Michael Rothberg: „Multidirektionale Erinnerung“

    Die Sackgasse der Opferkonkurrenz

    06:37 Minuten
    Das Buchcover "Multidirektionale Erinnerung" von Michael Rothberg ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen.
    Eine für das deutschsprachige Lesepublikum nachgelieferte Begründung für Michael Rothbergs Intervention in die Debatte um Achille Mbembe. © Deutschlandradio / Metropol Verlag
    Von Jürgen Zimmerer · 18.02.2021
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    Erinnerungspolitik muss nicht ein Unrecht gegen ein anderes ausspielen. Das zeigt der US-Literaturwissenschaftler und Holocaust-Forscher Michael Rothberg in seinem eindrücklichen, nun endlich ins Deutsche übersetzten Buch.
    Erinnerung ist eine umkämpfte Ressource, sie schafft Identität und Abgrenzung gleichermaßen. Sie kann exklusiv wirken oder plural und multidirektional. Sie kann sich gegenseitig ausschließen oder solidarisch unterstützen.
    All dies zeigt sich auch am Holocaust, der universellen Chiffre für das Böse schlechthin. So knapp ließe sich Michael Rothbergs "Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung" zusammenfassen. International bereits ein Klassiker der Erinnerungsforschung erscheint es nun auf Deutsch.

    Gegen die Opferkonkurrenz

    Warum erst jetzt (die englische Originalausgabe wurde 2009 veröffentlicht)? Und worin liegt die Sprengkraft? Rothberg setzt den vielfältigen Versuchen der Opferkonkurrenz die Einsicht entgegen, dass Erinnerung an unterschiedliche Ereignisse von Kollektivgewalt kein moralisches "Nullsummenspiel" ist, wonach die Anerkennung der einen Erinnerung notwendigerweise zulasten der Bedeutung der anderen führt; vielmehr ergänzen sie sich. Das Buch ist ein Plädoyer gegen all diejenigen, die Erinnerung allzu einseitig als Ressource im politischen Kampf benutzen, etwa um sich der Verantwortung für die kolonialen Verbrechen der Vergangenheit nicht stellen zu müssen.
    Die jetzt erfolgte Übersetzung ist die für deutsche Leserinnen und Leserinnen nachgelieferte Begründung von Rothbergs Intervention in die Debatte um Achille Mbembe im vergangenen Jahr. Dem kamerunischen Intellektuellen, der die Ruhrtriennale 2020 eröffnen sollte, war Antisemitismus und Holocaustrelativierung vorgeworfen worden. Neben seiner Unterstützung des BDS stützten sich die Vorwürfe darauf, dass er Israel als Apartheidstaat bezeichne und den Holocaust mit kolonialen Verbrechen vergleiche, ein Beleg für das von Rothberg kritisierte Nullsummenspiel.
    Rothberg hatte sich in die Debatte eingemischt und musste Belehrungen bis zu der des "jüdischen Selbsthasses" über sich ergehen lassen. Seine Texte darüber, wie sich die Aufarbeitung des Holocaust und der Kampf für die Dekolonisierung historisch gegenseitig bedingten und befruchteten, kannte kaum jemand. Der deutsche Diskurs erschien veraltet und provinziell, wobei sich die intellektuelle Selbstgenügsamkeit der deutschen Debatte dennoch problemlos zur guten alten deutschen Tradition intellektueller Überheblichkeit gesellte.

    Klassiker der Forschung

    Rothberg zeigt jedoch, wie sehr die kritische Auseinandersetzung mit kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt schon in ihrer Frühphase von Austausch und gegenseitiger Befruchtung geprägt war. Etwa als sich Hannah Arendt auf die Suche nach den Ursprüngen und Elementen totaler Herrschaft machte und sie auch im Imperialismus fand. Oder als W. E. B. Du Bois 1949 die Ruinen des Warschauer Gettos besuchte und die tiefe Verbindung zum Rassismus in den USA erkannte, und zwar ohne die präzedenzlose Radikalität des Holocaust zu leugnen, wie Rothberg schreibt.
    Dieses wichtige Buch macht deutlich, wie eine multidirektionale Perspektive beide Phänomene als Menschheitsverbrechen anerkennen konnte, ohne sie jeweils zu relativieren, zu einer Zeit, als in Deutschland der Holocaust noch verschämt verschwiegen wurde.

    Michael Rothberg: "Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung"
    Aus dem Englischen von Max Henninger
    Metropol Verlag, Berlin 2021
    404 Seiten, 26 Euro

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