Natalie Amiri: "Afghanistan"

"Wir haben einen der korruptesten Staaten der Welt gezüchtet"

12:28 Minuten
Die Journalistin und Buchautorin Natalie Amiri
Natalie Amiri traf in Afghanistan viele Menschen, die sich vom Westen allein gelassen fühlen. © Johannes Moths
Moderation: Frank Meyer · 24.03.2022
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Die Journalistin Natalie Amiri hat nach der Machtübernahme der Taliban Afghanistan bereist und ein Buch darüber geschrieben. Das Land ist gezeichnet durch 20 Jahre Korruption. Doch Amiri traf auch auf mutige Frauen, die weiterhin ihre Stimme erheben.
In Afghanistan hat gerade ein neues Schuljahr begonnen. Vor allem die Schülerinnen hatten ihm voller Erwartungen entgegengeblickt. Denn die Taliban hatten angekündigt, auch Mädchen über zwölf Jahren den Schulbesuch wieder erlauben zu wollen – nachdem die neuen alten Machthaber nach der Machtübernahme, 2021, die Uhren zunächst auch bei der Schulbildung komplett zurückgedreht hatten.
Doch daraus wird nun vorerst nichts. Enttäuschung und Zorn sind bei Mädchen und Frauen groß.

Angst und Zorn der Frauen

Aber was bedeutet die Rückkehr der Taliban für die afghanische Bevölkerung insgesamt? Welcher Zukunft sehen vor allem die Frauen des Landes entgegen? Sie etwa beklagen, von den westlichen Ländern nun auf halber Strecke alleine gelassen zu werden.
100 Tage nach der Machtübernahme reiste die Journalistin und ehemalige Leiterin des ARD-Fernsehstudios in Teheran Natalie Amiri nach Afghanistan. Mit ihrem Buch „Afghanistan. Unbesiegter Verlierer“ möchte sie Afghaninnen und Afghanen eine Stimme geben.
Im Gespräch ist ihre Anteilnahme deutlich zu spüren – und auch Zorn über eine im Prinzip fehlgeleitete und letztlich nutzlose finanzielle Unterstützung Afghanistans in den zurückliegenden rund 20 Jahren.

Einer der korruptesten Staaten der Welt

Nach der zeitweiligen Vertreibung der Taliban aus der Regierung habe der Westen „einen der korruptesten Staaten der Welt gezüchtet“, kritisiert Amiri. „Das größte Problem war, dass es zu viel Geld war: Zu viel Geld in zu wenig Zeit musste ausgegeben werden. Die Bilanz musste am Ende des Jahres stimmen.“
Das habe die finanziell unterstützten Organisationen und Institute in Bedrängnis gebracht, so viel Geld wie möglich ausgeben zu müssen. Zugleich seien etwa 40 Prozent des Geldes gar nicht im Land angekommen, sondern bereits in korrupten Strukturen außerhalb Afghanistans versandet.
Auch innerhalb des Landes sei Geld von Subunternehmen zu Subunternehmen verloren gegangen. So sei es immer weiter gegangen, „bis dann zum Schluss eine notdürftig zusammengeschusterte Schule mit Zweigen als Dach stand. Die ist natürlich im nächsten Winter zusammengekrach."

Natalie Amiri: "Afghanistan. Unbesiegter Verlierer"
Aufbau Verlag, 2022
255 Euro, 22 Euro

All das, sagt Amiri, sei das Gegenteil von nachhaltig gewesen. Denn es sei viel zu wenig kontrolliert worden, was mit dem Geld eigentlich passierte. Letztlich sei das ganze System zusammengebrochen – „diese korrupte Regierung mit unglaublich geldgierigen Ministern und Parlamentariern, die sich nur ihre eigenen Taschen vollmachten und nicht an die Bevölkerung dachten, hat ihre Legitimität in der Bevölkerung verloren“.

Sie machen die Hölle durch

Auf viel Zorn traf Amiri auch bei afghanischen Frauen, „die gerade die Hölle durchmachen, denn ihnen wurde alles genommen“. Amiris Eindruck ist: Viele Frauen wollen sich nicht unterkriegen lassen und nun erst recht weiterhin um ihre Rechte kämpfen. Sie zitiert eine Menschrechtsaktivistin, die sagt:
„Nein, wir lassen uns das nicht gefallen. Wir werden den Taliban nicht das Land übergeben. Wir sind die Hälfte der Bevölkerung, sie können uns nicht köpfen, sie können uns nicht hinrichten, sie können uns nicht wegsperren. Wir sind jetzt nicht mehr Frauen von vor 20 Jahren.“
Es gebe nun aber die Hoffnung, dass das neue alte Regime nicht erneut die Schreckensherrschaft von damals ausüben werde, „sondern mit den Frauen, die sich nicht unterdrücken lassen, vielleicht einen liberaleren Weg gehen".
(mkn)

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