Posten auf Social Media

Warum das Internet weniger öffentlich wird

15:48 Minuten
Nahaufnahme einer weiblichen Hand mit glitzernd roten Fingernägeln schwebt zögerlich über dem Bildschirm eines Smartphones.
Was ist passiert, wenn man plötzlich sein Leben nicht mehr öffentlich teilen will? © unsplash / Rob Hampson
Von Dennis Kogel und Jenny Genzmer · 08.01.2022
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Woher kommt es, dass man irgendwann seltener Lust hat, Dinge im Internet zu posten? Warum machen öffentliche Plattformen keinen Spaß mehr? „Es liegt nicht an dir“, sagt der US-Autor Ryan Broderick, sondern an einem allgemeinen Trend.
Nicht wenige Menschen kennen wohl dieses Phänomen: Vor einigen Jahren noch hatte man viel Freude daran, soziale Medien zu benutzen, selbst darin zu posten, Meinungen ins Netz zu blasen, mit Leuten zu diskutieren, sein Leben zu teilen – und heute nicht mehr. Was ist passiert?

„Viele Leute wollen nicht mehr posten“

Antworten auf diese Frage hat Ryan Broderick, ein Autor aus den USA, der in seinem Newsletter Garbage Day scharfsinnige Analysen über Social Media schreibt. Seine These lautet, dass der persönliche Rückzug aus den sozialen Medien Teil des Trends ist: Das Internet wird weniger öffentlich.

Es liegt nicht an dir. Du trägst keine Schuld, deine Gefühle sind total berechtigt. Viele Leute wollen nicht mehr posten. Der Trend geht zu einem weniger enthusiastisch öffentlichen Internet.

Ryan Broderick

Dass immer mehr Leute weg von den öffentlichen Plattformen hin zu privaterer Kommunikation wollen, ließe sich gut an der Gen Z beobachten, jungen Internetnutzenden – und da vor allem jungen Internet-Berühmtheiten. Diese hätten verstanden, dass es nicht glücklich macht, virale Inhalte zu erstellen.
„Sie machen also was anderes“, erklärt Broderick. „Sie bespielen soziale Netzwerke mit einer nüchternen, fachmännischen Effizienz, bis sie ein Level an Erfolg erreicht haben, mit dem sie zufrieden sind. Und dann suchen sie sich eine ‚normale‘ Arbeit: Aber mit einer Million Followern im Gepäck.“
Ihren Social-Media-Erfolg nutzen sie dann also als Sprungbrett für “klassische” Karrieren, ganz nach dem Motto: Zuerst Follower sammeln mit Tänzen auf TikTok und dann Anwältin werden.

Lieber an etwas „Echtem“ arbeiten

Aber auch etwas ältere Youtuber, Twitch-Streamer, Podcaster orientieren sich neu. Viele dieser Content Creator sehnten sich inzwischen nach dem Gefühl, auch mal an etwas “Echtem” zu arbeiten, meint Broderick. Das meint eigentlich: An irgendetwas arbeiten, was es vor dem Internet bereits gab.
Der Youtuber Brian David Gilbert, der mit absurden Videos bekannt wurde, wolle jetzt eigentlich nur weg von Youtube, um Film- und Fernsehskripte zu schreiben, und hin zu einem traditionelleren Berufsleben. “Das ist die Story unserer Zeit: Wir versuchen alle aus dem Internet zu entkommen”, sagt Broderick.

Die Lebenszyklen der Communitys

Weniger anekdotisch, sondern wissenschaftlich setzt sich Benjamin Mako Hill mit dem Aufstieg und Fall sozialer Netzwerke auseinander.

Die Erfahrung, Sie waren sehr interessiert an einer Community und dann merken Sie, dass Sie sich von ihr abkoppeln, die ist ganz normal. Sie beschreibt einen Lebenszyklus innerhalb vieler Communitys.

Benjamin Mako Hill

Community ist Hills Schlüsselbegriff. Er war und ist selbst ein Teil von vielen, arbeitete am Ubuntu-Betriebssystem mit, ist aktiver Wikipedia-Autor und forscht an der University of Washington und der Universität von Harvard zu Online-Communitys.
Deren Lebenszyklen hat er in seiner Forschungsgruppe untersucht und herausgefunden, dass sie Regeln folgen. Die Zahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer der englischsprachigen Wikipedia hatte zum Beispiel ihren Höchstwert im März 2007.
„Davor gab es ein fast exponentielles Wachstum und dann ging es ganz schnell rein in einen linearen Rückgang. Diese Dynamiken sehen Sie auch in der deutschen Wikipedia“, erklärt Benjamin Mako Hill. Viele große und kleine Online-Communitys scheinen diesen Regeln zu folgen.

Leute klinken sich nicht einfach so aus

Aber warum ist das so? Die Leute klinken sich nicht einfach so aus, beschreibt er das Phänomen. Sondern: Sie ändern, wie sie ihre Zeit und ihre Energie auf eine Reihe von Communitys verteilen.
„Wir Menschen haben ganz viele unterschiedliche digitale Räume, in denen wir mitmachen. Wir machen in einem Raum mit, weil es da interessante Gespräche gibt. Aber vielleicht wächst diese Community und sie wird zu groß für diese Art von Gesprächen”, sagt Benjamin Mako Hill.
So gesehen lassen sich seine Forschungsergebnisse gut mit dem beobachteten Trend weg vom öffentlichen Netz und hin zu privateren Räumen verknüpfen.

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