Im Abendland nichts Neues
06:35 Minuten

Safae el Khanoussi
Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
OroppaHanser Verlag, München 2026352 Seiten
26,00 Euro
Mitten in Amsterdam verschwindet eine gefeierte Künstlerin, die Suche führt zurück in die postkoloniale Gewaltgeschichte Nordafrikas. Safae el Khanoussis Debütroman „Oroppa“ ist für einen Erstling respektabel, wird dem Hype aber nicht gerecht.
Eines Tages steht Yousef vor der Tür und will reden. Salma aber nicht, sie verjagt den ungebetenen Gast mit einem Topf kochend heißem Wasser. Jahrzehnte ist es her, seit sich ihre Wege in einem Foltergefängnis von König Hassan II. kreuzten, der in den 1970er und -80er-Jahren reihenweise Linksoppositionelle wie Salma festnehmen, misshandeln, in Kerkern verrotten oder für immer verschwinden ließ.
Salma kommt mit dem beschädigten Leben davon und flüchtet nach ihrer Freilassung vor den bleiernen marokkanischen Verhältnissen Richtung Europa, wo sie in Amsterdam schließlich zur gefeierten Künstlerin avanciert. Dort strandet auch ihr einstiger Peiniger Yousef, ohne recht zu wissen, wieso: „Wenn man ihn fragt, wird das Land von Alten bewohnt, von Gottlosen regiert, und die nationalen Erzeugnisse beschränken sich auf Drogen, Huren und Schwule.“
Wenigstens will in der Grachtenstadt niemand etwas von der brutalen Vergangenheit des Regimeschergen wissen, zumal Yousef seine Taten ohnehin nicht bereut. Zudem ist der Alkohol spottbillig, mit dem er sich – genau wie Salma – allmählich zu Tode trinkt.
Jahrelang kommt es zu keinem Aufeinandertreffen, bis Yousef Salma zufällig im Hafen erblickt und gleich beginnt, ihr nachzustellen. Sein missglückter Annäherungsversuch tritt die labyrinthisch verwinkelten Ereignisketten in Safae el Khanoussis Debütroman „Oroppa“ los.
Die Künstlerin taucht unter, weder ihre Galeristin Hannah noch der Sohn Irad haben eine Ahnung, wo sie stecken könnte. Die fieberhafte Suche nach Salma führt die Hinterbliebenen zurück zu den Ursprüngen der jüngeren Gewaltgeschichte Nordafrikas.
Von den Rändern her
Das „Oroppa“, das sie auf ihrer Odyssee durchqueren müssen, erscheint ihnen allen als gnadenloser Un-Ort: Täter und Opfer koexistieren stillschweigend, man trinkt sich um den Verstand und erkrankt dann irgendwann unheilbar an Krebs. Im Abendland nichts Neues, möchte man meinen.
Und doch setzt el Khanoussis Roman mit seiner postkolonialen Perspektive neue Akzente. Von den Rändern her, im geographischen wie sozialhierarchischen Sinne, richten sich die Blicke auf Europa, seine fremdenfeindliche Wagenburgmentalität und Gleichgültigkeit gegenüber den Konflikten vor der eigenen Haustür.
Daher setzt die Haupthandlung auch im Jahr 2010 ein, als der sogenannte arabische Frühling sich entlang der südlichen Mittelmeerküsten wie ein Lauffeuer entfachte.
Neue Perspektiven, wenig Tiefe
Historisieren will „Oroppa“ die Geschehnisse nicht, es stellt sie mit der Parallelisierung, dass ein Marokkaner mit einem Syrer in etwa so viel gemein habe, wie eine Niederländerin mit einer Weißrussin vielmehr in Frage.
So viel zur arabischen Welt und irgendwie auch zu Europa. Denn das vielbeschworene Schisma zwischen den Kontinenten wirkt bloß wie die Schablone für einen etwas verschachtelten, im Grunde aber konventionellen Spürnasenplot, der wenige Klischees auslässt: von der unzuverlässigen Erzählerin, die zu viel kifft, über oberflächliches Underdog-Gepose bis zur fingierten Tagebuchfiktion und den wahllos eingestreuten „nervenzerfetzenden Anekdoten“. Ein geheimnisumwobener Stadtteil, zu dem bloß außergewöhnlich schräge Vögel Zutritt haben, darf natürlich auch nicht fehlen.
Formal betrachtet probt jeder der vier Buchteile den Bruch, wirklich gelungen präsentiert sich aber ausgerechnet das zweite Großkapitel über den Folterknecht Yousef, gerade weil es hier betont nüchtern zugeht. Ansonsten geht el Khanoussi erstaunlich wenig in die Tiefe, dafür erläutert sie ein ums andere Mal ihre Schlüsselmotive und zieht gen Ende artig die meisten Fäden zusammen. Für einen Debütroman ist das durchaus respektabel, für den ganzen Hype um das Buch jedoch zu wenig.
























