Parlamentspoeten

Das Hohe Haus als "superspannender Rechercheort"

11:15 Minuten
Elias Hirschl lehnt sich in einem Raum voller weißer Wände an eine. Er trägt ein weinrotes Sweatshirt und eine dunkle Hose. Sein schwarzen Haare trägt er mit Mittelscheitel.
Der Schriftsteller Elias Hirschl findet bei der Diskussion um einen Parlamentspoeten den Bezug zu Amanda Gorman unsinnig. © Leonhard Hilzensauer / Zsolnay
Elias Hirschl im Gespräch mit Andrea Gerk · 13.01.2022
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Der Vorschlag, in Deutschland einen Parlamentspoeten zu etablieren, hat zu teils heftigen Abwehrreaktionen geführt. Der Wiener Elias Hirschl, Autor eines Schlüsselwerks zur Ära Sebastian Kurz in Österreich, findet die Idee dagegen charmant.
Braucht Deutschland eine Parlamentspoetin? Die Schriftstellerinnen Simone Buchholz und Mithu Sanyal und ihr Kollege Dmitrij Kapitelman haben diese Idee in der "Süddeutschen Zeitung" unter der Überschrift "Dichterin gesucht" vorgebracht. Sie wollen damit "die Politik poetischer und die Poesie politischer machen." In Kanada gibt es bereits eine Parlamentspoetin - daher die Idee.
Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt war von der Idee begeistert und sondierte bereits ein Treffen. In den Feuilletons und auf Social Media stieß der Vorschlag einer Parlamentspoetin jedoch zumeist auf Ablehnung.
Auch unsere Literaturredakteurin Miriam Zeh reagierte zunächst negativ auf den Vorschlag: „Oh je, bitte kein Gedicht über die Impfpflicht oder so was. Man hat reflexartig furchtbar eindimensionale, engagierte Poesie im Kopf.“

Romantik und Genie-Gedanke

Im deutschsprachigen Raum werde oft der Vorbehalt artikuliert, Literatur könnte als Störfaktor einkalkuliert werden, sagt Zeh; sie könnte als nettes, kleines Irritationselement banalisiert werden. Zeh führt das auf die deutsche Geschichte und die Romantik zurück:
„Ich glaube, das ist deshalb so stark, weil es ein Definitionsmoment der Kunst und der Literatur ist, dass sie aus Freiheit entsteht, aus Zweckfreiheit und Ungebundenheit." In Deutschland sei diese Denktradition sehr stark und wirke länger nach als andernorts.
Dabei sei das nur ein Konstrukt, betont Zeh: „Literaturproduktion, Kunstproduktion steht doch immer unter Zwängen, unter ökonomischen Zwängen zum Beispiel. Kein Gedicht, kein Text entsteht in einem idealen, luftleeren Raum. Für meinen Geschmack könnte man viel mehr darüber reden, wie tatsächliche Produktionsbedingungen aussehen, und viel weniger über den Mythos des völlig freien Genies.“

Die Freiheit des Stadtschreibers

Der Wiener Schriftsteller Elias Hirschl wird demnächst Stadtschreiber in Dortmund. Die Idee, einen Parlamentspoeten einzusetzen, findet er spannend – solange dieser frei in seinem Tun sei, so wie er als Stadtschreiber in Dortmund. „Das ist nicht mit irgendwelchen Auflagen verbunden, dass ich irgendwelche Themen behandeln müsste.“
Für ihn ist das auch in der Debatte um den Parlamentspoeten entscheidend. Dass der Vorschlag einer Parlamentspoetin mit Amanda Gorman verglichen wird, die bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden ein Gedicht vortrug, findet er nicht nachvollziehbar. Für ihn das eine völlig andere Sache:
„Das würde ich nicht machen, wenn ich direkt von einer Partei eingeladen würde, um für den Amtsantritt eines Politikers eine Rede zu schreiben. Damit, glaube ich, lässt man sich schon ein bisschen von dem Politiker vereinnahmen.“

Ein schlechtes Gedicht - na und?

Wenn die Aufgabe hingegen mit einem längeren Stipendium verbunden wäre, damit man sich länger unabhängig mit dem Parlament als Ort beschäftigen könne, sei diese hochinteressant. „Das ist ein superspannender Rechercheort und auch eine ziemliche Aufwertung, wenn man Autoren und Autorinnen dafür gut bezahlt.“
Aber will man wirklich, dass eine Parlamentspoetin zum Beispiel Gedichte über Umweltkrisen schreibt und vorträgt? Unter den Kritikern reagiert man teils mit Spott auf solche Vorstellungen. Hirschl nimmt es lapidar:
„Ja, mein Gott, dann ist halt da auch mal ein schlechtes Gedicht über die Umwelt dabei. Es gibt Schlimmeres.“
(mfu)

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