Mary Ruefle: "Mein Privatbesitz"

Welche Farbe hat die Traurigkeit?

05:41 Minuten
Auf dem weißen Cover des Buchs stehen der Name der Autorin, der Titel und der Name der Übersetzerin.
© Verlag Suhrkamp

Mary Ruefle

Übersetzt von Esther Kinsky

Mein PrivatbesitzSuhrkamp, Berlin 2022

127 Seiten

18 Euro

Von Michael Braun · 21.01.2022
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Die US-Dichterin Mary Ruefle schreibt mit bemerkenswerter Leichtigkeit über Themen wie Alter, Vergänglichkeit, Leben und Tod. In ihren 41 Prosaminiaturen führt sie aber auch spannende Konstellationen vor, etwa von Gemütszuständen und Farben.
Mary Ruefle hat eine Menge Überraschungen in den 41 flirrenden Prosaminiaturen dieses Buches zu bieten. Auf knappstem Raum legen diese Prosakunststücke eine enorme geistige Strecke zurück und münden nie in eine beruhigende Pointe, sondern wirbeln immer neue Fragen auf. Das Alter, die Vergänglichkeit und die Grenzbereiche zwischen Leben und Tod sind bevorzugte Themen, die aber mit bemerkenswerter Leichtigkeit behandelt werden. Als magisches Objekt fungiert dabei ein gelber Seidenschal, der in einer Erzählung schwerelos heranweht und die Figuren und Motive der Handlung auf allerlei Ab- und Umwege schickt.

In Deutschland noch wenig bekannte Poetin

Es gehört zur großen Prosakunst Ruefles, ihre Figuren nicht in ein konventionelles Handlungsgerüst einzubetten, sondern fast in jedem Satz ihre Geschichten in eine neue Richtung zu verzweigen, ausgehend von skurrilen kleinen Entdeckungen in der Alltagswelt, in der sich ihre Heldinnen befinden.
Die 1952 geborene und in Bennington (Vermont) lebende Autorin hat in den USA bereits elf Gedichtbände und zwei Prosabände publiziert und in ihrer Heimat schon zahlreiche Auszeichnungen erhalten. In Deutschland wurde sie erst kürzlich durch ein Dossier in der Literaturzeitschrift "Schreibheft" (Nr. 97) bekannt, das eine Auswahl aus ihrer eminenten poetischen Überraschungskunst vorstellte.

Sprünge durch eine extrem verdichtete Prosa

Etliche der 41 Prosastücke ihres Bandes „Mein Privatbesitz“, der im amerikanischen Original 2016 erschien, kann man mit gutem Recht auch als Prosagedichte lesen, so auch die Variationen über die elf Farben der „Traurigkeit“, die in einem stark elliptischen, assoziativ flackernden Stil verfasst sind.
Das Prosastück „Pause“ beginnt mit dem Scan eines handschriftlichen Verzweiflungsprotokolls: „April‘s Cryalog“. Darauf folgt eine sarkastische Reflexion über die peinigende Zeit der Wechseljahre, wobei sich Suizidfantasien mit Notaten trotziger Selbstbehauptung überlagern. „Buchstäblich – ich wollte mich umbringen“, notiert die Erzählerin, „mit einem Bügeleisen, einem heißen, eingeschalteten Bügeleisen.“ Ein paar Sätze weiter folgt ganz trocken-ironisch die gegenläufige Bewegung: „An manchen Tagen möchtest du einen Baum vögeln, oder einen Hund, was auch immer in Reichweite ist.“ Mit dieser kunstvoll lakonischen Sprungtechnik bewegt sich Mary Ruefle durch ihre extrem verdichtete Prosa.

Therapeutika gegen den horror vacui

In die innersten Bezirke des Metaphysischen führt schließlich die Titelgeschichte, in der die Ich-Erzählerin so detailreich wie unheimlich über die Vorzüge von Schrumpfköpfen räsoniert und sie als möglichen Bestandteil unserer Begräbnisriten anpreist.
Insgesamt liefern Ruefles subtil geflochtene Miniaturen sehr überzeugende Therapeutika gegen den horror vacui. Im intensivsten Text des Bandes besucht ein „gelber Fink“ den Futterspender vor der Wohnung einer vereinsamten und moribunden Frau. Der Erzähler spricht aus der Vogelperspektive: „Sie sah mich an, als wäre ich das letzte Lebendige auf der Welt. Und da es stimmte, fraß ich weiter.“

Staunen über die Schöpfung

Der Büchnerpreisträger und begeisterte Ruefle-Leser Clemens J. Setz hat der Autorin ein „nie abreißendes Staunen über die Schöpfung“ bescheinigt. Tatsächlich haben wir es hier mit einer hoch konzentrierten Prosa von berückender Imaginationskraft zu tun, die in jedem Satz neue überraschende Blickwinkel auf unsere Lebenswelt eröffnet. 
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