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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.07.2019

Rektorin über ihr Buch „Schule vor dem Kollaps"Tropfendes Dach, fehlende Lehrer und desinteressierte Eltern

Ingrid König im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Putzschäden an einer Garderobenwand einer Grundschule (imago images / Rolf Zöllner)
Viele Schulen haben mit Schäden an der Bausubstanz zu kämpfen, aber auch mit Lehrermangel. Schulleiterin Ingrid König beschreibt in ihrem Buch die schwierigen Zustände an ihrer Frankfurter "Brennpunktschule". (imago images / Rolf Zöllner)

An der Frankfurter Grundschule von Ingrid König kommen vielfältige Probleme zusammen: Baumängel, Personalmangel und Eltern ohne Engagement. Die Schulleiterin beklagt, dass die zuständigen Behörden kaum helfen - und macht ihrem Ärger in einem Buch Luft.

Das Tor klemmt, manchmal tropft es durch das Flachdach, und Sanierungsarbeiten werden verschleppt. Die Grundschule, die Ingrid König in Frankfurt-Griesheim leitet, sei schon äußerlich als Brennpunktschule zu erkennen, sagt sie. Von Behörden wie Eltern komme viel zu wenig Unterstützung – zum Leidwesen der Kinder.

Die Ursachen der Probleme an ihrer Grundschule seien vielfältig, sagt Ingrid König. In ihrem Stadtteil Frankfurt-Griesheim kämen verschiedenste Probleme zusammen: die mangelnden Sprachkenntnisse von Migranten, eine hohe Arbeitslosigkeit, klassenspezifische Probleme und stadtplanerische Fehler der vergangenen Jahrzehnte. "Wenn sich das alles summiert, dann wird es schwierig. Und wenn es schwierig wird, dachte ich immer, dann guckt man, wie man an die Probleme rangeht. Aber das wollte dann auf einmal niemand mehr."

Rostige Stangen auf dem Schulhof

Schulen wie ihre bräuchten dringend zusätzliche qualifizierte Lehrer und Sozialpädagogen. Aber selbst dringend nötige Reparaturen würden verschleppt. "Ich dachte: Wenn es rein regnet durch das Dach, dann ist es völlig selbstverständlich, dass gleich jemand kommt und sagt, ach wie schrecklich ihr Armen, wir machen das ganz schnell." Trotz Reparaturen tropfe es aber immer noch durch das Flachdach. Auf dem Schulhof stünden rostige Stangen von einem nicht abgeschlossenen Bauprojekt. Im Jahr 2009 aufgeschriebene Brandschutzmaßnahmen seien bis heute nicht realisiert. Erst in letzter Zeit habe sich die Situation verbessert – nach offenen Briefen und einem Fernsehauftritt Königs in der Wahlkampfarena 2017 mit Angela Merkel. Es sei zwar Aufgabe der Ämter, die Schule zu unterstützen. Lange Zeit habe sie aber das Gefühl gehabt, dass der Stadtteil und ihre Schule "nicht interessant für die Behörden" seien.

Die Autorin Ingrid König in schwarz-weiß (©M. Dolovac)Autorin und Schulleiterin Ingrid König (©M. Dolovac)

Auch von vielen Eltern fühlt Ingrid König sich nicht ausreichend unterstützt. Manche der Eltern in Migrantenfamilien bildeten heute – im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten – eine Blase. Viele Mütter arbeiteten nicht, verließen kaum die Wohnung, es gebe mehr Analphabeten als früher. Diese Eltern, meint Ingrid König, müssten Deutschkurse besuchen. "Und von den Migranten, die schon länger hier sind, erwarte ich, dass sie sich mehr zum Beispiel im Ehrenamt engagieren. Die halten sich in der Schule – bis auf ganz tolle Ausnahmen – zurück."

Nicht einmal die Schulpflicht wird durchgesetzt

Ingrid König hat in den 1970er-Jahren Lehramt studiert und von Beginn an vor allem mit Kindern von Migranten gearbeitet. Damals hätten deren Eltern sich sehr darum bemüht, ihren Kindern gute Bildungschancen zu ermöglichen, sagt sie. Heute dagegen häuften sich die Probleme: Eine Erstklässlerin, die sich nicht von dem männlichem Klassenlehrer unterrichten lassen wolle. Eltern, die kaum ein Wort Deutsch sprächen und ihre Kinder als Dolmetscher nutzten. Zwei vollverschleierte Mütter, die eine Entschuldigung des Sportlehrers forderten, weil der ihnen die Hand geben wollte. Dergleichen sei früher nicht passiert. "Jetzt sind diese Probleme da. Und man muss darüber sprechen. Ich habe ja auch mit den Frauen, die dem Sportlehrer die Hand nicht geben wollten, gesprochen. Zu denen habe ich gesagt: Was machen wir denn in Zukunft? Sollen die Lehrer von der Schule gehen? Nur Lehrerinnen? Oder gehen die Kinder, die leistungsbereit sind, in eine andere Schule? Ich habe diese Frauen gefragt, wie sie sich das vorstellen. Und so frage ich auch die Gesellschaft: Bitte, wie stellt ihr euch das vor? Da müssen wir ja irgendwelche Vereinbarungen haben."

Im Konflikt mit Eltern fehle aber die Unterstützung der vorgesetzten Schulbehörden von Stadt und Land. Nicht einmal die Schulpflicht werde konsequent durchgesetzt. "Das kann doch nicht sein. Entweder gibt es eine Schulpflicht, oder wir sagen, wir heben die Schulpflicht auf. Und dann macht jeder, was er will." Die Schulpflicht sei jedoch gerade als Schutz für Kinder aus bildungsfernen und armen Familien wichtig, argumentiert Ingrid König in ihrem Buch. Wenn Eltern aber entsprechende Bußgelder nicht zahlten, "dann passiert einfach nichts".

"Wie sollen diese Kinder hier glücklich werden?"

Ihre Sorge gilt deshalb vor allem den Kindern an ihrer Grundschule. Es bekümmere sie, dass viele von ihnen nicht glücklich seien, hier zu leben. "Ich kann doch nur aktiv und freudig mitgestalten, wenn ich ein zumindest zufriedener Mensch sein kann und gerne irgendwo lebe. Aber wie kann ich in einem Land leben, ohne wurzeln zu dürfen und zufrieden und glücklich zu sein?"

Warum sie dieses Buch geschrieben hat? "Die Menschen sollen wissen, dass zwar gesagt wird, Bildung ist wichtig. Aber dass es nicht durchgesetzt wird, dass jeder eine gute Bildung haben kann", sagt Ingrid König.

(rbh)

Montage: Cover von "Schule vor dem Kollaps" (Penguin Verlag / picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)"Schule vor dem Kollaps" heißt das Buch Ingrid König. (Penguin Verlag / picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Ingrid König: "Schule vor dem Kollaps"
Penguin Verlag, München 2019
241 Seiten, 20 Euro

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