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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.11.2014

Nick HornbyDer Sound der Sixties

Nick Hornby: "Miss Blackpool"

Von Knut Cordsen

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(picture alliance / dpa / Facundo Arrizabalaga)
Der britische Schriftsteller Nick Hornby (picture alliance / dpa / Facundo Arrizabalaga)

In seinem neuen Roman schreibt Nick Hornby über eine Komikerin, die in einem nordenglischen Küstenort kreuzunglücklich ist und beschließt, ihr Glück in London zu suchen. "Miss Blackpool" - packend und very british.

"Funny Girl" heißt der neue Roman Nick Hornbys im Original und umreißt damit kurz und knapp, um wen es darin geht: ein lustiges Mädchen. Genauer: Eine Komikerin aus der Frühzeit des Fernsehens, die hinter der Kosmetiktheke eines Kaufhauses in einem nordenglischen Küstenort (der sie auch zur Schönheitskönigin "Miss Blackpool" wählt) kreuzunglücklich ist, die deshalb beschließt, ihr Glück in London zu suchen und schließlich vor der Kamera ein Millionenpublikum begeistert. Sie heißt Barbara Parker mit bürgerlichem Namen, ihr Künstlername ist Sophie Straw, und es spricht unbedingt für Nick Hornby, dass man bis kurz vor Ende des Romans rätselt, ob es diese Frau womöglich tatsächlich gegeben hat oder ob sie eine Erfindung ist.

"Sie wollte ins Fernsehen und die Leute zum Lachen bringen": Eine BBC-Sitcom mit dem Titel "Barbara (and Jim)" ist es schließlich, die Sophie Straws Wunsch in Erfüllung gehen lässt. Von der Genese dieses Straßenfegers (ein Wort, das heute als ebenso ausgestorben gelten darf wie "Sendeschluss") erzählt Hornby und vom "Swinging London" der Sixties. Es sind die halkyonischen Tage des Fernsehhumors: Komödien verhandelten niveauvoll ganz banale Alltagsprobleme und erreichten so höchste Einschaltquoten: 18 Millionen Zuschauer. Dennoch mussten sie sich härtester Kritik vonseiten der sogenannten Hochkultur erwehren. Hornby schreibt ironisch: "Wie schrecklich war doch Bildung, wenn sie einen Geist hervorbrachte, der Unterhaltung verachtete, und damit auch alle Menschen, denen sie etwas wert war."

Frischer, jünger, lustiger

Seinerzeit war man noch weit entfernt vom tumben Pseudo-Entertainment unserer Tage, aber Hornby ist klug genug, den Bogen bis in die Gegenwart zu spannen. So fragt sich eine der Figuren schon 1964: "Wo soll das eigentlich alles hinführen? Wie wird es in zehn Jahren aussehen? Oder in fünfzig? Ihr macht jetzt schon Witze über Toiletten und Gott weiß was. Wie lange wird es noch dauern, bis ihr beschließt, dass es ganz in Ordnung ist, Leute beim Scheißen zu zeigen, solange irgendeine Hyäne im Publikum es zum Schießen findet?" Die Antwort liegt, Pardon, auf der Hand. Sophie Straw schämt sich in Grund und Boden, als sie bei einer Jubiläumsgala 2014 von Nachwuchs-Comedians, die Brachialbrüller über Analsex und Vaginalhygiene produzieren, gesagt bekommt, sie sei ihr großes Vorbild. Sie resümiert: "Unterhaltung hatte die Weltherrschaft übernommen, und sie war nicht sicher, ob die Welt davon besser geworden war."

Künstlerischer Aufbruch

"Miss Blackpool" ist das, was man eine Well-Made-Novel nennen möchte: Mit ungemein tempo- und gedankenreichen Dialogen führt Hornby uns in die Zeit, die viele von uns nur noch aus Fernsehserien wie "Mad Men" kennen (und in denen Frauen, wie hier auch noch, als "blonde Granaten" und "Puppen" bezeichnet werden). Zudem ist es die Zeit des künstlerischen Aufbruchs hin in ein "neues England": Man erregte sich zwar noch über das 1968 uraufgeführte "Nacktmusical" "Hair", aber der "Theatres Act" hatte blöderweise gerade verfügt, es sei erlaubt, bei Bühnenaufführungen Brüste und Schamhaar zu zeigen.

"Das alles hatte das Land heller, frischer, jünger und lustiger gemacht", schreibt Hornby in diesem rundum gelungenen Roman, den man auch genießen kann, ohne zu wissen, welchen legendären Status die Radiokomödie "The Awkward Squad" einst einnahm, wer jetzt noch mal Lucille Ball oder Tommy Cooper waren und was es mit dem Comicstrip "The Gambols" auf sich hatte. "Miss Blackpool" ist halt in jeder Hinsicht very british.

Nick Hornby: "Miss Blackpool"
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Ingo Herzke
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014
432 Seiten, 19.99 Euro

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