Gemütliches Abenteuer

Liebeserklärung an den Nachtzug

Ein Schlafabteil im European Sleeper, einem neuen Nachtzug zwischen Berlin und Amsterdam.
Reisen mit dem Nachtzug liegen wieder im Trend. In der Urlaubssaison ist die Nachfrage höher als das Angebot. © picture alliance / dpa-tmn / Zacharie Scheurer
Von Kristina Auer · 23.06.2024
Reisen mit dem Nachtzug erleben eine Renaissance, in ganz Europa entstehen neue Routen. Warum die langsame Fortbewegung auf der Schiene so großartig ist – wenn man ein paar Regeln beachtet.
Die Pritsche schaukelt gemütlich, begleitet vom monotonen Rattern der Räder auf den Schienen, vor dem Fenster erscheinen im Licht der ersten Sonnenstrahlen die Umrisse von Rom, Amsterdam oder Paris. Eine Reise mit dem Nachtzug ist eine perfekte Kombination aus Romantik, Abenteuer und Gemütlichkeit. Wer mit dem Nachtzug in den Urlaub fährt, hat in Europa viel Auswahl: In Deutschland starten Routen in viele europäische Nachbarländer, aber auch nach Skandinavien und zu verschiedenen Zielen in Italien.

Lange ging nichts mit dem Nachtzug

Dorthin führte vor vielen Jahren auch meine erste Reise mit dem Nachtzug – nämlich im Sitzwagen an den Comer See. Mit dabei drei Schulfreunde, ein Zelt und das unendliche Freiheitsgefühl, das man eigentlich nur mit 18 empfinden kann. Das Ticket heraus aus der Enge der elterlichen Kleinstadt hinein in die große Welt kostete gerade mal um die 30 Euro und führte direkt auf einen Campingplatz am Seestrand. Dafür ließ sich eine Nacht in verkrümmter Hock-Liegehaltung auf dem unbequemen Zugsitz locker wegstecken, der Rücken hält so was indem Alter noch ohne Konsequenzen aus.
Nach dieser großartigen ersten Erfahrung ging mit dem Nachtzug erst mal lange Zeit nichts mehr: Immer mehr Routen wurden eingestellt, 2016 verkaufte die Deutsche Bahn sogar gleich ihre komplette Nachtzug-Flotte – das vorläufige Aus für die meisten Strecken mit Start in Deutschland. Es war die Zeit der Billigflieger und Wochenendtrips zum Shoppen nach Mailand oder zur Party nach Prag. Bloß keine Zeit verlieren, alles erleben, und dabei auch gerne mal auf dicke Hose machen – so in etwa lässt sich das Lebensgefühl dieser Jahre beschreiben. Gemächliche Zugreisen von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen waren da fehl am Platz.

Die neue Gemächlichkeit sorgt für eine Wiedergeburt des Nachtzugs

Doch jetzt hat sich der Zeitgeist ein weiteres Mal gewendet – wohl auch dank Klimawandel, Corona und anderer Krisen. Achtsamkeit und Nachhaltigkeit lauten jetzt die wichtigen Lifestyle-Maximen, Jomo statt Fomo (Joy/Fear of missing out - Freude/Angst, etwas zu verpassen) ist das Gebot der Stunde und „Flugscham“ das Buzzword der Urlaubssaison. Die neue Gemächlichkeit sorgt für eine Wiedergeburt des Nachtzugs.
Die Grafik zeigt einen Ausschnitt des Streckennetzes von Nachtzügen in Deutschland und Europa.
© Deutschlandfunk
Überall sprießen neue Routen aus dem Schienennetz. Seit 2021 gibt es eine Verbindung von Berlin nach Stockholm, im letzten Jahr ging der "European Sleeper" nach Brüssel an den Start. Nachtzüge fahren auch von München nach Budapest und von Stuttgart nach Zagreb oder von Frankfurt nach Paris. Dänemark, Schweden, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Österreich, Italien, Frankreich, die Schweiz, Belgien und die Niederlande – alles von Deutschland aus wieder direkt mit dem Nachtzug erreichbar.

Vorteile von Nachtzug-Reisen

Das größte Streckennetz in Europa betreiben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Bis 2030 will das Unternehmen die Fahrgastzahlen im europäischen Nachtzugverkehr verdoppeln. Die Nachfrage ist schon jetzt so groß, dass viele Züge Monate im Voraus ausgebucht sind. Kein Wunder, denn das Reisen im Nachtzug hat neben der Romantik noch viele weitere, teils ganz pragmatische Vorteile:
  1. Reisen mit dem Nachtzug sind entspannter: Stundenlang vorher zum Flughafen, warten am Check-in, warten an der Sicherheitskontrolle, warten am Gate – all das können sich Zugreisende sparen. Stattdessen beginnt die Reise gleich am Gleis. Dazu kommt, dass der Weg zum Bahnhof meistens kürzer ist als der zum Flughafen. Auch kilometerlange Staus auf der Autobahn zum Ferienbeginn müssen Zugurlauber nicht fürchten. Und wenn es doch Verspätung gibt, kann man als Fahrgast einfach noch ein bisschen weiterschlummern.
  2. Wer Zug fährt, schont das Klima: Im Vergleich zum Flieger verbraucht das Reisen mit dem Nachtzug höchstens ein Zehntel an CO2. Wenn das kein Argument ist.
  3. Weniger Übernachtungen: Hotels in Städten wie Amsterdam, Kopenhagen, Paris oder Rom können ganz schön aufs Portemonnaie schlagen. Findet die An- und Abreise nachts statt, lassen sich zwei Übernachtungen einsparen. Das Gepäck für den letzten Tag kann man in Hotels so gut wie immer kostenlos aufbewahren. Auch wenn Zugfahrkarten oft teurer sind als Flugtickets, lässt sich so Geld sparen.

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Ganz ohne das Romantik-Argument geht es aber doch nicht. Denn beim Zugfahren reist die Seele mit – auch wenn ein Sprichwort, das angeblich von nordamerikanischen Indigenen stammt, das Gegenteil behauptet. Während man gemütlich gen Sonnenuntergang rattert, kann man zusehen, wie sich ganz langsam die Landschaft verändert.

Regeln für das Reisen im Nachtzug

Zugegebenermaßen bringt das Reisen mit dem Nachtzug aber auch ein paar Herausforderungen mit sich – die sich allerdings mit ein paar einfachen Regeln mühelos meistern lassen. So wird aus jedem Nachtzug-Neuling im Handumdrehen ein Schienen-Profi:
  1. Früh buchen: Um sicherzugehen, dass noch genügend Tickets am gewünschten Reisetag übrig sind, sollte man so früh wie möglich buchen.
  2. Einzelabteil für mehr Luxus: Keine Lust auf angeheiterte Schüler auf Klassenfahrt oder den Liegenachbarn, der Knoblauchdöner zum Abendessen hatte? In den meisten Nachtzügen kann man sich ein privates Abteil buchen. Das geht sowohl allein als auch für mehrere Personen. Auch tierische Familienmitglieder können im Privatabteil mitreisen. Damit alles klappt, sollte allerdings unbedingt Punkt 1 befolgt werden.
  3. Die besten Plätze sind unten: In den meisten Zügen sind die Liegeflächen stockbettartig übereinander angeordnet. Doch wer oben auf bessere Luft oder mehr Privatsphäre hofft, der irrt. Die besten Plätze sind immer unten. Wenn es auf der Schiene doch mal etwas heftiger ruckelt, besteht bei einem potenziellen Sturz von der Pritsche keine Gefahr. Und auch die wenigen Steckdosen im Abteil befinden sich meistens unten.
  4. Ohrstöpsel wirken Wunder: So ruhig wie im heimischen Schlafzimmer ist es im Nachtzug nicht. Das Rattern auf den Schienen kann je nach Strecke ganz schön laut werden, noch dazu kreuzen ab und zu Güterzüge den Weg. Dazu kommen die bereits erwähnten Schüler auf Klassenfahrt. Die Ohrstöpsel des Vertrauens sind deshalb ein unerlässliches Accessoire auf jeder Nachtzug-Reise. Profis bringen gleich noch eine Schlafmaske mit.
Auch mit Privatabteil in der ersten Klasse klingt die Reise mit dem Nachtzug noch zu beschwerlich? In diesem Fall gibt es noch eine ganz besondere Option – für die allerdings die Reisekasse aufgestockt werden sollte: den Venice Simplon Orient Express.

Der luxuriöseste Nachtzug der Welt

Es handelt sich um einen historischen Luxuszug mit originalgetreu restaurierten Waggons im Jugendstil, prächtig ausgestattet mit Teakholzwänden, Kristallglas und feinsten Polstermöbeln. In diesem fahrenden Palast lässt sich in exklusiver Gesellschaft eine Zugkreuzfahrt erleben, zum Beispiel in fünf Tagen von Paris nach Istanbul. Unterwegs wird Halt gemacht für Sightseeing in Budapest und Bukarest. Kürzere Routen führen etwa von Brüssel nach Venedig. Nächtigen kann man an Bord des Orient-Express im Doppelzimmer, aber auch in einer der edlen Grande Suites mit großem Wohnzimmerbereich, inklusive 24-Stunden-Zimmerservice und Champagner-Flatrate.
Bei so viel Luxus wird auch eine angemessene Garderobe erwartet – es herrscht absolutes Jeansverbot! "Im Venice Simplon-Orient-Express kann man nie overdressed sein", betont der Betreiber. Zum Dinner in einem der zuginternen Restaurants ist glamouröse Abendgarderobe erwünscht. Die Preise für den Orient-Express starten übrigens bei rund 4.000 Euro pro Person.
Bis ich das nötige Geld für den Luxuszug zusammen habe, warte ich auf den ersten Nachtzug nach Spanien. 2025 soll die Route Amsterdam-Barcelona an den Start gehen. Zuerst das Van-Gogh-Museum besuchen und danach zum Tapasessen auf die Rambla, dazwischen eine ruhige Nacht im Privatabteil – den Champagner bringe ich einfach selber mit.
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