Nele Jongeling: „Ich will nicht arbeiten“

Und Du bist doch gut genug

06:59 Minuten
Cover des Comics "Ich will nicht arbeiten" von Nele Jongeling.
© Reprodukt

Nele Jongeling

Ich wll nicht arbeitenReprodukt, Berlin 2026

304 Seiten

29,00 Euro

Von Jan Drees |
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In dem Comic "Ich will nicht arbeiten" verspricht eine zynische Gameshow ihren Teilnehmern den ultimativen Traumjob. Der Zeichnerin Nele Jongeling ist eine hervorragende Parabel auf den neoliberalen Arbeitsmarktdiskurs gelungen.
Man muss nicht bis zu Karl Marx zurückschauen, wenn das Wort „Arbeit“ fällt. Es reichen die 1980er-Jahre. Damals wurde unsere noch heute existierende Sicht auf die Erwerbstätigkeit geprägt. „Don’t cry – work!“ stand auf der berühmt gewordenen Rückseite von Rainald Goetz‘ Punkroman „Irre“ aus dem Jahr 1983 – zu einer Zeit, als ein neuer Arbeitskult entstand.
Hatte die unmittelbare Nachkriegsgeneration das Wirtschaftswunder auch deshalb bewältigt, weil sie die oft selbst begangenen Gräuel des Nationalsozialismus zu verdrängen suchte, verknüpften die 1980er-Jahre Arbeit mit schillernden Status- und Konsumversprechen. Der ebenso ironische wie motivierende Song „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug landete 1982 auf Platz eins der Singlecharts.

Von der Gier zum Yuppie-Hype

Oliver Stones Kinoblockbuster „Wall Street“ trug 1987 den neoliberalen Satz „Gier ist gut“ in die Mitte der Gesellschaft und führte zum extrem nervigen Yuppie-Hype. Sogenannte Young Urban Professionals mit überdurchschnittlichem Einkommen durften fortan in keiner BMW- oder Hugo-Boss-Werbung fehlen. Jeff Koons‘ spiegelnde „Rabbit“-Skulptur wurde zum Sinnbild der schon damals narzisstischen Gegenwart. Die US-amerikanische Rockband Huey Lewis & The News lieferte den Soundtrack.
In der Literatur folgte Bret Easton Ellis‘ mit seinem Yuppie-Horrorroman „American Psycho“. Es kam, wie es kommen musste. Die Emporkömmlinge der arbeitsreligiösen 1980er zeugten die Gen-Z.
Diese circa zwischen 1995 und 2012 Geborenen wandten sich zwangsläufig gegen die Grundsätze ihrer Eltern. „Ich will nicht arbeiten“ heißt passenderweise ein sehr gutes Buch der Illustratorin Nele Jongeling – Jahrgang 1996.
Jongeling hat „Graphic Storytelling“ an der Luca School of Arts in Brüssel studiert und dort offensichtlich sehr viel gelernt. Denn in ebenso fabelhafter wie grafisch konsequenter Manier stellt sie ihre arbeitssuchende Hauptfigur Edith Feder vor, die seit ihrem Studium erfolglos Bewerbungen schreibt.

Die Heldin ist nicht faul, aber überfordert

Die nur scheinbar faule, tatsächlich aber überforderte Edith wird, um sich quasi selbst anzutreiben, Kandidatin in einer zynischen Gameshow, die Elemente von „Dschungelcamp“ und “Squid Game“ aufgreift, ein „jeder gegen jeden“, frei nach Thomas Hobbes‘ „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“.
In gleichfarbige Teampullover gesteckt müssen die „Auserwählten“ vor laufender Kamera demütigende Challenges absolvieren, also das ganze Disziplinierungstheater durchleiden, das viele Arbeitssuchende kennenlernen, wenn sie vom Jobcenter in „Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung“ gesteckt werden. Dort lernen die Teilnehmer Kindergartenzeug: Wie funktioniert Meal Prepping, wie schaffe ich es, pünktlich aufzustehen, ist ein Lichtwecker die Lösung meiner Motivationsprobleme?
„Wieso fühlt sich mein Leben immer wie ein Überleben an?“ Das fragt sich die Heldin, und lässt sich gezwungenermaßen coachen, genauer: Einreden, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. In zweifarbigen, himmelblau- und backsteinrot gehaltenen Zeichnungen werden die Bewerber vorm Laptop sitzend immer kleiner, sie schrumpfen, bis sie beinahe vom zuklappenden Bildschirm erschlagen werden. Jobberater und Showregisseure wachsen hingegen zur Übergröße an – wie der Vater in Kafkas „Das Urteil“, der im Auge des mickrigen Sohns „noch immer ein Riese“ zu sein scheint.

Tierähnliche Wesen mit menschlichen Händen

In gleichsam kafkaesker Manier sehen sich die Figuren Nele Jongelings einer undurchschaubaren Bürokratie ausgesetzt, die ihnen nicht nur die Eigenständigkeit, sondern auch das menschliche Antlitz nimmt. Sie werden als tierähnliche Wesen dargestellt, haben spitze Katzen- oder hochstehende Hasenohren, zugleich – und dadurch wirken sie noch grotesker – menschliche Hände, mit Fingern und Daumen. Sie verdrehen sich, zerfließen wie Gegenstände in Gemälden Salvador Dalís, landen am tiefen Grund meterhoher Räume oder gleich in Excel-Tabellen.
Man hofft unweigerlich, dass sich Edith wenigstens gegen das durchschaubare Manöver einer Psychologin wehrt, die ihr attestiert: „Sie wollen allen gefallen. Aber gefallen sich selbst nicht. Sie wollen endlich gut genug sein. Aber Sie sind es nicht. Und Sie werden es niemals sein. Zumindest nicht für Sie selbst. Ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie sich das eingestehen.“

Kein Grund für Depressionen

Die Demütigung der Arbeitskraft gehört zum Strategiereservoir unserer neoliberalen Gesellschaft. Dies ist die Quintessenz von Nele Jongelings Geschichte. Ihre Heldin versteht am Ende, dass sie den gesellschaftlichen Ansprüchen niemals genügen wird, dass dies jedoch kein Anlass für Depressionen ist. Sie erkennt: „Zu versagen fühlt sich gar nicht so schlimm an, wie ich dachte.“
Während man also in Gedanken „Gut genug“ singt, den Sommerhit von Blumengarten, KitschKrieg und Shirin David, oder sich doomscrollend den Workplace-TikToks von Comedienne Peachy widmet, findet Edith wenigstens eine Anstellung. Kein Traumjob, aber ein verlässlicher Garant für die nächsten Mietzinszahlungen.
Diese höchst vergnügliche Parabel zur Senkung der Arbeitsmoral beruhigt so die Brotberufstätigen. „Ich will nicht arbeiten“ zeigt, dass nicht jeder für seine Tätigkeit brennen muss. Manchmal reicht ganz schlicht das alte Diktum des Punk-Schriftstellers Rainald Goetz: „Don’t cry. Work!“
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