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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.12.2020

Monika Maron bei Hoffmann und Campe Mögliche Deutungen und deutliche Schlagseite

Von Wiebke Porombka

Porträtfoto der Schriftstellerin Monika Maron (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)
Nach ihrem vieldiskutierten Aus beim S. Fischer Verlag hat die Schriftstellerin Monika Maron nun bei Hoffmann und Campe die Erzählung „Bonnie Propeller“ veröffentlicht. (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)

Die umstrittene, bei ihrem ehemaligen Verlag vor die Tür gesetzte Schriftstellerin Monika Maron hat nun bei Hoffmann und Campe eine Erzählung veröffentlicht: "Bonnie Propeller" kann sehr verschieden gedeutet werden. (*)

Über Monika Maron wurde in diesem Herbst kontrovers diskutiert: Sowohl über ihre Nähe zu neurechten Positionen, ihre Veröffentlichung in der umstrittenen Exil-Reihe der Dresdener Buchhändlerin Susanne Dagen und die Entscheidung des S. Fischer Verlags, nach rund vier Jahrzehnten die Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin aufzukündigen.

Ebenso wurde über die Meldung diskutiert, dass Maron – anders als von einigen Kritikern gemutmaßt – nicht lange ohne Verlag blieb, sondern rasch bei Hoffmann und Campe unter Vertrag genommen wurde. Eine Entscheidung, die nicht zuletzt deshalb von einem Missklang begleitet wurde, weil die Stimme des Hoffmann-und-Campe-Verlegers Tim Jung fehlte. Er hätte seine Entscheidung auch jenseits des knappen Statements in der Presserklärung begründen und vertreten müssen, was er auch auf Nachfrage der Redaktion nicht tat. Verlegerisches Format sieht anders aus. (*)

Missklänge beim Wechsel zu Hoffmann und Campe

Eine andere Komponente des Missklangs: In der Pressemeldung zum Verlagswechsel wurde ausgerechnet Bezug auf den jüdischen Exilanten Heinrich Heine genommen, einen der großen historischen Namen von Hoffmann und Campe.

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Nur wenige Wochen nach dem Wechsel zu Hoffmann und Campe erscheint nun eine knapp 50 Seiten umfassende Erzählung Marons mit dem putzigen Titel "Bonnie Propeller", die augenscheinlich autofiktional von einer Schriftstellerin, Jahrgang 1941, erzählt. Diese bestellt sich nach dem Tod des geliebten Hundes im Internet einen Mischling, um nach dessen Ankunft entsetzt festzustellen, dass es sich um ein krummbeiniges, kleiner als annonciertes, struppiges Wesen handelt, das so ganz und gar nicht den Vorstellungen der passionierten Hundehalterin entspricht; wenn sie mithin beschließt, den Hund schnellstmöglich loszuwerden, gar zu verleugnen, dass sie überhaupt dessen Besitzerin sei; wenn sie das Tier, nachdem auch eine Freundin ihn nicht aufnehmen will und naserümpfend betrachtet, schließlich doch ins Herz schließt, dann liegen verschiedene Deutungen dieser Erzählung nahe.

Hund als Gesprächspartner

Möglich wäre etwa: Die Erzählerin, alter Ego der Autorin, bekennt sich zu einer Art innerem Exil. Den Hund nämlich, so heißt es, brauche sie vor allem, um jemanden zum Reden zu haben. Aber eben nicht irgendwen, sondern jemanden, der unliebsame Themen, das Politische, ausspart.

"Ich brauche ein Wesen um mich herum, das nichts anderes ist als Leben, das nichts weiß vom Aufstieg und Niedergang Roms, vom Dreißigjährigen Krieg und von der Shoah, nichts von Platon, Joyce und Kafka, nicht einmal von Konrad Lorenz; ein Lebewesen, das sich nicht für die neuesten Nachrichten interessiert und dem das Wort Zukunft nichts bedeutet."

Oder aber, nähme man "Bonnie Propeller" als Parabel, wäre auch folgende Lesart möglich: Bei dem struppigen, abgelehnten Wesen handelt es sich um Monika Maron selbst, die abgelehnt wird und nur darauf hoffen kann, dass ihre eigentlichen Qualitäten – das Hündchen, wie sich herausstellt, kann virtuos Pirouetten drehen – schließlich doch noch erkannt werden.

Skepsis gegenüber Versöhnungsspekulationen

Oder, noch einmal anders: Das struppige Hündchen, das ist die heterogene, gar nicht mehr heroische Gesellschaft, über die Maron immer wieder ihr Missfallen zum Ausdruck gebracht hat, inner- wie außerliterarisch. Will sie uns also sagen, dass sie sich vielleicht doch noch mit dem Erscheinungsbild der aktuellen Gesellschaft anfreundet?

Man sollte solcherart Versöhnungsspekulationen unbedingt skeptisch gegenüberstehen. Nicht nur setzen sie sehr viel guten Deutungswillen der Lesenden voraus.

Die Erzählung Marons hat jedenfalls im zweiten Teil auch eine deutlich andere Schlagseite. Da ist nicht nur vom "Corona-Regime" die Rede, da gibt es auch eine explizit freundschaftliche Geste für eine Dresdener Buchhändlerin, die sich nicht nur unmittelbar freundlich um den kleinen Hund der Erzählerin kümmert, als der während einer Veranstaltung zu jaulen beginnt, sondern am Ende sitzt man auch gemeinsam im Grünen und verspeist frisch gefangene Forellen. Daran gibt es nicht viel zu deuteln.

(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben die markierten Passagen gegenüber der ursprünglichen Version präzisiert.

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