Tobias Wilhelm: „So was wie dein Papa“

Aus dem Leben eines alleinerziehenden Pflegevaters

10:54 Minuten
Der Schriftsteller Tobias Wilhelm sitzt mit verschränkten Beinen auf dem Boden, mit abgewandtem Gesicht liegt ein Kind in seinem Schoß, im Hintergrund sind ein Schreibtisch und Gardinen zu sehen.
Pflegevater Tobias Wilhelm: "Wann ist es angemessen, dass ich eingreife?" © Marcus Heep
Moderation: Frank Meyer · 24.05.2022
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Der Schriftsteller Tobias Wilhelm hat ein erzählendes Sachbuch über einen Pflegevater geschrieben. Wilhelm ist selbst einer, hat aber nicht nur eigene Erfahrungen in der Geschichte verarbeitet. Er wünscht sich, dass sein Familienmodell bekannter wird.
Meine riesige Familie: So nennt der fünfjährige Noah all die Menschen um ihn herum, die Bluts- und die Pflegeverwandten. Noah lebt bei seinem alleinerziehenden Pflegevater. Über diese Form von Vaterschaft und Familie hat der Schriftsteller Tobias Wilhelm nun ein Buch geschrieben. „So was wie dein Papa“ heißt es und ist ein erzählendes Sachbuch. Es bezieht sich teils auf reale Fälle, teils ist es aber auch Fiktion.
Wilhelm hat zwar selbst ein Pflegekind, im Vorwort macht er aber deutlich, dass sein Buch nicht autobiografisch ist. Unter anderem wegen der Persönlichkeitsrechte von Beteiligten habe er nicht seine eigene Geschichte erzählen können, sagt Wilhelm. Zudem sei die gewählte Form eine Möglichkeit gewesen, verschiedene Schicksale miteinander zu verweben.

Kinderwunsch schon mit 15

Wilhelm erzählt aus der Ich-Perspektive eines jungen Mannes. Zu dessen Motivation, als Alleinstehender ein Pflegekind aufzunehmen, sagt Wilhelm: „Weil er einen Kinderwunsch hat. Es gibt ja auch Männer, die einen Kinderwunsch haben.“ Bei ihm selbst sei dieser Wunsch schon mit etwa 15 Jahren da gewesen - da passte er bereits auf seine kleinen Cousins auf.
Das Kind im Buch, Noah, wächst die erste Zeit bei der leiblichen Mutter auf, die überfordert ist. Mit der Familienhilfe vom Jugendamt klappt es nicht. Es gibt Hinweise, dass der Junge vernachlässigt wird, dass ihm vielleicht sogar Gewalt angetan wird. Daraufhin kommt Noah in eine Bereitschaftspflegestelle und wird von dort aus weiter vermittelt. Zu diesem Zeitpunkt ist er zwei Jahre alt.

Nach zwei Jahren will die Mutter Noah zurück

Bei Noah äußern sich die schwierigen Erfahrungen, die er gemacht hat, in sehr starken Wutanfällen, bei denen er um sich schlägt, sich auch zum Teil selbst verletzt. Für den Pflegevater sind sie eine enorme Belastung. „Es ist natürlich eine Herausforderung, ein älteres Kind aufzunehmen, das kein Baby ist“, sagt Wilhelm.
Der Pflegevater im Buch findet nach und nach Strategien, um mit der Situation umzugehen. „Wann ist es angemessen, dass ich eingreife, das Kind zum Beispiel festhalte, auf den Schoß nehme, umarme, ihm Halt gebe? Und wann ist es angemessen, es einfach in Ruhe zu lassen und ihm auch die Chance zu geben, diese Wut abzureagieren, indem es auf einen Boxsack schlägt oder den Kinderwagen malträtiert?“
So lernen die beiden sich immer mehr kennen. Das Buch erzählt, wie eine Beziehung zwischen den beiden entsteht.

Prozess vor dem Familiengericht

Der letzte Teil des Buchs schildert dann, was es bedeutet, dass die Mutter Noah nach zwei Jahren zurückhaben will. Eine solche Entscheidung werde in der Regel von einem Familiengericht getroffen, erklärt Wilhelm. Er schildert in seinem Buch, wie ein solcher Prozess aussehen kann.
Wilhelms Wunsch ist, dass das Buch dazu beiträgt, das Familienmodell alleinerziehender Pflegevater bekannter und damit normaler zu machen. Es kämen immer noch sehr viele Fragen, wenn man sich als "Pflegevater" zu erkennen gebe, berichtet der Autor.
(abr)

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