Meditation

Risiken und Nebenwirkungen der stillen Praxis

Eine Frau steht in traditioneller schwarzer Tai-Chi-Kleidung auf einem Berg bei Sonnenaufgang. Sie hat die Hände vor das Gesicht geschlagen.
Meditation wirkt – und kann deshalb auch negative Effekte haben. Bei traumatisierten Menschen können belastende Erinnerungen hochkommen © picture alliance / Zoonar / Benis Arapovic
Viele Menschen suchen den Ausstieg aus dem Alltag - und gehen in Schweige-Retreats oder nehmen an Online-Coachings für mehr Achtsamkeit teil. Doch das kann auch gefährlich werden – etwa, wenn intensive Meditation psychische Ausnahmezustände auslöst.
Meditation boomt. In Zeiten von Krieg, Klimaangst und Dauerstress suchen viele Menschen nach Ruhe und Orientierung. Doch in den vergangenen Jahren zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Erfahrungen, dass meditative Praktiken – je nach Form, Intensität und persönlicher Verfassung – auch Risiken bergen können.
Denn die Bandbreite der Methoden reicht von einfachen, alltagsnahen Achtsamkeitsübungen bis hin zu intensiven Retreats und spirituellen Vertiefungstechniken. Diese Methoden wirken unterschiedlich stark auf die Psyche und erfordern je nach Intensität ein unterschiedliches Maß an Erfahrung und Stabilität.

Meditation und Nebenwirkungen: Welche psychischen Risiken bestehen? 

Meditation ist kein passives Entspannen, sondern ein aktiver Prozess, der bewusste Aufmerksamkeit erfordert. Schon einfache Atemübungen können innere Prozesse verstärken. Ulrich Ott, Meditationsforscher an der Universität Gießen, betont, dass neben positiven Effekten auch unangenehme Gefühle oder verdrängte Erinnerungen auftauchen können. 
Besonders intensive Formen wie Vipassana, das oft im Rahmen mehrtägiger Schweige-Retreats praktiziert wird, können Angstreaktionen bis hin zu Panik oder sogar psychotische Episoden auslösen. Diese Retreats beinhalten stundenlange Sitzeinheiten in Stille, frühes Aufstehen, strenge Regeln und vollständige Reizreduktion. 
Teilnehmende können unter diesen Bedingungen den Bezug zur Realität verlieren. Fachleute bestätigen, dass intensive Meditation horrortripähnliche Zustände hervorrufen kann. Ott erklärt, dass in solchen Fällen oft eine psychotherapeutische Begleitung erforderlich wird. 

Meditationsformen im Vergleich: Alltagspraxis versus Retreats

Nicht alle Meditationsformen sind gleich riskant. Alltagsnahe Achtsamkeitsübungen – etwa bewusstes Atmen, achtsames Essen oder klang- und bewegungsbasierte Meditation wie Tai-Chi – gelten als sicher und risikoarm.
Im religiösen Kontext ermöglichen wiederholende Gebetsformen wie der Rosenkranz, buddhistische Mantren oder das islamische Dhikr eine meditative Vertiefung. 

Meditationsapps: niedrigschwelliger Zugang mit ökonomischem Interesse 

Zudem drängen immer mehr Formen geführter Meditation auf den Markt – häufig über kostenpflichtige Apps wie „Headspace“. Sie bieten einen einfachen Einstieg, reduzieren komplexe Prozesse aber auf konkrete Nutzenversprechen wie besseren Schlaf oder weniger Stress. Nutzerinnen und Nutzer ohne Begleitung können allerdings überfordert sein – besonders wenn sie durch Folgen von Trauma, Angst oder Depression belastet sind.
Einige Apps, insbesondere christliche Angebote wie „Hallow“, sind zudem Teil politischer und ideologischer Netzwerke: Peter Thiel und J.D. Vance haben mehr als 100 Millionen Euro in diese App investiert. Dadurch können solche Apps Nutzerinnen und Nutzer politisch beeinflussen. 
Intensive Meditationspraktiken wie Vipassana oder mehrtägige Schweigeseminare können dagegen besonders für Anfänger und Menschen ohne Vorerfahrung sogar gesundheitlich riskant sein. Sie erhöhen durch lange Meditationseinheiten, Schlafmangel und soziale Isolation die Wahrscheinlichkeit emotionaler Überforderung. Es sind belegte Fälle von Panikattacken, Realitätsverlust und psychotischen Zuständen im Zusammenhang mit solchen Retreats dokumentiert.  

Wer sollte vorsichtig sein? Risikogruppen und psychische Vulnerabilität

Besonders gefährdet sind Menschen, die psychisch belastet sind und zum Beispiel in der Vergangenheit mit den Folgen von Traumata, Angstzuständen oder Depressionen zu kämpfen hatten. Psychologe Henrik Jung, der zu Psychedelika und deren Auswirkungen auf das Bewusstsein forscht, erklärt, dass tiefgreifende Bewusstseinszustände – ob durch Meditation oder durch teilweise illegale Substanzen ausgelöst – innere Schutzmechanismen lockern und starre Denk- und Wahrnehmungsmuster auflösen können. Dadurch entsteht zwar mehr Offenheit für neue Einsichten, gleichzeitig wird das Gehirn aber auch empfindlicher für Überforderung und instabile Erfahrungen. 
Immer wieder geraten Menschen nach solchen Erfahrungen in Angstzustände, psychotische Episoden oder existenzielle Verunsicherung – teils in klinisch relevanter Form. Auch biologische Faktoren wie Schlafentzug, Fasten oder soziale Isolation erhöhen das Risiko für psychische Belastungen. Eckhard Frick, Psychotherapeut und Professor für Spiritual Care an der Technischen Universität München, betont, dass grundsätzlich jeder Mensch psychosefähig ist und dass Überforderung einen Ausbruch begünstigen kann. 

Sichere Meditation: Warum Anleitung und Struktur entscheidend sind 

Ein sicherer Rahmen und eine kompetente Anleitung sind entscheidend. Denn eine sanfte und aufmerksame Begleitung, die Raum für Reflexion und individuelle Anpassung bietet, schützt vor negativen Erfahrungen.  
Problematisch wird es, wenn Meditation in hierarchische oder sektenähnliche Strukturen eingebettet ist, die Druck ausüben oder Heilsversprechen abgeben. 

Meditation in der Therapie: Wann sie wirkt - und warum

Trotz der Risiken wird Meditation erfolgreich in der Behandlung psychischer und körperlicher Beschwerden eingesetzt, etwa zur Reduktion von Stress, Ängsten und Schmerzempfinden. Verschiedene klinische Studien zeigen, dass Meditation in der Therapie von Erkrankungen wie Krebs und chronischen Schmerzen positive Effekte haben kann. 
Zudem gibt es immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass Meditation die psychische Gesundheit verbessern und Ängste reduzieren kann. 
Entscheidend ist jedoch auch hier eine professionelle Begleitung, damit Belastungen früh erkannt und Risiken minimiert werden. 

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