Die Lebenswelt der radikalen Rechten, so unser Ausgangsargument, verbreitete gemeinsame Deutungen im Alltag. Ihre Begegnungsräume förderten eine Gruppenbildung, die über die oft kleinen und lockeren Organisationen hinausreichte und ein Fundament des Rechtsradikalismus bildete. Mitunter waren diese Netzwerke mit wechselnden Parteien verbunden und ermöglichten beim Niedergang von Parteien eine gewisse Kontinuität.
Frank Bösch/Gideon Botsch (Hg): „Lebenswelten der radikalen Rechten in der Bonner Republik“
© Wallstein Verlag
Wie Rechtsradikale in der Bonner Republik agierten
07:19 Minuten

Frank Bösch / Gideon Botsch
Lebenswelten der radikalen Rechten in der Bonner RepublikWallstein Verlag, Göttingen 2026304 Seiten
32,00 Euro
Nationalistische Milieus bildeten sich auch in der Bonner Republik aus. Dabei durchliefen sie viele Veränderungen. Dieser Band zeigt, wie sie sich immer wieder geschmeidig an lebensweltlichen Nahräume anpassten.
Schon früh streckten die alten Nazis nach Kriegsende wieder ihre Fühler aus. Ihr Zusammenschluss in der 1949 gegründeten Sozialistischen Reichspartei währte bis zu ihrem Verbot nur drei Jahre. Aber unterhalb dieser Ebene, keineswegs unsichtbar, wurden wieder alte Traditionen belebt, zum Beispiel ab 1949 die Lippoldsberger Dichtertage. Man verstand sich als Sammelbecken der nationalen Bewegung.
Durchaus mit Erfolg, wie der Historiker Frank Bösch und der Politikwissenschaftler Gideon Botsch im Vorwort des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes über die Milieu-Politik der radikalen Rechten in der Bonner Republik betonen. Milieu-Politik - gemeint ist damit das Andocken an Lebenswelten in verschiedenen sozialen Räumen, wie sie beispielsweise das Militär, aber auch Vereine, Jugendzentren, Schulhöfe oder dörfliche Gasthäuser darstellen. Die Herausgeber schreiben:
Forschung noch in den Anfängen
„Kontinuität“ ist hier ein wichtiges Stichwort. Die wissenschaftlichen Aufsätze dieses Bandes spüren rechtsradikalen Organisationskulturen nach, die sich über die Jahrzehnte wandelten, anpassten, gelegentlich verboten wurden, sich neu formierten, letztlich nie verschwanden.
Das bildete schließlich auch den Nährboden für Gewalttaten, wie der Historiker Darius Muschiol in seinem Aufsatz über rechtsterroristische Akteure vor 1990 schreibt. Begünstigt durch die immer wieder vorgetragene Einzeltäter-These von Politik, Polizei und Gerichten ließ man die Strukturen des Rechtsextremismus bis in die 1980er-Jahre weitgehend unangetastet.
Umso erstaunlicher, dass fast in jeder Studie des Buches darauf verwiesen werden muss, dass die geschichtswissenschaftliche Forschung zu den Milieukonzepten des Rechtsextremismus nach wie vor in den Kinderschuhen stecken würde.
Umso erstaunlicher, dass fast in jeder Studie des Buches darauf verwiesen werden muss, dass die geschichtswissenschaftliche Forschung zu den Milieukonzepten des Rechtsextremismus nach wie vor in den Kinderschuhen stecken würde.
Bundeswehr und "Wiking-Jugend"
Ein Problem von vielen stellt bis heute die Bundeswehr als „Ermöglichungsraum“ rechtsextremer Aktivitäten dar, wie zuletzt die Umtriebe der Reichswehr-Terrorgruppe um Prinz Reuß gezeigt haben. So schreibt der Historiker Jakob Saß über die verpasste Chance, in einem Gerichtsprozess die terroristischen Strukturen aufzudecken, die sich in den 1970er-Jahren unter wesentlicher Mitwirkung des Neonazis Michael Kühnen im Wentorfer Jägerbataillon 162 gebildet hatten. Indirekt, so der Autor, „leisteten die militärpolitischen Verantwortlichen damit dem Rechtsextremismus und dem Rechtsterrorismus Vorschub.“ Und wo nichts gelernt wurde, so lässt sich ergänzen, kann neues Unheil wachsen. Jakob Saß:
Die aktuell geplante personelle Aufrüstung der Bundeswehr im Rahmen der ‚Zeitenwende‘ birgt (…) die Gefahr, in die pragmatische Logik des Kalten Krieges zurückzufallen, mit der über Jahrzehnte ‚wehrwillige‘ rechtsradikale Krieger strukturell toleriert und gefördert wurden.
Kontinuitäten zeigt auch Niklas Krawinkel auf. Der Historiker untersucht die Lebenswelt der 1994 verbotenen Wiking-Jugend, eine der langlebigsten und einflussreichsten rechten Gruppierungen überhaupt. Ab den 1970er-Jahren bezeichnete sich die Organisation als „Notgemeinschaft volkstreuer Familien“ und erkor das Zeltlager in guter alter Nazi-Tradition als „primäres Vergemeinschaftsinstrument“, veranstaltete Wehrsportübungen, in späteren Jahren auch Rechtsrock-Konzerte in öffentlich geförderten Jugendclubs.
Politisch hetzte die Wiking-Jugend gegen Behinderte und plädierte zum Zweck der Volksgesundheit für eine Auslese. Protagonisten von Nachfolgeorganisationen der Wiking-Jugend fanden, so Krawinkel, eine neue Heimat bei der AfD, die ebenfalls einen kaum verhohlenen behindertenfeindlichen Kurs fahre.
Strategien der Anpassung
Einen spannenden Beitrag hat die Sozialhistorikerin Laura Hassler vorgelegt. Unter dem Titel „Das Volk, myself and I“ nimmt sie die bislang kaum erforschten Anpassungsprozesse der „Jungen Nationaldemokraten“ in den 1970er- und 1980er-Jahren unter die Lupe. Sie will die radikale Rechte in dieser Zeit als „Teil von 1968“ verstanden wissen, als Profiteure der Liberalisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik im Zuge der studentischen Protestbewegung. Hassler schreibt:
Erzählt man (…) die Geschichte des organisierten Nationalismus als Teil einer ‚Demokratiegeschichte‘, rückt gleichzeitig ins Bild, wie diese Dynamiken auch Rechten neue Handlungsräume eröffneten.
Gemeint ist: Die jungen Nationaldemokraten übernahmen oft nicht nur das Outfit der im Bürgertum verschrieenen sogenannten „Gammler“ und teilten deren Individualisierungsbestrebungen. Sie kopierten auch die Protestformen der „68er“, während sie ihren Kurs, der auf die Abschaffung der Demokratie zielte, beibehielten. Dieser Band führt vor Augen, wie essentiell für die radikale Rechte die Verankerung in lebensweltlichen Nahräumen war und ist. Von ihrer Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit in Ästhetik, Habitus und Kommunikationsstil profitiert heute die AfD.









