Fast slapstickartig beleuchtet und entkräftet der Autor Stefan Wellgraf mit einer kleinen Szene gängige Erklärungsmuster: für Rechtsextremismus im Osten, für Gewalt im Stadion, für Abweichungen von der westdeutschen Norm:
Als ich mich einmal einer Gruppe von Alt-Hooligans als Forscher vorstellte, machten diese sich gut gelaunt über mich lustig. Mit Sprüchen wie: 'Wir haben keinen Vaterkomplex', und 'Finanziell geht’s uns eigentlich auch ganz gut', zeigten sie sich informiert über die gängigen wissenschaftlichen Erklärungen zu rechter Gewalt und wiesen diese zugleich von sich.
Der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Soziologe Stefan Wellgraf lässt die Erklärungsansätze für Rechtsextremismus der 1990er-Jahre Revue passieren, meist an westdeutschen Schreibtischen verfasst: Pathologisierung, Sexualisierung, verkürzte Analogien.
Mit Adorno und Theweleit bewaffnet, blickte eine theorieaffine Generation westdeutscher Linker auf die Verhältnisse im Osten. Ostdeutsche Skinheads wurden in den 1990er Jahren in der bürgerlichen, westdeutsch dominierten Öffentlichkeit als eine Schwundstufe der Zivilisation betrachtet. Allerdings trug diese Ächtung wesentlich zu ihrer subkulturellen Attraktivität bei ostdeutschen Jugendlichen bei.
Der Autor ist rausgegangen: ins Stadion, in Fankneipen des BFC Dynamo. Er hat mit den alten Herren unter den Hooligans geredet und mit Skinheads der ersten Stunde. Er wollte der Frage auf den Grund gehen, ob diese Männer, wie in den Neunzigern zumeist gedeutet, quasi „natürliche“ Produkte der DDR-Gesellschaft sind: autoritär, charakterschwach, mit verkümmertem Gefühlsleben, kognitiven Defiziten und sexuellen Nöten. All diese Zuschreibungen aber passten nicht für die eigensinnige Jugend im Staatssozialismus, so Wellgraf, ganz im Gegenteil:
Die Ost-Berliner Skinhead- und Hooliganszene rekrutierte sich nicht aus autoritären und konformistischen, sondern gerade aus rebellischen Jugendlichen. Diese antiautoritäre Revolte wandte sich in erster Linie gegen das repressive staatliche Erziehungssystem.
Wellgraf findet bei den befragten Männern die Sehnsucht nach Nonkonformismus, Freiheit und Entgrenzung. Ein Bestreben, dem der SED-Staat mit unbarmherziger Brutalität begegnete: Schon für geringste Vergehen wanderten fast alle jungen Männer der Szene, aber auch Frauen, ins Gefängnis, wo sie sich oft erst radikalisierten.
Die Keimzelle der rechten Gewalt lag in den Jugendwerkhöfen und Gefängniszellen der DDR. Die größtenteils jungen Männer kamen verhärtet und verbittert, teilweise aber auch verbrüdert und in ihrer Willenskraft gestärkt aus den DDR-Gefängnissen in die Fanszene zurück. Eine rebellische Jugendszene wurde von den staatlichen Organen so lange bevormundet und malträtiert, bis sie jene Fratze zeigte, die die paranoiden DDR-Behörden immer wieder an die Wand gemalt hatten: Staatsfeinde.
Während es im Westen zunehmend gelang, Jugendkulturen zu integrieren, wurde in der DDR bis zuletzt ein „Kulturkampf gegen die eigene Jugend geführt“, so Wellgraf. Mit Folgen:
Die sich in den Fußballstadien der Spät-DDR zeigende Gewalt hatte anfangs noch keine offene politische Agenda, sie diente eher als Ventil für die Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Kritik am real existierenden Sozialismus öffnete die Türen für rechte Orientierungen. Der von Autoren wie Didier Eribon am Beispiel Frankreichs für die 1990er Jahre beschriebene Rechtsruck der Arbeiterschaft fand somit in Osteuropa schon früher statt.
Wellgraf bedient sich bei Bedarf in der Ideen- und Deutungsgeschichte und lässt ihm absurd scheinende angebliche Gewissheiten lustvoll ins Leere laufen. Überhaupt schreibt er – bei aller Wissenschaftlichkeit – unterhaltsam, pointiert: über Gewaltrausch, über Sexualität, über Körperlichkeit, Musik und Mode.
Skinheads, die gegen Gewalt opponieren
Was Wellgraf jedoch nicht vorfindet, ist Eindeutigkeit. Da gibt es Skinheads, die gegen Gewalt gegen Außenstehende opponieren; Skinhead-Frauen, die selbstbewusst ihre Weiblichkeit verteidigen; vermeintlich rechtsextreme Hooligans, die keine Lust auf sogenannte „Scheitel-Nazis“ haben, die sie einspannen wollen für ihre Parteipolitik. Er findet raubeinige Hooligans, die deutlich differenzierter mit der früheren Stasi-Tätigkeit ihrer Freunde umgehen als der Staat.
Vielleicht irritiert die Diskussion auch deshalb, weil sie vielschichtiger, ehrlicher und lebendiger wirkt als große Teile der offiziellen Erinnerungskultur an die DDR. Ostdeutsche setzen sich hier aktiv und kritisch mit ihrer Vergangenheit sowie ihrer gegenwärtigen sozialen Position auseinander; sie brauchen dafür keinen Nachhilfeunterricht in Demokratie – ihre diesbezüglichen Lektionen haben sie bereits gelernt.
Kaum Gelungenes findet der Autor für den Umgang der nunmehr gesamtdeutschen Gesellschaft mit rechten Jugendlichen: akzeptierende Sozialarbeit in den Neunzigern, Ausgrenzung heute. Beides mit überschaubarem Erfolg:
Statt den 'Kampf gegen Rechts' wie früher auf der Straße zu führen, verlagerte sich das Engagement auf das Schreiben von Förderanträgen.
Stefan Wellgraf hat einen großen Stein in den Teich geworfen, der noch lange Wellen schlagen sollte. Seine Erkenntnisse weisen über das Phänomen rechter Gewalt im Stadion weit hinaus. Es geht um den Blick auf Ostdeutschland – vor und nach 1989, auf Eigensinn und Widerständigkeit jenseits von klassischen Oppositionsgruppen.
Repressionen und Abwertungserfahrungen
Es geht darum, die massive Repression gegen eine Jugendkultur in der DDR zu verstehen und die Bedeutung der Abwertungserfahrungen Ostdeutscher in den 1990ern zu erfassen. Dabei verliert der Autor nie die Opfer der Gewalt aus dem Blick.
Zu gern sähe man die Untersuchung noch näher an die Gegenwart herangeführt. Um besser zu verstehen, wie es einer rechtspopulistischen Volkspartei – anders als den rechten Splitterparteien der 1990er Jahre – gelingt, das über 40 Jahre gewachsene rechte Potenzial zu heben.