Nocturnes

Die schlaflosen Nächte der Schriftsteller

56:12 Minuten
Friedrich in der Siegesnacht von Torgau auf den Altarstufen der Dorfkirche von Elsnig Depeschen und Befehle schreibend, Farbdruck nach Carl Röchling
Auch Friedrich der Große wusste anscheinend die nächtlichen Stunden zum Schreiben zu nutzen. © picture alliance / akg-images
Von Uta Rüenauver · 10.01.2021
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Nicht wenige Schriftsteller und Schriftstellerinnen sind nachts wach. Manche können nicht schlafen, weil es in ihnen weiterschreibt; andere wollen nicht schlafen, um zu schreiben. Im Dunkel ist das Schreiben anders. Wenn man denn schreiben kann.
Schlaf ist lebensnotwendig, sein Entzug eine Foltermethode. Die meisten, die die gesuchte Erquickung nicht finden, fechten den Kampf mit dem Plumeau wortlos und verzweifelt aus. Die Literaturgeschichte jedoch ist voll vom Leiden schlafloser Schriftsteller und ihrer rotäugigen Figuren.


Hermann Hesse wollte sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen, um den durchwachten Nächten zu entkommen. Der Rumäne Emil Cioran behauptete, gar nicht mehr zu schlafen und die Nächte mit Spaziergängen auf Friedhöfen und dem Verfassen von "Syllogismen der Bitterkeit" zu verbringen. In Ulrike Kolbs Roman "Die Schlaflosen" fühlen sich die Übernächtigten als Versager. Denn sie sind nicht imstande, das Alltägliche und Notwendige zu leisten: Die heilige Trias von – so nennt es ein Zyniker unter ihnen – "Schaffen, Scheißen, Schlafen" zu erfüllen.

"Große, mich aufreißende Zustände"

Es hilft, außerordentlich zu wissen, warum man nicht schlafen kann. Franz Kafka wusste es und vertraute es seinem Tagebuch an:

"Ich glaube, diese Schlaflosigkeit kommt nur daher, daß ich schreibe. Denn so wenig und so schlecht ich schreibe, ich werde doch durch diese kleinen Erschütterungen empfindlich, spüre besonders gegen Abend und noch mehr am Morgen, das Wehen, die nahe Möglichkeit großer mich aufreißender Zustände, die mich zu allem fähig machen könnten und bekomme dann in dem allgemeinen Lärm, der in mir ist und dem zu befehlen ich keine Zeit habe, keine Ruhe."

Allerdings hätte Kafka am Tag gar nicht schreiben können: Die hellen Stunden des Versicherungsangestellten gehörten dem Büro.
Die dunklen erlauben manchmal ein anderes Schreiben. Nachts sind die Zwänge gelockert, ist die Kontrolle vermindert und der Pragmatismus verabschiedet. Man merke es den Texten an, wenn sie in der Nacht entstehen, meint Ulrike Almut Sandig. Sie kann nur in der Nacht den alltäglichen Verpflichtungen entkommen und hat zur Einstimmung in die Zeit des Mondes ein Ritual gefunden, das sie wachhält.
"Ein schlafloser Dichter bin ich manchmal, ich bin es nicht immer", sagt Norbert Hummelt von sich und weiß von seinem Glück. Aris Fioretos kennt das Leiden auch – aber die Nacht bewusst aufzubleiben, nicht schlafen zu wollen, um zu arbeiten, sei mit großer Freude und Neugier verbunden.

Zu nachtschlafender Zeit

Für die Lyrikerin und Essayistin Monika Rinck ist Schlaflosigkeit dagegen ein lästiges, ästhetisch eher unfruchtbares Übel. Die "Löschmaschine" Schlaf sei von zentraler Bedeutung, ebenso wie die "rites de passage" des Einschlafens und Aufwachens. Den Schlaf nennt sie in ihrer Münsteraner Poetikvorlesung "eine tägliche Einübung in die Differenz". Ein Feature von Uta Rüenauver zu beinahe nachtschlafender Zeit über eine Volkskrankheit und ihre Konsequenzen für Literatur und Literaten.
(pla)
Das Manuskript zur Sendung können Sie hier herunterladen.
Die Zitate, deren Urheber in der Sendung nicht genannt wurden, stammen von Novalis, Ossip Mandelstam, Anne Sexton, Sappho, Charles Simic, Wislawa Szymborska, Christine Lavant und Mascha Kaleko.

Es sprechen: Maria Hartmann, Cornelia Schönwald, Tonio Arango und Frank Arnold
Ton: Martin Eichberg
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Redaktion: Jörg Plath

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