Schreibheft 97: "Das Manifest der Muse"

    Das "Große Amerikanische Gedicht" ist weiblich

    06:15 Minuten
    Cover Schreibheft 97
    Einen literarischen Skandal um ein berühmtes US-Gedicht deckt die Zeitschrift "Schreibheft" auf. © Deutschlandradio / Rigodon Verlag
    Von Michael Braun · 13.09.2021
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    Ein ganz Großer in der US-amerikanischen Lyrik hat sich schamlos bedient, bei Marcia Nardi. Ihr verhilft die Zeitschrift "Schreibheft" nun zu jener Aufmerksamkeit, die der Dichterin gebührt, und erweitert damit einen patriarchalisch geprägten Kanon.
    Von guten Literaturzeitschriften erwarten wir nicht, dass sie sich andächtig vor dem literarischen Kanon verneigen, sondern dass sie ihn mit guten Argumenten ins Wackeln bringen und unseren Blick öffnen auf neue, unbekannte Regionen der Weltliteratur.
    Seit fast vierzig Jahren organisiert der in Köln lebende Publizist, Hörfunkautor und Herausgeber Norbert Wehr in seiner Zeitschrift "Schreibheft" diese Expeditionen in unbekanntes literarisches Gelände. In der faszinierenden No. 97 des "Schreibheft" sorgt er nun mit dem Dossier "Das Manifest der Muse" für nachhaltige Korrekturen an unserem Bild der modernen amerikanischen Poesie.

    Kalte Instrumentalisierung

    Als Lehrmeister der modernen amerikanischen Lyrik gilt seit jeher der Dichterarzt William Carlos Williams (1883-1963). Schauplatz seines "Großen Amerikanischen Gedichts" ist die Industriestadt Paterson in New Jersey in den 1930er-Jahren, eine Stadt, mit der er bis in die intimsten Einzelheiten vertraut war.
    Als die Arbeit an "Paterson" ins Stocken geriet, begegnete er 1942 der Dichterin Marcia Nardi (1901-1990), die sich wegen eines Problems mit ihrem ungebärdigen Sohn an Williams gewandt und ihm dabei einige Gedichte gezeigt hatte. Was dann geschah, nämlich die kalte Instrumentalisierung der Dichterin Nardi, hat der Literaturforscher Stefan Ripplinger im Schreibheft rekonstruiert. Williams schwang sich sofort zum Förderer der Autorin auf.

    Abgeschriebene Briefe

    Nach einer Weile fühlte er sich durch die immer umfangreicher werdenden Briefe Nardis bedrängt und brach im Frühjahr 1943 den Kontakt zu ihr ab, während er mit seinem eigenen "gottverdammten Gedicht" nicht zurande kam.
    Als dann 1946 und 1948 die ersten beiden Bücher des Paterson-Poems erschienen, musste sich Marcia Nardi verraten fühlen. Denn in beide Bücher integrierte Williams wortwörtlich zwei ihrer umfangreichen Briefe, ohne freilich die Autorenschaft Nardis auch nur anzudeuten.
    Zwar gehört es zum Wesen von Paterson, dass neben Liedern und Gedichten auch dokumentarische Passagen aus Chroniken, Briefen, Testamenten und Tabellen darin montiert sind, aber nur bei Nardis Briefen wird die Quelle anonymisiert.

    Vergessene Dichterinnen

    In weiteren starken Dossiers werden im "Schreibheft" No. 97 zwei weitere US-amerikanische Autorinnen profiliert, die man im deutschen Sprachraum noch nicht kennt. Da ist zum einen Lorine Niedecker (1903-1970), die in einer Hütte auf Blackhawk Island westlich von Fort Atkinson, Wisconsin, eine eigene Spielart des Nature Writing entwickelte. Der Dichter Norbert Lange versammelt hier Briefe und Gedichte Niedeckers und dokumentiert die Vorarbeiten zu einem späten Lebensprojekt der Autorin – nämlich dem Versuch, den Lake Superior, den größten See Nordamerikas zu umrunden.
    Ein urbanes Gegenstück zur Naturpoetik Niedeckers stellt das Werk der 1952 geborenen Schriftstellerin Mary Ruefle dar. Über Ruefles bizarre Kurzvorlesungen ("Am Anfang war William Shakespeare ein Säugling und wußte rein gar nichts. Er konnte nicht einmal sprechen") begeistert sich Clemens J. Setz.

    Gegen einen patriarchalischen Kanon

    Einige Beispiele von Ruefles lakonischer Dichtung übersetzt Esther Kinsky:
    "Ich trug Blut an den Kleidern, drei Tage lang.
    Ich benutzte meine Initialen, nie meinen Namen. Ich mähte das Gras nicht
    und reparierte nichts,
    egal ob den Schuppen
    oder technisches Versagen.
    …Ich las keine Zeitung,
    auch keine alten Bücher
    oder das Kleingedruckte auf Dosen.
    Alles wurde auf gut Glück erwärmt."
    Das neue "Schreibheft" ist Pflichtlektüre – dokumentiert es doch am Beispiel dreier US-amerikanischer Autorinnen nachhaltige Akte der Auflehnung gegen einen patriarchalisch geprägten Literaturbetrieb.

    Schreibheft - Zeitschrift für Literatur No. 97
    Rigodon Verlag, Essen 2021
    180 Seiten, 15 Euro

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