„Dieses Buch ist eine Warnung”, sagt Naomi Klein im Podcast der "New York Times", „und es geht hier nicht um eine Handvoll Randfiguren. Wir haben beobachtet, wie Menschen mit zuvor eher abseitigen Weltanschauungen immer mehr Macht erlangt haben und vom gesellschaftlichen Rand ins Zentrum der Macht vorgedrungen sind.“
Naomi Klein und Astra Taylor begannen, ihr Buch zu schreiben, als Donald Trump seine zweite Amtszeit antrat.
Faschismus als brutalste Bedrohungsabwehr des Kapitalismus
Für die Autorinnen gibt es keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem, was in den USA und anderswo geschieht, um Faschismus handelt. Revolutionen seien ein Aufstand der Schwachen, beim Faschismus dagegen gehe es um eine Revolte der Starken, heißt es im Buch.
„Faschismus ist die brutalste Bedrohungsabwehr des Kapitalismus, die dafür sorgen soll, dass der öffentliche Zorn, der in Zeiten tiefer Krisen aufwallt, nach unten auf die verwundbaren Bevölkerungsteile statt nach oben gegen das System selbst, seine privilegiertesten Vertreter und Profiteure, gelenkt wird.“
Naomi Klein und Astra Taylor: "Endzeitfaschismus"
Jeder Faschismus lässt sich als eine Reaktion auf eine Krise lesen. Für den Faschismus der Gegenwart gilt das in verschärfter Form, wie Naomi Klein im Interview ausführt: „Der Endzeit-Faschismus ist ein Faschismus, der in engem Austausch mit existenziellen Krisen globalen Ausmaßes steht – ein Faschismus, der das Ende dieser Welt als Tatsache akzeptiert.“ Im Buch heißt es weiter:
„Die Mächtigsten dieser Erde bereiten sich auf das Ende der Welt vor, ein Ende, dessen Eintreten sie selbst fieberhaft beschleunigen. Aber in einer seltsamen Verdrehung der Erzählung des Alten Testaments begnügt sich die Oligarchenklasse, die sich inzwischen gottgleiche Macht anmaßt, nicht damit, Archen für sich zu bauen. Sie scheint alles dafür zu tun, dass die Sintflut endlich kommt.“
Naomi Klein und Astra Taylor: "Endzeitfaschismus"
Der Endzeitfaschismus ist eine lose Allianz verschiedener Gruppierungen. Die Autorinnen teilen sie in drei Typen auf, die sie jeweils in einem ausführlichen Kapitel beschreiben. Alle drei teilen die Menschheit in zwei Gruppen ein: diejenigen, die überleben werden und diejenigen, die sterben müssen.
Drei Gruppen von Endzeitfaschisten und ihr Gefühl der Unantastbarkeit
Die religiösen Vertreter begrüßen das Ende der Welt, weil sie an die Wiederkunft des Messias glauben. Die Nationalisten wollen sich in einem nach außen abgeschotteten Nationalstaat einigeln. Die ultrareichen Tech-Bros wiederum hoffen, sie könnten sich in Luxusbunker, auf Privatinseln oder gar ins All retten.
„In ihrem Wahn, der von der ungeheuren Macht herrührt, die sie besitzen, haben die Endzeitfaschist:innen nicht mehr das Gefühl, auf demselben Planeten zu leben wie wir anderen. Isoliert durch ihren Reichtum, ihre Überlegenheit oder ihren Glauben, gehen sie in ihren Bunkerphantasien fest davon aus, dass ihnen nichts passieren kann. Und dieses Gefühl der Unantastbarkeit sorgt dafür, dass für uns andere alles noch weitaus gefährlicher wird.“
Naomi Klein und Astra Taylor: "Endzeitfaschismus"
Im Interview wird Klein noch deutlicher: „Wir nennen sie Verräter. Aber nicht Verräter an einer Nation, einer Flagge oder einer Grenze, sondern Verräter an der Schöpfung, sozusagen Verräter am Leben.“
Von Charlie Kirk bis Elon Musk: Radikalisierung der Eliten
Das Buch „Endzeitfaschismus“ ist eine anschauliche Mischung von Analyse, historischen Exkursen und Reportage. Zwar kennt man vieles bereits aus der Berichterstattung der letzten Jahre, doch die Autorinnen leisten eine bemerkenswerte Einordnung und liefern immer wieder überraschende Details: beispielsweise, dass Charlie Kirk für Trumps politische Gegner die Todesstrafe forderte und „heilige“ Hinrichtungen vorschlug, die im Fernsehen auch von Kindern gesehen werden sollten, als Warnung.
Oder wie Elon Musk mit einem riesigen Rechenzentrum nahe Memphis seine eigene KI Grok aus dem Boden stampfte und damit eine ganze Kleinstadt gegen sich aufbrachte.
Diesen Widerstandsbewegungen widmet sich das letzte Kapitel des Buchs. Vieles darin ist erwartbar, so etwa die Feststellung, dass die Endzeitfaschisten leichtes Spiel haben, weil ihnen kein entschiedener Gegenwind entgegenbläst.
Die Appelle der Autorinnen lesen sich oft wie gut gemeinte Gemeinplätze: „Wir müssen eigene Narrative schaffen, die die Emotionen ansprechen, das Zeug zum Mythos haben und die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpfen.“
Demokratische Gegenmacht statt Endzeitfantasien
Zur Verteidigung des Planeten entwickeln Klein und Taylor aber auch das Konzept des Hierseins. Beispiele dafür sind etwa der Wahlkampf von Zohran Mamdani um das New Yorker Bürgermeisteramt, der Widerstand Venedigs gegen Jeff Bezos‘ imperiale Hochzeitspläne sowie die wachsende Protestbewegung gegen ressourcenverschlingende Rechenzentren für die KI.
An die globale Politik stellen die Autorinnen drei dringende Forderungen: Regulierung von KI, eine Obergrenze für individuellen Reichtum und das Ende einer Straflosigkeit für eine Elite, die glaubt, die Gesetze gälten nicht für sie.
„Indem wir den Endzeitfaschist:innen die Quellen ihrer Macht und ihrer Wahnvorstellungen nehmen, können wir sie auf den Boden herunterholen und zur Rückkehr in eine gemeinsame Realität zwingen.“
Naomi Klein und Astra Taylor: "Endzeitfaschismus"
Gegen die Normalisierung des Skandalösen
Das Buch „Endzeitfaschismus“ wurde schnell geschrieben und auch schnell übersetzt, von nicht weniger als fünf Personen. In der zweiten Hälfte des Buchs mehren sich die Redundanzen, doch das ändert nichts an seiner Dringlichkeit.
Naomi Klein und Astra Taylor erinnern uns daran, wie verrückt die Zeiten sind, in denen wir leben. Damit, und das ist vielleicht das Wichtigste, ist ihr Buch ein Gegengift gegen die fatale Normalisierung des Skandalösen.