Verhaftet als "Konterrevolutionär"
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Deutschland unter den vier Siegermächten aufgeteilt. Der Osten Deutschlands stand unter Aufsicht der Sowjetischen Militäradministration © picture-alliance / akg-images / Paul Almasy
Mit 15 Jahren ins Arbeits- und Erziehungslager

Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende, Klaus Adlung ist 15 Jahre alt. Für ihn könnte das Leben nun so richtig losgehen. Da verhaftet ihn das sowjetische Militär. Ihm wird vorgeworfen, sich einer konterrevolutionären Gruppe angeschlossen zu haben.
„Wir haben uns verkrochen und dann hörten wir draußen Pferdegetrappel. Das waren die Kosaken, die durch Wittenberge ritten. Am nächsten Tag zogen dann Tausende von Wagen mit Pferden ein” und die Militärkapelle spielte „Rosamunde”, erzählt Klaus Adlung. Auch heute noch erinnert er sich – wenn er den deutschen Schlager hört – an den Einzug der sowjetischen Armee 1945 in die brandenburgische Kleinstadt Wittenberge.
Mehr als 80 Jahre ist das her und Klaus Adlung ist mittlerweile 95 Jahre alt. Auf dem Wohnzimmertisch in seinem Haus in Bad Homburg hat er alle Unterlagen von damals ausgebreitet. Dokumente, in denen über sein Leben und Tod entschieden wurde.
15 Jahre alt war er, als er 1945 zusammen mit seinen Mitschülern verhaftet wurde. Angeblich hatten sie einen Kampf gegen die Kommunistische Partei und sogar einen bewaffneten Aufstand geplant. Klaus Adlung kann da nur den Kopf schütteln. Wie konnte es dazu kommen?
Nach Kriegsende ist das Leben in Wittenberge wie gelähmt. Die Verwaltung ist zusammengebrochen, die Versorgungslage schlecht. Lebensmittel werden sofort unter die Kontrolle der Roten Armee gestellt. Es wird gehamstert und auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Niemand weiß, wie es weitergehen wird.
Auch der 15-jährige Klaus blickt in eine ungewisse Zukunft. Als Kind träumte er – von der NS-Propaganda beeinflusst – noch von einem “Großdeutschland”, wollte Marineoffizier werden. Nach Kriegsende scheint es für den 15-Jährigen dagegen keine Zukunftsperspektive mehr zu geben.
Die sowjetischen Besatzer haben nun das Sagen. Sie beginnen, sozialistische Strukturen in der Stadt aufzubauen. Klaus und einige seiner Mitschüler sehen das kritisch. Sie ärgern sich, dass die neu gegründete “Antifaschistische Jugend” Mitglieder anwerben will und es dort Privilegien gibt, die andere nicht bekommen – die Mitgliedschaft im Sportverein oder den Eintritt in ein bestimmtes Schwimmbad beispielsweise. Der Frust bei Klaus und seinen Freunden wächst.
Der sowjetische Geheimdienst ist ihnen auf den Fersen
Ein Bekannter erzählt Klaus und seinen Freunden von demokratisch gesinnten Jugendorganisationen verschiedener Parteien im Westen. Zum ersten Mal hören sie, dass es auch Alternativen gibt. Sie beschließen, in Wittenberge ihre eigene Jugendgruppe zu gründen, als Zeichen des Protests gegen die Kommunistische Partei. Demokratisch soll diese sein und liberal.
Insgesamt schließen sich 29 Mitglieder an, darunter vorwiegend Schüler, Kinder im Alter von 14 bis 17 Jahren, sowie fünf Mädchen und zwei Mütter, die die Treffen in ihren Wohnungen erlauben. Wirklich viel passiert danach nicht, erzählt Klaus Adlung. Mal hätten sie kommunistische Flugblätter abgerissen, mal auch ein eigenes geschrieben, „wo wir gesagt haben: Wir wollen nicht kommunistisch sein”.
Ihre Gruppe nennen sie “Nationaldemokratische Partei”. Die Jugendlichen ahnen nicht, wie verdächtig eine solche ungenehmigte Gruppe ist und wie provokativ ihr Name klingt. Es dauert nicht lange, da ist ihnen der sowjetische Geheimdienst auf den Fersen. Nur zwei Monate nach der Gründung der Gruppe, am 9. Januar 1946, klingelt es an Klaus’ Tür. Er wird verhaftet.
Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Gruppe wird er in eine beschlagnahmte Villa in Brandenburg an der Havel gebracht, die als sowjetisches Untersuchungsgefängnis dient. Zu zwanzigst sind sie in einen kleinen Raum gesperrt. Wasser gibt es nicht. Anstelle einer Toilette steht in einer Zimmerecke eine Milchkanne, die einmal pro Tag geleert wird.
Schauprozesse vor sowjetischem Militärtribunal
Nach vier Wochen werden sie zur Gerichtsverhandlung gerufen. Ihnen wird vorgeworfen, eine geheime faschistische Organisation gegründet zu haben, um antisowjetische Propaganda zu betreiben und einen bewaffneten Kampf gegen die Kommunistische Partei Deutschlands zu führen.
Die ersten Urteile gegen einige der Gruppenmitglieder ergehen: Tod durch Erschießen. Klaus kann es nicht glauben. Er und seine Freunde haben damit gerechnet, für einige Monate in ein Umerziehungslager zu müssen. Die Todesurteile kommen für sie vollkommen unerwartet.
Doch die Prozesse vor sowjetischen Militärtribunalen folgen keinem rechtsstaatlichen Verfahren. Es sind Schauprozesse. Anfangs geht es noch darum, NS-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu bringen. Bald darauf werden unter dem Vorwand aber auch Andersdenkende verfolgt.
Schon das Verteilen von Flugblättern reichte aus, als Konterrevolutionär oder als Spion zu gelten. Insgesamt werden neun Gruppenmitglieder zum Tode verurteilt. Im April 1946 werden fünf davon begnadigt.
Klaus Adlung wird zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Er ist erleichtert. Dabei bedeutet das Urteil, dass er seine gesamte Jugend im Gefängnis verbringen wird.
Warten und Hoffen
Klaus und die anderen Verurteilten werden ins ehemalige KZ Sachsenhausen gebracht, das damals in ein sowjetisches Straflager umfunktioniert worden war. Nun beginnt das Warten – und das Hoffen, die Haft zu überleben. Zwölf der Jugendlichen sterben im Lauf der Zeit an Hunger und an der Tuberkulose.
Draußen geht das Leben derweil weiter. Aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) entsteht 1949 die Deutsche Demokratische Republik. Damit beginnt schrittweise die formale Übergabe staatlicher Kontrolle an die SED. In dem Zuge wird auch ein Jahr später, 1950, das sowjetische Lager im ehemaligen KZ aufgelöst. Alle Insassen werden den Behörden der DDR übergeben. Klaus und seine Mitgefangenen werden in ein altes Militärgefängnis nach Untermaßfeld in Thüringen gebracht. Dort sind die Haftbedingungen etwas weniger unwürdig.
„Wir kamen in eine neue Welt”
Im Jahr 1954 wird Klaus schließlich nach acht Jahren Gefangenschaft zusammen mit vielen anderen Häftlingen frühzeitig und ganz plötzlich entlassen. Ob es zu viele kranke Gefangene gab oder ob man den politischen Ruf der DDR damit verbessern wollte, weiß heute niemand genau.
Er wird um sieben Uhr morgens abgeholt und in einem Transporter Richtung Westen gebracht, wo sein Vater lebt. „Dann wurden wir über Feldwege an die Grenze gefahren. Drüben stand ein Bus.” Acht Jahre waren vergangen. „Wir kamen in eine neue Welt.”
Im Jahr 1995 – Klaus Adlung hat inzwischen erfolgreich Karriere bei einer Bank gemacht, eine Familie gegründet, die DDR und die Sowjetunion gibt es nicht mehr – kommt ein Brief aus Moskau. Eine vollständige politische Rehabilitation. Er und alle anderen Verurteilten werden rückwirkend von allen Vorwürfen freigesprochen. „Die ganze Tortur der Verurteilung, der Haft, des Sterbens war alles für die Katz”, sagt Klaus Adlung.
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