Andrea Newerla: „Wie Familie, nur besser“

Ganz anders zusammenleben

06:43 Minuten
„Wie Familie, nur besser“ ist soziologische Analyse und Ermutigung im freundlichen Du-Ton zugleich, meint Susanne Billig.
© Kösel Verlag

Andrea Newerla

Wie Familie, nur besser. Wie wir neue Formen des Zusammenlebens gestaltenKösel Verlag, München 2025

224 Seiten

20,00 Euro

Von Susanne Billig |
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Immer weniger Menschen heiraten und im Durchschnitt ist eine Ehe nach 15 Jahren wieder vorbei. Gibt es bessere Möglichkeiten, verlässlich zusammenzuleben? Ja, sagt Andrea Newerla – und wirbt für alternative Lebensformen.
In ihrem Buch „Wie Familie, nur besser“ rechnet Andrea Newerla hart mit der patriarchal geprägten, heterosexuellen Kleinfamilie ab. Diese erweist sich weit häufiger als unzuverlässig als das romantische Ideal es will, und Menschen erleiden darin auffallend häufig psychische und physische Verletzungen bis hin zu schweren Traumata.
Die promovierte Soziologin, Beziehungsberaterin und Intimitätsforscherin plädiert dafür, das Fundament intimer Beziehungen breiter zu bauen. Auch jenseits von Vater, Mutter, Kind lässt sich füreinander dauerhaft Verantwortung übernehmen und soziale Sicherheit schaffen.

Erstaunlich kreative Experimente

Was das konkret bedeuten kann, zeigt die Autorin in vier entscheidenden Lebensbereichen. In Fallgeschichten erzählen Menschen von ihren oft überraschend kreativen sozialen Experimenten – von polyamoren Mehrsamkeiten über Wohnprojekte bis hin zu Freundschaftskreisen, die nicht zusammenleben, aber ihre Finanzen teilen.
In der Liebe plädiert Andrea Newerla für eine Aufwertung der Freundschaft, die als tragfähige, lebenslange Bindung ebenso viel Sicherheit und Verbindlichkeit bieten könne wie eine Partnerschaft.
Beim Wohnen sind Hausprojekte und große Wohngemeinschaften keine Notlösungen, sondern schaffen Stabilität. Fällt eine Person oder ein Elternteil aus, fängt die Gemeinschaft die Sorgearbeit auf.

Wahlfamilie und Fachkräfte pflegen zusammen

Eine solidarische Ökonomie, in der Einkommen bedarfsorientiert umverteilt werden, bietet ebenfalls soziale Sicherheit. In solchen Modellen wird es sogar möglich, sich auch große Lebenswünsche zu verwirklichen, die allein nicht gestemmt werden können.
In der Fürsorge wird die Last für die und den Einzelnen umso geringer, je mehr Menschen sich kümmern. In der Sorge um ältere Menschen können Wahlfamilien und Gemeinschaften soziale Teilhabe und Zuwendung übernehmen, während der Staat die körperliche Pflege durch Fachkräfte sicherstellt.

Neue Gemeinschaften: verhandeln und üben

Alternative Lebensformen gelingen nicht immer, das verschweigt die Autorin nicht, auch wenn die traditionelle Kleinfamilie in ihren Dysfunktionen bei ihr sehr viel schlechter wegkommt als die unerträgliche WG oder das in Finanzstreitigkeiten untergehende Wohnprojekt. Vor allem räumt sie ein, dass ein Leben jenseits traditioneller Muster viel Arbeit bedeutet – ständig gilt es zu besprechen, zu verhandeln und zu üben. Doch genau das macht solche Gemeinschaften eben auch transparenter und gerechter.
Die größte Hürde für kreative Lebensformen sieht Andrea Newerla in der deutschen Rechtslage. Miet-, Steuer- und Sorgerecht bevorzugen Ehe und Kleinfamilie massiv. Alternative Modelle gelten rechtlich als „Beziehungen zwischen Fremden“ und Menschen, die darin leben, müssen ihr Miteinander mühsam durch Vollmachten absichern oder auf den Handschlag vertrauen.
„Wie Familie, nur besser“ ist soziologische Analyse und Ermutigung im freundlichen Du-Ton zugleich. Es lädt dazu ein, aus althergebrachten Pfaden auszubrechen und sich bewusst „verwandt zu machen“. Als Lohn winken – möglicherweise, auf das Experiment kommt es an – mehr Freiheit und eine robustere Geborgenheit.
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