Manja Präkels: "Radiorauschen im Sternenpark"

Wider den braunen Ungeist

06:35 Minuten
Das Buchcover von Manja Praekels "Radiorauschen im Sternenpark" zeigt einen nächtlichen Blick auf eine beleuchtete Hochhausstadt.
© Verbrecher Verlag

Manja Präkels

Radiorauschen im SternenparkVerbrecher Verlag, Berlin 2026

188 Seiten

20,00 Euro

Von Angela Gutzeit |
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Rechtsextreme Gewalt, Einschüchterung und jahrzehntelanges Schweigen: Was Manja Präkels in ihrer ostdeutschen Heimat erlebte, prägt ihr Schreiben bis heute. Ihr neuer Textband „Radiorauschen im Sternenpark“ versammelt Essays und Erinnerungen.
Mimi Schulz sei ihr in den Körper geschrieben, so Manja Präkels im Vorwort ihres neuen Buches „Radiorauschen im Sternenpark“. „Die werde ich nicht mehr los“, heißt es. Mimi war die Protagonistin in Präkels Erfolgsroman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von 2017. Dass die Autorin sie nun in diesen Essays, Geschichten und Reflexionen hier und dort wieder auftauchen lässt, verweist auf inhaltliche Kontinuitäten.
Im Roman hatte die Autorin dieser Figur ihre eigenen Erfahrungen aus den 1990er-Wendejahren im brandenburgischen Zehdenick auf den Leib geschrieben. Eine Welle rechtsextremer Gewalt hatte die ostdeutschen Länder erfasst. Präkels war 1992 gerade 17 Jahre alt, als sie in einem Versteck mit anhören musste, wie ihr Bekannter Ingo Ludwig vor einer Diskothek ihres Heimatortes von Skinheads zu Tode geprügelt wurde. Danach nur Schweigen in der Havelstadt Zehdenick, so die Autorin.

„Das öffentliche Schweigen zum Tode Ingo Ludwigs war von Anbeginn unüberhörbar gewesen. Wie ein stummer Pakt zwischen den Tätern, der Zehdenicker Stadtgesellschaft, aus der sie stammten, und sogar den Zeugen jener Nacht, von denen doch jeder selbst zum Opfer hätte werden können, Angst erlebt hatte und nur zufällig verschont geblieben war.

Die Mordnacht in Zehdenick
„Überschreiben (für Ingo)“ heißt der Essay, in dem dieses für die Autorin prägende Erlebnis noch einmal rekapituliert wird. Ein Ereignis, das Präkels literarischen und journalistischen Arbeiten fortan die Richtung wies. In diesem zentralen Text zeichnet sie ihren Lebensweg nach, vor allen Dingen ihre Recherchen zur Mordnacht in Zehdenick, die sie hartnäckig fortführte, bis sie 1998 wegen Drohungen aus der rechten Szene Hals über Kopf nach Berlin floh.
Seitdem reist sie herum mit ihren Texten, liest und diskutiert. Auch musikalisch ist sie unterwegs mit ihrer 2001 gegründeten Band „Der singende Tresen“, die mit vertonten Gedichten des im KZ Oranienburg ermordeten Erich Mühsam bekannt wurde. Eine Aktivistin wider den braunen Ungeist, so könnte man ihr Engagement einordnen. Für sie selbst keineswegs unvereinbar mit ihrem literarischen Anspruch.
„Ob ich Aktivistin bin? Gäb es denn eine Alternative? Ist nicht das Schreiben selbst Aktivismus, wenn es sich gegen die vermeintliche Unaufhaltbarkeit, den Mangel an Morgen und Empathie richtet?
Diese mangelnde Empathie konstatiert sie bereits bei den Jüngsten in den Schulen. In einem ihrer Texte erzählt Präkels von einer Lesung vor einer ostdeutschen Schulklasse. Grölend quittierten die Kinder die Bemerkung einer Mitschülerin, dass sie nur Hitlers „Mein Kampf“ lese. Präkels Roman über die Opfer rechter Gewalt prallte an der jungen Zuhörerschaft ab: „Die Kinder verweigern meiner Begleiterin Mimi und ihrem totgeschlagenen Freund ihr Mitgefühl. Was muss ihnen geschehen sein?“
Nun ist rechtsextreme Gewalt wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal ostdeutscher Bundesländer. Aber Ostdeutschland ist eben Präkels ureigener Erfahrungsraum, dessen Zerrissenheit spürbar ihr Leben und Schreiben bestimmt. Dass diese Zerrissenheit durchaus auch auf den Fehlstart der sogenannten Wende zurückgeführt werden kann, formuliert sie im Text „Immerkrieg“ so:
„In die Euphorie der überwundenen Grenzen und neuen Freiheiten mischte sich eine beispiellose Wut. Ein soziales Gefüge zerbrach lautstark unter der Last des enormen Anpassungsdrucks. Volkseigentum wurde Beute, Menschen aussortiert. Neue Gesetze kannten weder das Recht auf Arbeit noch das auf Abtreibung…“
Engagiertes Schreiben
Präkels zielt mit diesen Sätzen vor allen Dingen auf die klaffenden Lücken, die sich zu Beginn der 1990er-Jahre auftaten, und die Rechtsextremisten sich zu Nutze machten, indem sie Angst und Misstrauen in ihre eigenen hasserfüllten Kanäle lenkten. Wie schreibt man darüber? Eine ihrer Antworten in diesem Band lautet: über die Grenzen schauen, den Blick schärfen für ähnliche Muster. So geht es gleich in der ersten Geschichte des Bandes um eine Reise in die USA mit ihrer Protagonistin Mimi Schulz, die mit Beklemmung die fortschreitenden Repressalien und Menschenjagden in Trumps „MAGA“-Land wahrnimmt und mit ihren Erfahrungen im Heimatland kurzschließt. Noch eindrücklicher aber sind Präkels Texte, wenn sie die Menschen auf ihren ostdeutschen Erkundungstouren ganz nah heranholt.
So erzählt die Autorin am Schluss des Bandes in der Geschichte „Mondscheinnebel überm Moorland“ von der Zeit, die sie zwischen Oktober 2025 und April 2026 als erste Torschreiberin im vorpommerschen Triebsees verbrachte. Der Tristesse des Ortes, noch einmal betont durch Präkels Schwarz-Weiß-Fotografien, setzt sie mit ihren sensiblen Porträts, wie zum Beispiel von den Menschen des Arbeitskreises Asyl oder des Frauenvereins, ein paar leuchtende Farbtupfer entgegen. Dass eines Abends ein zermatschter Kürbis als Wurfgeschoss an ihrem Schlafzimmerfenster klebte, hinterlässt dann aber doch wieder ein zwiespältiges Bild.
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