Postkoloniale Literatur

Die Haltung, nicht die Herkunft ist entscheidend

11:20 Minuten
Historische Karikatur von England als Oktopus, der sich mit seinen zahlreichen Armen verschiedene Erdteile greift.
Kolonialismus: Autor*innen wie Zadie Smith schildern seine Spätfolgen. © Getty Images / Stock Montage
Maryam Aras im Gespräch mit Frank Meyer · 12.08.2022
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Postkoloniale Literatur beschäftigt sich oft mit der historischen Unterwerfung des Globalen Südens durch westliche Länder. Doch für Maryam Aras ist der Begriff umfassender. Sie spricht von "selbstbestimmtem Schreiben aus marginalisierter Perspektive".
Spätestens seit 2021 der tansanische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, taucht dieser Begriff immer wieder auf, wenn über Romane aus Afrika, Asien oder Lateinamerika – dem Globalen Süden – gesprochen und berichtet wird: postkoloniale Literatur.

Mit machtkritischer Perspektive

Aber was genau ist postkoloniale Literatur? Sind damit auch immer Romane aus den ehemaligen Kolonien gemeint, die sich mit dem europäischen Kolonialismus oder dessen Spätfolgen im Globalen Süden beschäftigen?
Maryam Aras, Literaturwissenschaftlerin und Iranistin, weist darauf hin, dass dieser Begriff nicht einfach nur eine Art Herkunftsbezeichnung ist: "'Postkolonial' ist eigentlich kein Sammelbegriff für die Literaturen aus arabischsprachigen, iranischsprachigen, spanischsprachigen, portugisischsprachigen Ländern des Globalen Südens, das Postkoloniale ist vielmehr eine Haltung oder eine Perspektive."
Der Begriff stehe nicht nur für Texte aus Ländern, die früher kolonisiert waren, sondern habe auch immer eine machtkritische Perspektive. So seien bespielsweise arabischsprachige Liebesromane – nur wegen ihres räumlichen Ursprungs – keine postkoloniale Literatur.

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Aras unterscheidet Analysen, die aus der postkolonialen Theorie und Literaturwissenschaft kommen, von der Belletristik, die postkoloniale Erzählweisen verfolge. Als ein Schlüsselwerk der postkolonialen Theorien nennt sie Edward Saids Werk „Orientalism“, 1978 veröffentlicht. Darin analysiert der Kultur- und Literaturwissenschaftler zum ersten Mal die kolonialen Herrschaftsmerkmale im klassischen europäischen Literaturkanon. "Er zeigt darin, wie die europäische Fantasie vom 'Orient' diesen überhaupt erst erschafft", so Maryam Aras.

Schreiben über die Spätfolgen des Kolonialismus

"Tuba" von Scharnusch Parsipur führt die Literaturwissenschaftlerin als belletristisches Beispiel an. Eine junge, selbstbestimmte Frau erlebt den Einfluss vor allem der Briten auf alle Lebensbereiche im Iran des frühen 20. Jahrhunderts. Mit einer Art magischen Realismus bewegt sich Parsipur durch die Geschichte ihres Landes, das von den kolonialen Interessen Europas und der USA geprägt ist. Ihre Heldin im Roman "muss sich gegen den Einfluss von religiösen Fanatikern wehren, deren politische Macht, so legt es der Roman nahe, eine Spätfolge der westlichen Ausbeutung Westasiens ist", erläutert Aras.

Eine klare Trennung ist kaum möglich

Die aktuell in Deutschland und weiteren europäischen Ländern breit geführte Debatte um die Restitution von aus Kolonialgebieten geraubter Kunst könne man auch thematisch in vielen Werken finden, so Maryam Aras - etwa in „Im Auge der Pflanzen“ von Djaimilia Pereira de Almeida, einer angolanischen portugiesischsprachigen Autorin. "Sie erzählt vordergründig die Geschichte eines alternden Kapitäns, der zurückkehrt nach Portugal in sein Elternhaus und seinen paradiesischen Garten. Eigentlich aber ist das eine sehr schonungslose Betrachtung des portugiesischen Kolonialismus, vor allem des Sklavenhandels."
Eine klare Trennung in eine "Literatur des Globalen Südens“ und eine „westliche Literatur“ sei kaum möglich, sagt die Expertin. Die Literatur etwa von Autor*innen wie Zadie Smith, Londonerin mit jamaikanischen Wurzeln, zeige, welche Folgen die Kolonialgeschichte noch immer in weißen Mehrheitsgesellschaften habe.
Zwar beschäftigt sich postkoloniale Literatur sowohl mit der historischen Unterwerfung des Globalen Südens durch westliche Länder als auch mit den politischen Konsequenzen in diesen Ländern und den transnationalen Spätfolgen. "Doch nicht nur", betont Maryam Aras: "Postkoloniale Literatur ist auch das Schreiben von den Rändern einer Mehrheitsgesellschaft, ein selbstbestimmtes Schreiben aus marginalisierter Perspektive, die transnationale Machtgefälle mitdenkt."

Literatur

Abbas Khider: „Der Erinnerungsfälscher“
Hanser Verlag, 128 Seiten, 19 Euro
(erschienen 24.01.2022)
Scharnusch Parsipur: „Tuba“
Übersetzung aus dem Persischen von Nima Mina
Unionsverlag, 464 Seiten, 12,90 Euro
(erschienen am 10.10.1997, Taschenbuchausgabe)
Djaimilia Pereira de Almeida: „Im Auge der Pflanzen“
Übersetzung aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
Unionsverlag, 128 Seiten, 20 Euro
(erschienen 14.02.2022)
Zadie Smith: „London NW“
Übersetzung aus dem Englischen von Tanja Handels
Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 22,99 Euro
(erschienen 09.01.2014)
Zadie Simith: „Swingtime“
Übersetzung aus dem Englischen von Tanja Handels
Kiepenheuer & Witsch, 640 Seiten, 12 Euro
(erschienen 09.05.2019, Taschenbuchausgabe)
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