Gisela von Wysocki: „Der hingestreckte Sommer“

Erinnerungen an eine Kindheit aus Klängen

Buchcover "Der hingestreckte Sommer" von Gisela von Wysocki.
© Suhrkamp Verlag

Gisela von Wysocki

Der hingestreckte SommerSuhrkamp, Berlin 2021

256 Seiten

24 Euro

Von Michael Braun · 26.11.2021
Eine berückende Liebeserklärung an Kino und Musik: In fein geschliffenen Prosaminiaturen erinnert sich Gisela von Wysocki an Schlüsselszenen ihres Lebens. Sie sind „im Rausch von der Leinwand gepflückt“.
Die 1940 in Berlin geborene Essayistin und Erzählerin Gisela von Wysocki hat ihre Kindheit als staunende Ohrenzeugin in einem Elternhaus verbracht, in dem Opernmusik und Schallplatten den Alltag bestimmten.
Ihr Vater Georg von Wysocki war ein Pionier der Schallplattenkultur, der König der Schellackplatten in Berlin. Zu den intensivsten Kindheitseindrücken der Autorin gehören denn auch die Tage, an denen ihr Vater sie in die Geheimnisse der kohlschwarzen Scheiben einweist, ihnen Töne und Melodien entlockt.

Skizzen, Traumszenen, Denkbilder

In ihrem Roman „Wir machen Musik“ hat Wysocki 2011 von diesem von Musik verzauberten Leben erstmals erzählt. Ihr neues Prosabuch „Der hingestreckte Sommer“ sprengt nun die Linearität des Erzählens und fächert die Darstellung der Kindheit zu einem leuchtenden Mosaik auf - aus insgesamt 49 kurzen Prosatexten unterschiedlichster Machart, die mal als Skizzen, Traumszenen und Mikroerzählungen oder auch als Porträts und philosophische Denkbilder daherkommen.

Bachs finstere Augenhöhlen

Die Erzählung „Der Kirchenraum“ handelt etwa von der Überführung der sterblichen Überreste Johann Sebastian Bachs aus der im Krieg schwer beschädigten Leipziger Johanniskirche in die Thomaskirche im Juli 1949.
Die finsteren Augenhöhlen des Bachschen Schädels erleben die Zeugen der Überführung als metaphysischen Schock. Das Verhältnis von Kunst und Tod erforscht auch die zweite Erzählung, die von einer Begegnung mit der hochbetagten Friederike Mayröcker berichtet.

Wiedersehen mit Dietrich und Adorno

Ausgehend von diesen beiden Memento mori-Geschichten schildert die Autorin prägende Urszenen in ihrer musik- und filmsüchtigen Familie. Dabei beschwört sie in ihrer Erinnerungs-Architektur immer wieder die Protagonisten ihrer früheren Bücher herauf: etwa Marlene Dietrich, die große „Metropolitan Lady“ des Tonfilms, und den Philosophen Theodor W. Adorno, bei dem von Wysocki studierte und dem sie einen ganzen Roman („Wiesengrund“) gewidmet hat. Er ist als hohe, prononcierte Stimme im Radio und als Charismatiker im Hörsaal gegenwärtig: „Ein schallwellenverschlüsseltes, ein von Äther durchwirktes Wesen sprach zu mir.“

Pathos der Sachlichkeit

Im Kapitel „Die ruhelosen Wörter“ rekonstruiert Gisela von Wysocki die Stationen ihrer intellektuellen Sozialisation und ihren Einstieg in das journalistische und literarische Schreiben.
Nach der Einschulung wurde die Siebenjährige reichlich mit Bildbänden über Opernsängerinnen und Schauspieler versorgt, geriet aber beim Erlernen des Schreibens ins Stolpern.
Später, bei ihrer ersten journalistischen Arbeit für die "Frankfurter Rundschau", wählte sie schon zielsicher jenes Themenfeld, das sie zeit ihres Lebens in stilistisch eleganten Essays erforscht hat: "Verordnete Träume, Bubikopf und sachliches Leben". Die Aufbruchsfantasien von Künstlerinnen und Dichterinnen in der Weimarer Republik und ihr Pathos der Sachlichkeit beschrieb sie in ihrem fabelhaften Essaybuch „Die Fröste der Freiheit“ aus dem Jahr 1980.

Bilder und Musik vereint

Etliche Partien aus „Der hingestreckte Sommer“ ziehen die Linien dieses frühen Werks weiter, entwerfen zum Beispiel skizzenhafte Porträts der in Auschwitz ermordeten Malerin Charlotte Salomon oder der dort ebenfalls getöteten Kinderbuchautorin Else Ury - gewaltsam abgebrochene weibliche Biografien.
In dem amerikanischen Organisten Cameron Carpenter findet Gisela von Wysocki schließlich die künstlerische Gestalt, die ihre musikalische und filmische Passion verbindet: Er orchestriert in einem Berliner Kino mit seiner Orgel einen Stummfilm. In vollkommener Ergriffenheit folgt die Erzählerin dem Geschehen, darauf bedacht, „die Leinwand nicht durch eigene Lebensäußerungen zu stören“. Das verlockende Reich der Licht-Bilder erscheint als verlässlichster Zufluchtsort, stärker fast als die Magie der Literatur.

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