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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.11.2017

Mythos TomateGlanz und Elend des roten Frischgemüses

Von Annemieke Hendriks und Dirk Fuhrig

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Die legendäre Tomatensuppe von Campell - Warhol machte Kunst daraus. (imago stock&people / Richard Levine)
Die legendäre Tomatensuppe von Campell - Warhol machte Kunst daraus. (imago stock&people / Richard Levine)

Tomaten sind das beliebteste Gemüse der Deutschen. Dabei stammt das Gewächs ursprünglich aus Südamerika. Später griff die Frauenbewegung die Tomate als Symbol auf - und auch in Zeiten, in denen geschlechtliche Identitäten im Wandel begriffen sind, hat die Tomate viel zu sagen.

Ein Deutscher isst 8 Kilo frische Tomaten pro Jahr. Viel ist das nicht – wenn man das vergleicht mit den 32 Kilo Süßwaren, die ein Deutscher im Durchschnitt pro Jahr isst. Dabei ist die Tomate hierzulande sogar das am meisten gegessene Gemüse - noch vor Karotten. Und sie ist mit besonders viel Gefühl verbunden: Tomaten sollen bio, nachhaltig, gesund sein und haben sogar schon literarische Weihen bekommen.

"In unseren Stuben riecht es am Donnerstag nach Tomaten, am Sonntag nach Gänsebraten, und jeden Montag ist Wäsche. So sind die Tage: der rote, der fette, der seifige."

So schrieb einst Rainer Maria Rilke. Und auch Andy Warhol hat der Tomate mit den berühmten Campbell-Tomatensuppe-Dosen ein unvergessliches Denkmal gesetzt.

Ein globalisiertes Gewächs

Ursprünglich stammt die Tomate aus der Äquator-Region Südamerikas. Ihr kräftiges Rot erhielt sie erst durch spätere Kreuzungen. In Europa waren sie zunächst Zierpflanzen - als Nachtgewächse standen sie unter Verdacht, giftig zu sein.

Frisches Obst und Gemüse auf einem Markt in Fethiye (Türkei) (picture alliance /dpa /Heiko Wolfraum)Gemüsemarkt mit reichlich Tomaten - kein Gemüse verzehren die Deutschen häufiger (picture alliance /dpa /Heiko Wolfraum)

Jahrhundertelanges Wanderleben, Migrationsströme quer über den Atlantik und zurück - bevor ab den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts niederländische Gemüsebauern mit dem Tomatenanbau experimentierten. Heute wird der wertvolle Samen rund um den Globus geflogen, und die Gemüselaster fahren quer durch Europa. Historisch betrachtet müsste man der Tomate einen Weltpass ausstellen.

Die Tomate ist so globalisiert wie kaum ein anderes Gemüse. Einerseits. Andererseits hält sich hartnäckig der Mythos von der "nationalen Tomate", die jeweils besser sei als alle anderen - vom Geschmack her und was die Nachhaltigkeit angeht. Heute muss bei jeder Tomate das Ursprungsland verzeichnet sein.

Die Tomate als Zeichen und Symbol

Was zeichnet den "Mythos Tomate" aus? Wann gilt eine Tomate als deutsch oder niederländisch? Welche Geheimnisse birgt die Tomatenzucht? Sind Tomaten androgyne Wesen? Warum fliegen Tomaten, wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind? Und warum erklärte die studentische Frauenbewegung die Tomate zu ihrem Symbol?

Mit solchen und vielen weiteren Fragen befassen sich Annemieke Hendriks und Dirk Fuhrig in ihrem Zeitfragen-Feature "Mythos Tomate".

Hier können Sie das Manuskript als PDF herunterladen.

Annemieke Hendriks: Tomaten. Die wahre Identität unseres Frischgemüses. Eine Reportage
Be.bra, Berlin 2017
288 Seiten, 65 Abb., 18 Euro

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