Yevgenia Belorusets: „Zündhölzer“

Auch Opfer bringen im Krieg keine Erlösung

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Das Buchcover von „Zündhölzer“: gelbe Linien auf schwarzem Hintergrund
© Matthes & Seitz

Yevgenia Belorusets

Übersetzt von Claudia Dathe

Yevgenia Belorusets: „Zündhölzer“Matthes & Seitz, Berlin 2026

136 Seiten

20,00 Euro

Von Carsten Hueck  |
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Die 17-Jährigen Sascha und Alexandra suchen in einem Keller in der Ukraine Zuflucht - und nach Zündhölzern. Sie teilen Geschichten und Erinnerungen. Draußen eine kaputte Welt. Ein Text über Sinn-und Auswegslosigkeit, Krieg und zerstörte Seelen.
Es ist dunkel. Zu sehen nur „zwei schwarze Schatten im schwarzen Quadrat eines Raums“. 17 Jahre alt sind Sascha und Alexandra, zwei Jugendliche. Aber da Sascha auch die Koseform von Alexandra ist, sind es vielleicht nicht zwei, sondern nur einer. Die Autorin führt Leser und Leserinnen gleich zu Beginn schon auf unsicheres Terrain.
Unsicher auch ist die Form des Textes, angelegt wie ein Theaterstück, in Akte und Szenen unterteilt, könnte er aber auch eine Hörspielvorlage sein oder ein rabenschwarzes Märchen, eine Collage aus Erinnerungen, Erfundenem oder ein absurdes Selbstgespräch.
Alles könnte anders sein, aber das würde nichts ändern. Denn wir befinden uns im Krieg. In einem Versteck unter der Erde, in der Dunkelheit. Der Raum ist nicht hermetisch, es dringen Geräusche von fern in ihn ein, Raketeneinschläge, Stimmen aus einem unsichtbaren Radio, raschelnde Zeitungen oder das des Schneeschippens. Aber eine Ordnung in der Zeit gibt es nicht.

Postapokalyptisch und dystopisch

Sascha und Alexandra sprechen miteinander wie Vladimir und Estragon in Becketts „Warten auf Godot“. Die Parallele ist unüberhörbar. Da sind zwei an einen Unort gebannt, den sie eigentlich verlassen könnten. Aber sie tun es eben nicht. Zu stark die Angst. Vielleicht die Gewöhnung? Vielleicht die Apathie.
Im Nachwort schreibt die Autorin Katja Petrowskaja, ihre Freundin Yevgenia Belorusets habe „Zündhölzer“ „fast direkt nach der Sprengung des Kachowska-Damms“ im Juni 2023 geschrieben. „Alles, was auf der Erde lebte und gebaut wurde, selbst die Grundlage des Lebens, wurde auf einem riesigen Territorium weggespült. Felder und Dörfer versanken, eine ganze Welt wurde zu Atlantis.“
Die Welt dieses Textes wirkt postapokalyptisch und dystopisch. Auf der beständigen Suche der beiden Protagonisten nach Zündhölzern stoßen sie zwar stolpernd an den alten Plunder in ihrem Kellerloch, finden aber immer wieder Wörter. Sie flirten auch, sie machen Witze. Sie hören nicht auf zu sprechen. Das macht und hält sie lebendig.
Plötzlich taucht eine Frau im Keller auf. Als dritte Stimme erweitert sie das Duett, und kündet von der Ankunft zweier Männer: Die Einbrecher aus der Außenwelt überzeugen Sascha und Alexandra, mit ihnen den Keller zu verlassen. In einem Boot bringen sie sie auf eine Insel. Und erklären während der Überfahrt, dass dort ein Fest gefeiert wird, in dessen Verlauf Sascha und Alexandra verbrannt und dann verzehrt würden.

Erlösung ist nicht zu haben

Yevgenia Belorusets nimmt hier das Motiv des Kannibalismus auf, das aus den Werken des russischen Autors Vladimir Sorokin als Kritik an Totalitarismus und ironische Abrechnung mit der Grausamkeit des sowjetischen Erbes bekannt ist. Zuletzt in der Parabel „Nastja“ 2022, in der ein junges Mädchen im Familienkreis verzehrt wird.
Und auch Alexandra und Sascha nehmen die Aussicht, einer Gemeinschaft Freude zu bereiten, mehr oder weniger gelassen hin. Allerdings hat das Ritual nicht den erwarteten Erfolg. Die Inselgemeinschaft hat keinen Hunger und stochert maximal lustlos im angebrannten Fleisch herum. Erlösung, scheint die Autorin zu sagen, ist auch durchs Opfern nicht zu bekommen.
In einem Land, das einst entsetzlich unter dem Holdomor gelitten hat, ist das eine bittere Perspektive auf Geschichte. Und auch auf den anhaltenden Krieg: Sich zu opfern erscheint sinnlos. Ebenso sinnlos, wie es nicht zu tun. Die Dunkelheit herrscht überall. Und selbst Geschichten wie diese, die einen Moment erleuchten, brennen ab wie Zündhölzer.
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