Max von der Grün

Mehr als ein „Arbeiterdichter“

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Max von der Grün, deutscher Schriftsteller (1926-2005), undatierte Aufnahme: Er trägt einen dicken Anorak, raucht Pfeife und blickt direkt in die Kamera.
Seinen Durchbruch hatte Max von der Grün 1962 mit dem vieldiskutierten Roman „Irrlicht und Feuer“. Er thematisierte die miserablen Arbeitsbedingungen unter Tage. © picture alliance / SZ Photo / Anita Schiffer-Fuchs
Von Helmut Böttiger |
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Mit dem Etikett „Arbeiterdichter“ konnte Max von der Grün nie etwas anfangen. Mit seinen Romanen löste der Erfolgsautor in der alten Bundesrepublik heftige Diskussionen aus. Seine politische Analyse ist zu seinem 100. Geburtstag erschreckend aktuell.
In der Bundesrepublik der 60er- und 70er-Jahre galt Max von der Grün als der Arbeiterschriftsteller schlechthin und erzielte beträchtliche Auflagen. Er hatte nach dem Krieg zunächst Maurer gelernt, war dann Schlepper und Hauer unter Tage und machte nach einem schweren Unfall eine Umschulung zum Grubenlokführer. Das klingt nach einem idealen "Arbeiterdichter". Doch das wollte Max von der Grün gar nicht sein. „Weil ich Bergmann war, muss ich also ein Arbeiterdichter sein“, sagte er. „Das hängt mir an.“ Er deutete an, dass es bis an sein Lebensende so sein würde – und erklärte: „Das tut mir auch nicht weh. Nur frag‘ ich immer: Leute, was ist das?“ Und forderte sie auf: „Erklärt mir, was das ist!“
Am 25. Mai 1926 in Bayreuth geboren, wuchs Max von der Grün als uneheliches Kind in unübersichtlichen Verhältnissen auf. Seine Mutter war eine Dienstmagd, sein Vater ein Knecht, der aber bald das Weite suchte. Während des Kriegs geriet er für zwei Jahre in amerikanische Gefangenschaft. Mit Literatur war er zu diesem Zeitpunkt noch nie in Berührung gekommen, sieht man von der Lutherbibel seines Stiefvaters ab, der Mitglied der Sekte „Zeugen Jehovas“ war.

Bekanntestes Mitglied der „Gruppe 61“

Um Geld zu verdienen, ging Max von der Grün 1951 in den Kohlebergbau ins Ruhrgebiet. Sein Schreiben war zunächst eher tagebuchartig, anfangs entstanden auch romantisch angehauchte Gedichte. Die harte körperliche Tätigkeit und die Erfahrungen unter Tage änderten aber zwangsläufig auch seine literarischen Versuche. Er sagte, er wisse selbst nicht, wie er in diesen Beruf hineingekommen sei: „Ich weiß nicht, ob bei mir der Wunsch dahinterstand, mal Autor zu werden. Sondern ich war nur bass erstaunt, dass ich es plötzlich war.“
Ohne jeglichen Kontakt mit dem Literaturbetrieb schrieb Max von der Grün an seinem Bergbauroman „Männer in zweifacher Nacht“, der die existenziellen Herausforderungen unter Tage beschrieb. Er bezeichnete die Lage seiner Protagonisten als eine „U-Boot-Situation“. Eine konkrete politische Problematisierung ist in diesem ersten Roman noch nicht erkennbar.
Als Autor suchte er den Austausch und stieß in Dortmund auf ein Archiv der Arbeiterliteratur, das der Bibliothekar Fritz Hüser aufgebaut hatte. Dort gab es Zusammenkünfte von Interessierten. Hier lag die Keimzelle der „Gruppe 61“ - und Max von der Grün wurde sehr schnell zu ihrem bekanntestem Mitglied.
Sein Debüt wurde 1962 verlegt, und im Jahr darauf erschien mit „Irrlicht und Feuer“ sein Durchbruch: Ein vieldiskutierter Roman, der auf heftige Widerstände stieß, bald in 14 Sprachen übersetzt wurde und zehn Jahre später auf eine Gesamtauflage von mehr als drei Millionen Exemplaren kam. Hier ging es um die miserablen Arbeitsbedingungen unter Tage, die der Autor durch seine dreizehnjährige Tätigkeit bei den Klöckner-Werken sehr gut kannte.
Ein Angebot der Direktion, den Roman zurückzuziehen und stattdessen unter lukrativen Bedingungen in die Hauptverwaltung des Unternehmens zu wechseln, lehnte von der Grün ab - und wurde freier Schriftsteller. Er wollte sich allerdings keineswegs auf ein Thema reduzieren lassen und auch von theoretischen Prämissen nichts wissen. Seine Überzeugung: „Schreiben ist doch weiter nichts anderes, als dass ich mich hinsetze und versuche, eine Geschichte zu erzählen. Entweder man kann sie erzählen oder man kann sie nicht erzählen.“ Er wolle etwas ausdrücken, betonte er. „Solange ich schreibe, beschäftige ich mich ungeheuer mit mir selber.“

Aktuelle politische Diagnose

Max von der Grün war eigensinnig und durchaus ein Feuerkopf. Politisch ließ er sich politisch nicht vereinnahmen oder auf eine Richtung festlegen. Aus der SPD trat er 1966 aus, als die Partei in eine Große Koalition mit der CDU einwilligte. In der „Gruppe 61“, die sich der Arbeiterliteratur verschrieb, stieß er im Lauf der 60er-Jahre wegen seiner Erfolge auf Vorbehalte. Er selbst sprach von „Futterneid“. Und es kam innerhalb dieser anfangs ziemlich erfolgreichen Schriftstellervereinigung zu Fraktionierungen und Auseinandersetzungen, die Anfang der 70er-Jahre zur Gründung des „Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“ führten.
Max von der Grüns Romane wurden mehrfach verfilmt, er arbeitete auch viel für Rundfunk und Fernsehen. Sein Roman „Stellenweise Glatteis“ löste 1974 heftige Debatten aus, denn er kritisierte nicht nur Industrieunternehmen, sondern auch Gewerkschaftsvertreter. Damit geriet er in die damals hitzigen Auseinandersetzungen der Linken um die richtige Linie.
Er habe bei seiner gesamten Arbeit stets festgestellt, so von der Grün, dass der „Arbeiter an sich“ vielleicht nicht reaktionär, aber sehr konservativ sei. „Er ist Abhängiger, er muss mehr Angst haben.“ Daher habe die Parole „Keine Experimente“, die von der CDU stammte, „nirgendwo einen besseren Nährboden gehabt als grad‘ in der Arbeiterschaft“. Ob er ahnte, auf welch andere Weise aktuell diese Diagnose im Jahr 2026 sein würde, wenn Arbeiter sogar AfD wählen?
1976 erzielte der Autor mit seinem Jugendbuch „Vorstadtkrokodile“ noch einmal einen großen Erfolg. Es wurde zu einem Longseller, der nicht nur direkt nach der Entstehung verfilmt wurde, sondern noch einmal im Jahr 2009.
Max von der Grün starb 2005 in Dortmund-Lanstrop, seinem jahrzehntelangen Wohnort. Es lohnt sich, ihn zu lesen, nicht nur für Arbeiter und Arbeiter- und Parteifunktionäre, sondern für alle, die an gesellschaftspolitischen Fragen interessiert sind.
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