Marcel Hunecke: "Psychologie der Nachhaltigkeit"

Vom achtsamen Ich zum nachhaltigen Wir

07:07 Minuten
Das Buchcover zeigt die Zeichnung eines Astes mit violetten Blättern vor grünem Grund. Um den Ast windet sich eine weiße Spirale.
© oekom Verlag

Marcel Hunecke

Psychologie der Nachhaltigkeit. Vom Nachhaltigkeitsmarketing zur sozial-ökologischen Transformationoekom-Verlag, München 2022

272 Seiten

29 Euro

Von Christian Schüle · 14.05.2022
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Nachhaltig und ökosensibel leben, das wollen viele Menschen. Aber geht das nur mit Verzicht? Der Psychologie-Professor Marcel Hunecke weist einen verblüffenden Weg: Motivation, Lustzuwachs und gesteigerte Lebensfreude führen zum Ziel.
Man braucht gar nicht drumherum zu reden. Grundproblem Nr. 1 ist bekannt und betrifft einen womöglich selbst: In modernen Konsumgesellschaften, so notiert der Dortmunder Psychologieprofessor Marcel Hunecke, werde individuelles Glückserleben an den Besitz materieller Dinge gekoppelt. Sprich: Persönlicher Erlebniskonsum geht auf Kosten der Natur.
Das Gleiche bei Grundproblem Nr. 2: Menschen, die ihr Leben primär nach materialistischen Werten ausrichten, vermeiden Erfahrungen, die unabhängig vom materiellen Besitz sinnstiftend sind und das Wohlbefinden positiv beeinflussen könnten.
Wer Nachhaltigkeit also nicht nur als wohlfeile Marketingstrategie missverstehen will, zielt auf etwas weit Größeres ab: eine tiefgreifende soziokulturelle Transformation. Je schneller, desto besser.

Mit Lust und Lebensfreude in den Öko-Kommunalismus

Aber wie? Es ist ja weit komplizierter und komplexer mit der menschlichen Psyche, als Umwelt-Aktivisten und -Aktivistinnen sich das vorstellen können.
Um über einen lokalen Öko-Kommunalismus hinaus den nachhaltigen Lebensstil auf möglichst globaler Ebene auch nur annähernd zu erreichen, beschreitet Hunecke einen durchaus verblüffenden Weg: über Motivation, Lustzuwachs und gesteigerte Lebensfreude. Sein Kerngedanke: Persönlichkeitswachstum soll höher bewertet werden als die Vermehrung des materiellen Wohlstands.

Da in absehbarer Zeit dafür keine materiellen Belohnungen zu erwarten sind, besteht der entscheidende motivierende Faktor für den Einzelnen in der Verbesserung seines Wohlbefindens und seiner Lebenszufriedenheit.

Marcel Hunecke

Der Umwelt- und Organisationspsychologe ist klug genug, auf plumpes und billiges Kapitalismus-Bashing zu verzichten. An keiner Stelle seines Buches geht es um weltfremde Forderungen, um Rechthaberei oder selbstgerechte Schulmeisterei. Keinesfalls will Hunecke den Menschen als asketischen Verzichtsapostel, stattdessen strebt er das genussfähige Individuum an.
Das heißt: Nur was körperliches Wohlbehagen fördert, wird – weil es die Selbstakzeptanz steigert – schließlich ein Umdenken beeinflussen.
Aus Huneckes Sicht erfüllen vornehmlich sechs spezielle aus insgesamt 20 bekannten „psychischen Ressourcen“ die Voraussetzungen einer sozial-ökologischen Transformation, da sie den Einzelnen motivieren, sich dauerhaft auf längerfristige Reflexions- und Erfahrungsprozesse einzulassen: Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit, Sinnkonstruktion, Genussfähigkeit, und allen voran: Achtsamkeit und Solidarität.

"Aufwärtsspiralen" in Gang setzen

Gut, aber wie geht das zusammen? Über handlungstheoretische Konstrukte, meint Hunecke, genau gesagt: durch in Gang gesetzte „Aufwärtsspiralen“. Um das Sperrige hier konkret zu machen: Die sozial-ökologische Transformation bedarf in erster Linie achtsamer Individuen.
Wer beispielsweise den eigenen Geschmackssinn sensibilisiert, nimmt ökologisch angebaute Nahrungsmittel als geschmacksintensiver wahr. Und Studien legen nahe, dass Reisende nach wenigen Minuten praktizierter Atemübung ein weitaus umweltsensibleres Tourismusverhalten an den Tag legen: Sie bevorzugten beispielsweise die weit schonendere Besichtigungs- statt der naturzerstörerischen Klettertour.

Die positiven Erfahrungen nachhaltigen Verhaltens können beispielsweise aus einem Zugewinn an Autonomie, einer Entschleunigung und Entrümpelung des Alltags, einem Zugewinn an Gemeinschaft, einer Verbesserung der eigenen Gesundheit und einem erhöhten Zeitwohlstand resultieren.

Marcel Hunecke

Es sei empirisch belegt, resümiert der Psychologe, dass die Kausalität von Achtsamkeit und Naturverbundenheit zur Erhöhung des Mitgefühls für andere Lebewesen – und also die Natur – beitrage.
Das kann jeder und jede. Achtsamkeit lässt sich lernen und trainieren. Nötig sind Disziplin und Ausdauer.

Nachhaltiges Leben vor Ort

Bleibt die Millionen-Dollar-Frage: Wie vom achtsamen Ich zum nachhaltigen Wir kommen? Wie die Psychologie der Nachhaltigkeit in den Alltag, in Schulen, Unternehmen oder Organisationen, also in komplexe Systeme überführen?
Kurz gesagt: durch Nachhaltigkeits-Coaching zur Persönlichkeitsentwicklung, durch Gesundheitsförderung, Bildungsprogramme in Schulen und besonders Hochschulen, durch Umweltmanagement in Unternehmen und Nonprofit-Organisationen sowie direkte persönliche Kommunikation in kommunalen Wohnquartieren.
Hunecke plädiert für konkrete Nachhaltigkeit, für das nachhaltige Leben vor Ort, nicht für eine Verlagerung auf Akteure der internationalen Ebene.

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Letztlich ist dieser Psychologe kein Tagträumer, sondern Realist: "Aus der Perspektive der reinen Wahrscheinlichkeit betrachtet, stehen die Chancen für eine sozial-ökologische Transformation schlecht.“
Das Buch endet denkbar resignativ: Moralische Predigten schrecken ab, die ökonomischen Steuerinstrumente brauchen noch Jahrzehnte und ordnungsrechtliche Regularien sind gegenwärtig nicht konsensfähig. Insgesamt denken und leben maximal 20 Prozent der deutschen Bevölkerung im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation.

55 kleine Schritte

Was also ist dann überhaupt möglich? Hunecke bleibt gezielt konstruktiv und ist stets um Sinnkonstruktion bemüht. Schließlich schlägt er 55 Startpunkte für kleine Schritte vor.
Als Botschaft grob zusammengefasst hört sich das wie folgt an: Wandern und flanieren Sie. Erleben Sie die Natur. Sensibilisieren Sie ihre Sinne. Seien Sie nachsichtig mit sich selbst. Meditieren Sie fürs gesteigerte Mitgefühl. Etablieren Sie Dankbarkeitsrituale. Engagieren Sie sich ehrenamtlich.
Essen Sie achtsam – und in Ruhe. "Nur, wenn wir unser Leben als sinnvoll wahrnehmen, sind wir überhaupt bereit, in das Leben zu investieren – auch, wenn es anstrengend wird.“
Marcel Huneckes „Psychologie der Nachhaltigkeit“ ist ein illusionsfreies Exempel an Nüchternheit und Redlichkeit – frei von Pathos und Moral, stets um Realitätssinn und eine konstruktive Haltung bemüht. Und genau deshalb ist es lehrreich und glaubwürdig.
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