Kommentar zum Muttertag

Mutterschaft ist eine radikale Entscheidung

04:52 Minuten
Ein Mutter hält ihre Tochter an der Hand und spaziert mit ihrem am Strand entlang. Im Hintergrund ist das weiter Meer zu sehen.
Druck und Erwartungen von allen Seiten machen es nicht leicht, eine "gute" Mutter zu sein © picture alliance / imageBROKER / Addictive Stock
Ein Kommentar von Catherine Newmark |
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Am Muttertag werden Mütter gefeiert, an anderen Tagen kritisch beobachtet. Trotzdem entscheiden sich die meisten Frauen für ein Kind, obwohl sie nicht ahnen können, was sie erwartet. Damit zeigen sie eine radikale Offenheit gegenüber der Zukunft.
Am heutigen Tag werden Mütter gepriesen und mit Blumen beschenkt, was sehr schön ist – zumindest wenn man keine Blumenallergie hat –, an jedem anderen Tag gibt es weniger Lob, dafür unendlich viele normative Erwartungen, eine „gute“ Mutter zu sein, auch wenn sehr unklar ist, was das ist.
Natürlich gebären oder Kaiserschnitt? Stillen ja oder nein und wenn ja wie lange? Was ist dran an der Bindungstheorie? „Free range children“ oder Helikoptereltern? Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Ratgeber-Kolumnen Mütter (und auch Väter) darüber verwirren, wie sie zu leben und zu handeln hätten. Kurz, Mutterschaft ist nicht nur physisch erschöpfend, sondern auch mental anstrengend.

Entscheidungsfragen

Dennoch entscheiden sich nach wie vor recht viele Menschen für die Mutterschaft: in Deutschland laut Statistik rund 80 Prozent aller Frauen. Aber was ist das eigentlich für eine Entscheidung, lässt sich philosophisch fragen?
Sicher keine alltägliche. Und auch keine nur individuelle: Zum einen gehören da – trotz der Option Samenspende – meist immer noch mindestens zwei Menschen dazu, die sich gemeinsam für oder gegen Kinder entscheiden. Zum anderen redet auch die Gesellschaft insgesamt gerne tüchtig mit, denn sie würde ja kollabieren, wenn sich eine sehr große Zahl von Frauen gegen das Mutterwerden entscheiden würde.
Die alten, sexistischen Philosophen sprachen mit dem in diesen Dingen nicht sehr aufgeklärten Aufklärer Rousseau von einer „Natur“ der Frau und einem „Mutterinstinkt“. Seit es weibliche Philosophinnen in größerer Zahl gibt, wird über Mutterschaft deutlich intelligenter philosophiert.

Von Beauvoir bis heute

Simone de Beauvoir, Vordenkerin der feministischen Philosophie, machte 1949 den Anfang mit einer vernichtenden Kritik an verlogenen bürgerlichen Mütterlichkeitsidealen und stellte die freie Entscheidung, also auch Themen wie Verhütung und Abtreibung, ins Zentrum. Mutterschaft könne nur dann erfüllend sein, wenn sie „frei übernommen und ehrlich gewollt“ sei.
Ob man sich allerdings überhaupt vernünftig fürs Muttersein entscheiden kann, ist eine Frage, die Philosophinnen heute stellen. Denn allen Ratgebern, allen Vorbildern, allen bekannten Müttern und Großmüttern zum Trotz: Eigentlich können wir im Voraus nicht wirklich wissen, was Mutterschaft bedeutet, was sie für Folgen hat, wie sie sich anfühlt und wie sie uns verändert.

Transformative Erfahrungen 

Die Philosophin Laurie Ann Paul hat für dieses Problem 2014 die Idee der „transformativen Erfahrungen“ geprägt: das sind Erfahrungen, die nicht nur leichte bis schwere Spuren in uns hinterlassen, sondern uns als Menschen selbst in einer Weise verändern, die wir gar nicht voraussehen können.
Ein sehr konstruiertes, aber vergleichbares Beispiel wäre „ein Vampir werden“: man stellt sich das vielleicht aufregend vor, hat Lust auf die Unsterblichkeit, kann sich auch Nachteile einer rein nächtlichen Existenz vorstellen, aber wofür man sich genau entscheidet, wenn man einem Vampirbiss zustimmt, kann man nicht wissen, weil man nie etwas annähernd Vergleichbares erlebt hat.
Die Entscheidung für die Mutterschaft – und übrigens auch für die Vaterschaft! – ist Laurie Paul zufolge die Entscheidung für eine solche transformative Erfahrung mit offenem Ausgang, und damit nicht rational durch Abwägen von Argumenten und Optionen, Pros und Contras, zu fällen, so sehr wir das auch versuchen mögen.

Keinen Plan davon, worauf man sich einlässt

Man mag über die relativ technische Vorstellung von rationaler Entscheidung streiten, die Paul voraussetzt, aber natürlich auch kritisiert. Die Beobachtung, dass werdende Eltern keine Ahnung haben, auf was sie sich da einlassen, ist auf jeden Fall sehr treffend.
Die Entscheidung für die Mutterschaft ist also eine für radikale Offenheit gegenüber der Zukunft: das ist eine existenzielle Ausübung von Freiheit. In dieser Art der Entscheidung liegt – entgegen allen Klischees – immer auch etwas Undurchsichtiges, ja Rätselhaftes: Warum tun Menschen das? Wovon träumen sie? Mögen sie überhaupt Blumen?
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