: eine fertige Truppe ohne Visionen.

Felix Kummer, Jahrgang 1989, kommt aus Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, und er arbeitet sich auf diesem ersten Solo-Album mit gemischten Gefühlen an seiner Heimat ab: An der Hoffnungslosigkeit, den Drogen, verquastem Rassismus und dem Gefühl des Abgehängtseins. Dabei hatte er bisher mit seiner Band Kraftklub und dem Lied "Ich will nicht nach Berlin!" trotzig gegen diese Haltung angesungen und damit – gerade im Osten – das Selbstbewusstsein vieler linker Fans mit Treibstoff versorgt.

Hier fällt das lyrische Ich erschöpft in Agonie, umgeben von Drogisten und Deutsch-Nationalen im stumpfen Partymodus:

Wir verrotten hier im Zwischendeck
Zwischen wütenden Kartoffeln und 'nem Haufen Crystal Meth
Schwingende Betten im Takt der Schiffsturbinen
Gestopfte Zigaretten, schwarze Pfützen aus Urin
Ein Rudel Ratten reißt sich um die letzten Reste
Hat hier irgendjemand noch paar frische Gästelistenplätze?

Wird es aber nicht, denn das Schiff erodiert. Die Farbe an den Wänden spricht Bände:

Rostbraune Flecken an den Wänden unter Deck
Und wenn man das jahrzehntelang so lässt
Dann geht das später nicht mehr von alleine weg
Irgendwann wird ein Loch zu einem Leck
Erst paar Tropfen auf Parkett, doch auf einmal steht das Wasser
Aus den unteren Etagen dann auch in der ersten Klasse

Durch braunes Gedankengut, das sich längst vom Schwel- zum Flächenbrand ausgebreitet hat und salonfähig geworden ist, gerät der Dampfer in Schieflage.

Möbel treiben durch die Gegend ein paar kämpfen noch dagegen
Doch am Himmel leuchten schon die roten Notsignalraketen
Und die Band spielt weiter, aber ändert nix daran
Immer weiter, stundenlang, die Begleitmusik zum Untergang

In der Literatur ist die nautische Poetik ein eigenes Genre. Der Untergang von Schiffen nimmt dabei ein wichtiges Kapitel ein. Vielleicht weil er eben nicht nur das Ende aller Pläne und Hoffnungen bedeutet, sondern gleichzeitig die schlimmsten Eigenschaften im Menschen freilegt.

Herman Melvilles Kapitän Ahab versenkt seine gesamte Mannschaft, nur, weil er noch eine Rechnung mit dem Wal "Moby Dick" offen hat. Edgar Allan Poe beschreibt in seinem einzigen Roman "Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym aus Nantucket" alle psychologischen Aspekte von Untergang und Rettung. 

Und Fontanes Gedicht "John Maynard" wird wahrscheinlich nur deshalb seit Generationen auswendig gelernt, weil sein Held, der Kapitän der Schwalbe, mit seinem eigenen Leben bezahlte, um einen Untergang zu verhindern.

Popmusikalisch kommt noch ein Unglück in den Sinn: Udo Lindenbergs fröhliche Dixieland-Hymne aus den 70ern auf ein versoffenes Hamburger Kneipenidyll.

Es kommt mal wieder gar nicht darauf an
Und Leda träumt von einem Pelikan
Und überhaupt ist alles längst zu spät
Und der Nervenarzt weiß auch nicht mehr wie's weitergeht
Aber sonst ist heute wieder alles klar auf der Andrea Doria

Der hier von Felix Kummer besungene Untergang allerdings hat eine weit größere Tragweite. Das Schiff steht für eine Zivilgesellschaft, die – so zeigen zuletzt die Morde von Halle –  in schwere Seenot geraten ist.

Ein leichtes Schaudern beim Blick auf die da draußen:
"Jetzt schaut euch diese Bauern an, schaut wie sie ersaufen!"
Für uns gibt es keine Rettungsringe, Boote oder Westen
Aber konstruktive Diskussion von schlauen Talkshowgästen
Doch schon morgen geht es weiter, nächstes Thema, nächster Gast
Dann sind wir das nächste Wrack, das man bald vergessen hat.

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